Sogar in unseren Flüchen und Beleidigungen steckt eine Fixierung auf Herkunft und Abstammung: „Bastard“, „blutleer“, „abstammungslos“. Der Einfluss der eigenen Herkunft ist für Menschen früherer Zeiten verständlich. Man dachte wohl, dass ein Mensch nur dann Tugend und Moral besitzen könne, wenn er eine Herkunft, eine Wurzel habe. Dass er Anstand besitzen müsse. Fehlte dies, so glaubte man, sei der Mensch quasi wurzellos und haltlos.
Die Abstammungsfrage ist ein tief verwurzelter Glaube. Sie ist in fast allen Bereichen der Politik und des gesellschaftlichen Lebens präsent. In der Politik herrscht das dynastische Denken. Auch in den Berufen ist das so.
Besonders im Zeitalter der Imperien war die Abstammung von größter Bedeutung. Menschen haben Kinder geboren und Eroberer haben Kinder getötet, nur damit die Abstammung gewahrt bleibt und die Herrschaft fortbesteht.
Die Abstammungsfrage ist das wichtigste Thema der Ära vor der Demokratie. Wenn ein Mensch ein Kind jener Zeit ist, verehrt er die Abstammung und nennt denjenigen, den er beschimpft oder als Feind betrachtet, „abstammungslos“.
In jenen Zeiten ist die Sehnsucht der „Abstammungslosen“ ebenfalls, eine Abstammung zu besitzen, sich mit ihr zu vermischen. Das ist leider die wahre Abstammungslosigkeit: Keine Abstammung zu haben und dennoch die Abstammung zu verehren.
In den Augen der Anhänger einer Dynastie ist Abstammungslosigkeit der schwerste Makel.
Diejenigen hingegen, die die Stimme des Volkes und der Nation gegen die Dynastie erheben, kämpfen in erster Linie für die Abstammungslosen. Doch oft sind selbst sie auf die Abstammung fixiert. Sie werden zu Feinden von jemandem, nur weil dieser eine Abstammung hat. Die französischen und russischen Revolutionäre haben Mitglieder der Dynastien massakriert. Es ist schwer, diese Grausamkeit allein mit dem Schutz der Revolution zu erklären. Die Abstammung ist so wichtig, dass sie ein Ende finden muss. Andernfalls könnte sie wieder auferstehen.
Doch ist das bei uns so? Atatürk und seine Waffenbrüder, die türkischen Revolutionäre, haben sich dazu nicht herabgelassen. Die Anführer der Jungtürken hatten den Kaiser bereits vor und hinter ihren Pferden herlaufen lassen und sein Ansehen längst erschüttert. Dennoch war die Abstammung auch in ihren Augen wichtig. Die Abstammung ist ein Begriff, der im menschlichen Geist sehr tief verwurzelt ist.
Deshalb ist der Wert der Menschen, die aus jenen dunklen Zeitaltern herausfinden konnten, so groß. Groß sind jene, die die Abstammungslosen, die Heimatlosen, die Sklaven allesamt als Teil der Menschheit betrachten und gemeinsam mit ihnen die Freiheit erlangen. Diese Befreiung führt zu einem System, in dem die Herkunft keine Rolle spielt, keinen Gewinn bringt und weder Privilegien noch Verachtung nach sich zieht. Man sehnt sich nach der Abstammungslosigkeit. Es wird versucht, ein System zu errichten, in dem keine Abstammung überlegen ist und jeder Mensch allein deshalb wertvoll ist, weil er ein Mensch, weil er ein Bürger ist. In den Augen der Anhänger der Dynastie ist dieses Bestreben die größte Sünde.
Ein Anhänger der Dynastie hat lautstark geschrien. „„Adelige“ vertreibende Helden nannte er „abstammungslos“. Es ist eine Ehre, nicht zu euch zu gehören. In den Augen der Revolutionäre sind auch die Mitglieder der Dynastie entweder „abstammungslos“ oder wertvolle Individuen der Menschheit. Dank Atatürk und seiner Waffenbrüder besitzen wir einen Staat, den die Heimatlosen – wenn auch manchmal fehlerhaft – „mein Staat“ nennen, „mein Vaterland“ nennen. Sollen sie doch ihre Lügen und Träume behalten. Sowohl die Anhängerschaft als auch die Feindschaft gegenüber Mitgliedern einer Dynastie sind sinnlos. Dass der Mensch unabhängig von seiner Abstammung bewertet wird, ist die größte Errungenschaft des modernen Rechts. Wir haben diesen Erfolg erreicht, indem Verantwortung und Pflicht auf die Schultern des Bürgers gelegt oder ihm als Geschenk übertragen wurden.
Der Prophet Mohammed zog nicht die Stammesführung, sondern die Knechtschaft vor. Ali vertraute nicht auf seine Abstammung, sondern auf sein Schwert. Atatürk und seine Waffenbrüder wurden zu Anführern des Volkes, anstatt Diener des Sultans zu sein. Man sollte dem Pfad dieser großen Menschen folgen. In den Augen derer, die sich einer solchen geistigen/kulturellen Abstammung verschreiben, sind „Herkunfts“-Reden leeres Geschwätz. Mit der Sehnsucht nach einem Zeitalter, in dem nicht die Abstammung, sondern der Mensch gesehen wird...
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