Türkische Staatsbürgerin Cansu Badur bittet aus ihrer Gefangenschaft in Afghanistan um Hilfe
Die türkische Staatsbürgerin Cansu wird in Kabul, Afghanistan, seit einem Jahr in einem Haus festgehalten und dort misshandelt. Nachdem ihr im Februar die Flucht aus dem Haus gelungen war, suchte sie Zuflucht in der Botschaft der Republik Türkei in Kabul. Da die Taliban-Behörden jedoch keine Ausreiseerlaubnis erteilten, wurde sie an Abdul Varsi Ndori, den Mann, mit dem sie zwangsverheiratet wurde, zurückgegeben. 12punto hat Cansu, die gestern über soziale Medien um Hilfe rief, sowie ihre Familie in der Türkei kontaktiert. Cansus Bruder, Alican Badur, appellierte an die Behörden: „Das Leben meiner Schwester ist in Gefahr, bitte helfen Sie ihr, in die Türkei zurückzukehren.“
Bericht: Sinem Nazlı Demir
Die 31-jährige türkische Staatsbürgerin Cansu Ndori, geborene Cansu Badur, ist durch ein Video, das sie aus dem Haus aufnahm, in dem sie in Afghanistan zwangsweise festgehalten wird und Gewalt erfährt, in den Fokus der türkischen Öffentlichkeit gerückt.
12punto hat Kontakt zur Familie von Cansu aufgenommen und begonnen, den Fall genau zu verfolgen. Zunächst wurde der Kontakt zu ihrem Bruder hergestellt, anschließend wurde ein kontrollierter und vorsichtiger Kontaktplan entwickelt, der über herkömmliche journalistische Methoden hinausging, um Cansu zu erreichen.
In diesem Rahmen wurde unsere Reporterin Sinem Nazlı Demir nicht durch die direkte Offenlegung ihrer Identität, sondern durch eine Methode, die Cansus Sicherheit nicht gefährdet, in den Prozess einbezogen. Demir, die von Cansus Bruder als alte Bekannte aus der Nachbarschaft vorgestellt wurde, sorgte für den Aufbau des notwendigen Vertrauensverhältnisses, damit das Gespräch stattfinden konnte. Ihr Bruder sagte zu Cansu: „Wenn wir heute Abend sprechen, soll Sinem auch dazukommen, sie möchte dich sehen.“ Damit bereitete er den Boden für diese Kommunikation.
CANSUS STANDORT WURDE ERMITTELT UND DEN BEHÖRDEN GEMELDET
Ihr Bruder sagte zu Cansu: „Lass uns heute Abend wie jeden Abend sprechen, Sinem möchte sich auch dazuschalten, sie möchte dich sehen“ sagte er und bereitete damit den Boden für diese Kommunikation.
Auf diese Weise wurde am 12. April um 02:31 Uhr afghanischer Zeit ein Videoanruf getätigt. Dieses Gespräch war jedoch kein Interview im klassischen Sinne. Es wurden keine direkten Fragen zu Gewalt, Gefangenschaft oder ihrer Situation gestellt; das Gespräch wurde so geführt, dass es von außen betrachtet wie ein gewöhnlicher Austausch wirkte.

Nach dem Gespräch leitete Sinem Nazlı Demir den Prozess ein, um auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse und Daten mit den zuständigen Behörden Kontakt aufzunehmen. Gleichzeitig wurde ein Online-Interview mit Cansus Bruder Alican Badur geführt, um den Appell der Familie an die Öffentlichkeit zu tragen.
ABDUL HAT DAS ERBE MEINES VATERS VON CANSU GENOMMEN
Alican Badur, der mit 12punto sprach, erläuterte detailliert, wie die Beziehung zwischen Cansu und Abdul begann und an welchem Punkt der Prozess einen Bruch erlitt. Der Familie zufolge basierte diese Beziehung von Anfang an nicht auf Vertrauen, sondern auf wirtschaftlicher Ausbeutung:
„Im Jahr 2022 verstarb mein Vater und hinterließ meiner Schwester vor seinem Tod ein Erbe. Nach damaligem Geldwert waren das 80.000 Türkische Lira. Zu dieser Zeit arbeitete meine Schwester Cansu in einer Textilwerkstatt in Sultangazi und lernte dort den afghanischen Staatsbürger Abdul Varsi Ndori kennen. Später begannen sie zu kommunizieren, und diese Person lieh sich die 80.000 Lira von meiner Schwester. Aber eigentlich hat er sie getäuscht, denn er hat dieses Geld nie an sie zurückgezahlt.“
IM JAHR 2022 WURDE ABDUL ABGESCHOBEN
Die erste kritische Entwicklung, die den Verlauf der Beziehung veränderte, trat ein, als der rechtliche Status von Abdul in der Türkei bekannt wurde. Nach einem Streit schalteten sich Polizeikräfte ein, die feststellten, dass Abdul sich illegal im Land aufhielt, was die Richtung des gesamten Prozesses grundlegend änderte.
Diese Entwicklung führte nicht nur zur Abschiebung von Abdul, sondern markierte auch den Beginn eines Prozesses, der Cansu in der Folgezeit nach Afghanistan führen sollte.
Alican Badur beschrieb diese Zeit mit folgenden Worten:
„Im Jahr 2022 stritten sich Abdul und Cansu eines Tages, und aufgrund dieses Streits bemerkten die Polizeibeamten, die den Vorfall untersuchten, dass Abdul illegal im Land war. Daraufhin wurde Abdul nach Afghanistan abgeschoben.“
CANSU WURDE IN AFGHANISTAN ZUR EHE GEZWUNGEN
Nach der Abschiebung hielt Abdul den Kontakt aufrecht und versuchte diesmal, Cansu mit einem finanziellen Versprechen davon zu überzeugen, nach Afghanistan zu kommen. Nach Angaben der Familie war dieser Prozess gezielt gesteuert. Cansu stimmte der Reise nach Afghanistan in der Annahme zu, dass sie ihr eigenes Geld zurückerhalten könne.
Nach ihrer Ankunft in Kabul übten Abdul und seine Familie jedoch Gewalt gegen Cansu aus und zwangen sie zur Heirat mit Abdul.
Alican Badur schilderte die Ereignisse wie folgt:
„Abdul lockte Cansu mit einer Falle nach Afghanistan und sagte: ‚Wenn du hierher kommst, gebe ich dir dein Geld.‘ Daraufhin reiste Cansu nach Kabul, Afghanistan, und Abdul sagte ihr: ‚Ich habe ein Haus, für das ich bald die Eigentumsurkunde erhalte. Wenn wir heiraten, kann ich deine Schulden mit dem Geld aus dem Haus bezahlen.‘ Abduls Familie drängte Cansu, damit die Hochzeitsformalitäten nicht zu lange dauerten, und zwang sie durch Gewalt zur Heirat. Cansu ist nun seit einem Jahr in Afghanistan. Sie ist hingefahren und konnte nicht mehr zurückkehren.“
ZUFLUCHT IN DER BOTSCHAFT GESUCHT, TALIBAN VERWEIGERTEN AUSREISE
Nach Angaben der Familie fand Cansus konkretester Versuch, sich aus ihrer Lage zu befreien, gegen Ende Februar statt.
Cansu gelang die Flucht aus dem Haus, in dem sie misshandelt wurde, und sie wandte sich an die türkischen Behörden in Kabul, um um Hilfe zu bitten. Badur erklärte, dass die Botschaft der Republik Türkei in Kabul in dieser Phase in den Prozess eingegriffen habe, dieser jedoch aufgrund der aktuellen politischen Bedingungen in Afghanistan erfolglos geblieben sei.
Bruder Badur fuhr fort, die Ereignisse wie folgt zu schildern:
„Vor etwa fünf Wochen gelang es Cansu irgendwie, aus dem Haus zu fliehen, und sie suchte mit geschwollenem Gesicht Zuflucht in der Botschaft der Republik Türkei in Kabul. Die Mitarbeiter der Botschaft versuchten zu helfen. Sie leiteten die Verfahren ein und brachten Cansu in einem Hotel unter. Sie baten uns, das Flugticket zu kaufen. Wir haben irgendwo Geld aufgetrieben und das Ticket für den 4. März von Kabul nach Istanbul gekauft. Da die offiziellen Verfahren jedoch nicht abgeschlossen waren, konnte sie diesen Flug nicht erreichen. In der Zwischenzeit hatte Abdul Anzeige erstattet und behauptet, sie habe seine Eigentumsurkunden gestohlen und versuche zu fliehen. Später kauften die türkischen Behörden ein zweites Flugticket für den 6. März. Cansu begab sich am 6. März zum internationalen Flughafen Hamid Karzai in Kabul, doch die Taliban-Behörden verweigerten ihr die Ausreise aus Afghanistan. Die Taliban-Beamten sagten zu Cansu: ‚Sie haben ein Ausreiseverbot, Ihr Ehemann hat Sie angezeigt‘, und übergaben Cansu an Abdul.“
„MEINE SCHWESTER IST EINEM ERNSTEN RISIKO AUSGESETZT“
Nachdem Cansu erneut an Abdul übergeben wurde, war der Kontakt zwischen Cansu und ihrer Familie für lange Zeit unterbrochen, und die Gewalt nahm stetig zu. Nach Angaben der Familie wird Cansus Verbindung zur Außenwelt weitgehend kontrolliert und ihre Sicherheit ist ernsthaft gefährdet.
Alican Badur beschrieb die Situation mit folgenden Worten:
„Abdul hat Cansus Telefon zertrümmert, und wir konnten meine Schwester lange Zeit nicht erreichen. Seit diesem Tag hat die Gewalt immer weiter zugenommen. Cansu konnte sich nach langer Zeit ein neues Telefon besorgen. Außerdem ist Abdul drogenabhängig, weshalb meine Schwester einem ernsten Risiko ausgesetzt ist.“
„WIR FORDERN, DASS MEINE SCHWESTER IN DIE TÜRKEI GEBRACHT WIRD“
Die Familie betont, dass es sich bei dem Vorfall nicht nur um eine bloße Freiheitsberaubung handelt, sondern dass Cansu aufgrund ihres Gesundheitszustands in einer noch verletzlicheren Lage ist. Alican Badur äußerte die Forderung, seine Schwester in die Türkei zu bringen, wie folgt:
„Meine Schwester hat aufgrund eines früheren Schlages auf den Kopf eine geistige Behinderung, weshalb sie nicht auf dem Niveau ihrer Altersgenossen denken kann. Sie hat zwei Kinder im Alter von 7 und 11 Jahren aus ihrer ersten Ehe. Wir fordern die Behörden auf, meine Schwester so schnell wie möglich in die Türkei zu bringen. Meine Schwester befindet sich bei jemandem, der psychisch nicht gesund ist, und ihr Leben ist in Gefahr.“
Bisher gab es keine Stellungnahme des Außenministeriums der Republik Türkei oder der zuständigen offiziellen Stellen zum Fall von Cansu. Die Familie wartet auf eine positive Antwort der Behörden.

HÄUSLICHE GEWALT GILT NUR BEI KNOCHENBRÜCHEN ALS STRAFTAT
Das neue Strafgesetzbuch, das die Taliban-Regierung in Afghanistan Anfang 2026 in Kraft gesetzt hat, schafft einen rechtlichen Rahmen, der das bestehende Unterdrückungsregime, insbesondere für Frauen und Mädchen, weiter verschärft. Diese Regelungen schränken nicht nur die Grundrechte und Freiheiten ein, sondern schaffen auch eine Struktur, die Gewalt gegen Frauen faktisch unsichtbar macht und Straflosigkeit institutionalisiert.
Im neuen System wird die Definition von Gewalt so eng gefasst, dass nur schwere körperliche Folgen wie „Knochenbrüche“ oder „offene Wunden“ als Straftat gelten; andere Formen körperlicher Gewalt bleiben weitgehend straffrei. Dieser Ansatz bedeutet, dass die systematische Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind, rechtlich nicht anerkannt wird und die Schutzpflicht des Staates entfällt.
Die drastischste Änderung für Frauen und Mädchen ist der nahezu vollständige Ausschluss von Bildung und öffentlichem Leben. Während die Schulbildung für Mädchen verboten wurde, ist die Erwerbstätigkeit von Frauen weitgehend unterbunden. Zudem wird das tägliche Leben von Frauen streng kontrolliert; das Verbot, ohne männliche Begleitung zu reisen, die Einschränkung der Sichtbarkeit im öffentlichen Raum und die Bestrafung sozialer Kontakte sind Hauptbeispiele für diese Kontrolle. Selbst der private Bereich ist nicht von dieser Überwachung ausgenommen; so können beispielsweise Familienbesuche ohne die Erlaubnis des Ehemannes mit Gefängnisstrafen geahndet werden.
Andererseits etabliert das neue Strafgesetzbuch ein System, in dem nicht nur der Staat, sondern auch die Gesellschaft in den Überwachungs- und Bestrafungsprozess einbezogen wird. Die Erlaubnis für Einzelpersonen, gegen als „Sünde“ definierte Verhaltensweisen vorzugehen, schafft für Frauen eine ständige Bedrohung durch Überwachung und Gewalt im öffentlichen Raum. In diesem Rahmen lassen sich die wichtigsten Regelungen, die Frauen direkt betreffen, wie folgt zusammenfassen:
Straflosigkeit bei Gewalt: Körperliche Gewalt gilt nicht als Straftat, solange keine Knochenbrüche oder offenen Wunden vorliegen
Bildungsverbot: Ausschluss von Mädchen aus allen Bildungsstufen
Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Reiseverbot ohne männliche Begleitperson
Legalisierung der häuslichen Kontrolle: Bestrafung von Frauen für den Aufbau sozialer Beziehungen ohne Erlaubnis
Ausweitung der gesellschaftlichen Überwachung: Ermächtigung zur Einmischung und Bestrafung von Individuen aus „moralischen“ Gründen
Fortbestehen körperlicher Bestrafungen: Die fortgesetzte Anwendung von Strafen wie Auspeitschungen, auch gegen Frauen.
Betrachtet man diese Regelungen zusammen, wird deutlich, dass Frauen in Afghanistan systematisch nicht nur aus dem öffentlichen Raum, sondern auch aus den rechtlichen Schutzmechanismen ausgeschlossen werden. Das neue Strafregime schafft eine Struktur, die Gewalt gegen Frauen nicht verhindert, sondern normalisiert, unsichtbar macht und auf gesellschaftlicher Ebene reproduziert.
Nachrichtenquelle: 12punto
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