Zwei Universitätsstudenten in 10 Tagen durch Suizid verstorben: Eğitim-Sen-Vorsitzende Nejla Kurul und Fachpsychologin Aslı Alpay im Gespräch mit 12punto!
In Eskişehir haben sich zwei junge Universitätsstudenten das Leben genommen. Die Eğitim-Sen-Vorsitzende Nejla Kurul und die Fachpsychologin Aslı Alpay bewerteten den jüngsten Anstieg von Suiziden unter jungen Menschen gegenüber 12punto.com.tr.
Ezgi SİVRİTEPE- 12punto.com.tr
Nachdem sich am 15. Oktober Resul Alan in der Mensa des Yunus-Emre-Campus der Anadolu-Universität Eskişehir das Leben genommen hatte, beging am 22. Oktober S.N.R., eine Studentin der Technischen Universität Eskişehir, im Mükrime-Hatun-KYK-Studentinnenwohnheim, in dem sie wohnte, Suizid.
In einem dreiseitigen Abschiedsbrief erklärte Resul Alan, dass wirtschaftliche Gründe, Zukunftsängste oder familiäre Probleme nicht der Grund für seinen Suizid seien; er habe schon lange über den Suizid nachgedacht und fühle sich wertlos.
Freunde von S.N.R. behaupteten hingegen, sie sei deprimiert gewesen, weil sie seit zwei Jahren im Vorbereitungsjahr feststeckte und sich nicht in das soziale Leben integrieren konnte.
Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft Eğitim-Sen, Nejla Kurul, äußerte sich zu den Suiziden unter Studierenden, die in der Türkei immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Die Fachpsychologin Aslı Alpay erläuterte gegenüber 12punto.com.tr ihre gesellschaftliche Einschätzung zu diesen Vorfällen.
WIR WERDEN GEMEINSAM EIN LAND AUFBAUEN, DAS DAS LEBEN MIT FREUDE BEGRÜSST
Nejla Kurul wies darauf hin, dass junge Menschen ihre Lebensfreude verloren hätten, und machte auf die herrschenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten aufmerksam.
Kurul sagte zudem:
„Selbst wenn Universitätsstudenten einen Studienplatz erhalten, können sie ihr Recht auf Hochschulbildung aufgrund der Lebenshaltungskosten und der Opportunitätskosten nicht wahrnehmen. Wir müssen gemeinsam ein Land aufbauen, in dem sich niemand vom Leben abwendet und in dem das Leben mit Freude begrüßt wird.“
HOCHSCHULBILDUNG MUSS EIN RECHT SEIN
Nejla Kurul wies auf die wirtschaftlichen Probleme der Studierenden hin und sagte: „Angesichts von Universitäten, die dem freien Markt überlassen wurden, müssen wir die Hochschulbildung als öffentliche Dienstleistung und als ein Recht präsentieren und diese wichtige Option der Öffentlichkeit erneut vermitteln.“
DIE VERBINDUNG ZWISCHEN BILDUNG UND BESCHÄFTIGUNG MUSS GESTÄRKT WERDEN
Kurul fügte hinzu: „Wir erleben eine schlimme Zeit, in der die Verbindung zwischen Bildung und Beschäftigung unterbrochen ist. Aber wir haben Lösungen; wir können dies mit einem soziologisch-ökologischen Gesellschaftsparadigma erreichen, das heißt, es bedarf eines grundlegenden Paradigmenwechsels. Unserer Ansicht nach ist der Zugang zu Hochschulbildung ein Recht und sollte durch die Öffentlichkeit und Steuern finanziert werden. Es ist nicht richtig, die Probleme der Jugend den ‚Erwachsenen‘ oder ‚Vertretern‘ zu überlassen. Daher könnte eine aktive Jugendbewegung, die mehr Budget für Bildung fordert, die Probleme der jungen Menschen lösen.“ Sie merkte zudem an, dass sie zwar mit den Studierenden zusammenkommen wolle, dies jedoch im polarisierten Umfeld der Türkei sehr schwierig sei.
Abschließend betonte Kurul, dass es nicht nur darum gehe, ein Budget bereitzustellen, sondern dass dieses Budget auch im Sinne des Menschen, der Gesellschaft und der Natur eingesetzt werden müsse.
SUBSTANZKONSUM BEEINFLUSST DEN PROZESS
Während die Psychologin Alpay die Suizidvorfälle anhand der psychischen und sozialen Probleme der Jugendlichen bewertete, betrachtete sie den Prozess in ihren Ausführungen auch aus einer gesellschaftlichen Perspektive.
Alpay erklärte dazu:
„Mit dem Prozess, der durch die Veränderung der wirtschaftlichen Bedingungen, die Klimakrise, Kriege und die Pandemie ausgelöst wurde, steigt die Zahl der Menschen, die glauben, dass es für ihre Probleme keine Lösung gibt. Für junge Menschen tragen neben diesen Problemen auch der Generationenkonflikt und der heutzutage zunehmende Substanzkonsum unter Jugendlichen leider zu diesem Prozess bei.“
OBWOHL ES DEN ERFOLG STEIGERT, IST EIN ZUVIEL EINE KRANKHEIT DER ZEIT
Die Psychologin Alpay ging auch auf die Zukunftsangst ein und erklärte, dass Zukunftsangst zwar eine Krankheit unserer Zeit sei, ein gewisses Maß an Angst jedoch wichtig für die Selbstentwicklung, den Erfolg und die Motivation eines Menschen sein könne. Alpay betonte, dass junge Menschen sich an Fachkräfte für psychische Gesundheit wenden sollten, wenn die Zukunftsangst ihr Leben beeinträchtigt.
Alpay zählte Maßnahmen auf, um mit Zukunftsangst umzugehen: „Heutzutage sind regelmäßige sportliche Betätigung, die Gewohnheit, gesund zu atmen, sowie Achtsamkeitsübungen Maßnahmen, die das psychische Wohlbefinden unterstützen und es den Menschen ermöglichen, gesunde Bewältigungsmechanismen zu finden, die ihre Ängste reduzieren.“
„JUGENDLICHE KÖNNEN DIESE ANGEBOTE NUTZEN“
Alpay empfahl zudem kostenlose Beratungsstellen für die psychische Gesundheit junger Menschen: „In jeder Stadt gibt es Jugendberatungsstellen der Kommunen sowie Gesundheitsberatungsstellen für Frauen. Auch an den Universitäten gibt es in diesem Sinne Beratungszentren. Jugendliche können diese Angebote nutzen.“
Abschließend sagte Alpay, dass es Suizidpräventionsprogramme geben müsse, Krisenzentren eingerichtet werden sollten und telefonische Hilfsangebote vorhanden sein müssten.
Nachrichtenquelle: Ezgi Sivritepe
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