Sie glauben an dieselbe Religion, lesen dasselbe Buch, rufen den Namen desselben Propheten an, doch jemand erklärt Sie zum Ungläubigen. Man spricht Ihnen das Lebensrecht ab. Man betrachtet Ihren Tod als legitim.
Doch gehören Sie in diesem Fall wirklich derselben „Religion“ an?
Es ist die Rede von einem Glauben, auf dem „Islam“ steht. Doch auf diesem Boden wird Menschen im Namen des Islam das Lebensrecht verwehrt. Sie lesen den Koran; vergeblich. Sie rufen den Namen des Propheten voller Ehrfurcht an; umsonst. Denn für manche ist weder der Koran noch der Prophet der Maßstab. Der Maßstab ist die dunkle Ordnung, die sie selbst errichtet haben.
Das ist keine neue Geschichte. Muslime sind seit Jahrhunderten Zeugen dieser Finsternis. Manche nannten den Weg, den sie gingen, „Dschihad“. Sie sprachen im Namen Allahs, verteilten Fatwas. Sie setzten sich an die Stelle Allahs. Sie töteten Muslime mit der Begründung, sie seien „eigentlich keine Muslime“. Und sie hinterließen nichts als Blut.
Wer waren diejenigen, die Hz. Ali töteten?
Feinde der Religion?
Nein.
Es waren Muslime, die andere Muslime töteten, indem sie sie als „Ungläubige“ bezeichneten.
Stellen wir die Frage also erneut: Muslime haben so viel unter Muslimen gelitten, nicht wahr?
In den vergangenen Wochen ging eine Nachricht durch die Presse. Es hatte eine Operation gegen den IS gegeben. Sechs IS-Mitglieder wurden getötet, drei Polizisten verloren ihr Leben. Es gab Kritik an der Durchführung der Operation. Diese ist zweifellos wichtig. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.
Das eigentliche Problem ist: Existiert der IS auf diesem Boden als „Organisation“ oder als „Mentalität“?
Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, habe ich mit Angehörigen von Zafer Mutlu gesprochen, einem der bei der Operation getöteten Männer.
Das Bild, das sie zeichneten, war erschütternd. Die Geschichte beginnt so: Anfang zwanzig, Kind einer armen Familie. Ein junger Mann, der auf dem Bau arbeitete, Saz spielte und Volkslieder sang, ein Mensch für sich. Bis er mit einem „religiösen Umfeld“ in Kontakt kam. Dort beginnt die Veränderung. Die Familie bemerkt es, warnt, sucht das Gespräch. Sie schöpft rechtliche Mittel aus. Nichts davon führt zu einem Ergebnis.
Dann folgt die Zeit im Gefängnis. In seiner staatsanwaltschaftlichen Aussage erklärt er das Regime für „tağuti“ (gottlos/tyrannisch). Er betrachtet Soldaten und Polizisten als Ungläubige. Er sieht das Wählen und den Militärdienst als Unglauben an. Dennoch wird er freigelassen. Wahrscheinlich werden seine Äußerungen lediglich als „Meinung“ gewertet.
Dabei ist das keine Meinung. Das ist eine direkte Bedrohung.
Das besagte Umfeld bzw. die Gemeinde, der auch Zafer Mutlu angehörte, ist in der Öffentlichkeit für ihre salafistisch-dschihadistischen Ansichten bekannt. Sie setzen den Staat mit Unglauben und Imame mit dem Teufel gleich. In offiziellen Erklärungen behaupten sie, den IS nicht anzuerkennen. Doch ihre Erklärungen, die den IS während des Syrien-Konflikts unterstützten, sind jedem bekannt.
Zafer Mutlu bleibt in dieser Struktur. Er besucht ihre Gebetsräume. Er sagt seiner Familie offen: „Ich habe über den IS recherchiert, sie haben recht.“
Nach einer Weile erklärt er auch seine Familie zu Ungläubigen. Er droht ihnen mit dem Tod. Auch ein persönliches Gespräch der Familie mit der Gemeinde führt zu keinem Ergebnis. Im Gegenteil, die Drohung kommt diesmal von ihnen.
Halten wir nun inne und denken nach.
Diese Struktur ist der Öffentlichkeit bekannt. Der Anführer der Gemeinde ist zu verschiedenen Zeiten ins Gefängnis ein- und ausgegangen. Aber ob der Name nun IS ist oder nicht; diese Mentalität, die Menschen mit einer takfiristischen Sprache aus der Religion ausschließt, Familien zerstört und Staat sowie Gesellschaft ins Visier nimmt, ist seit Jahren aktiv.
Die Angehörigen von Zafer Mutlu sind an diesem Punkt sehr deutlich: Verantwortlich sind diese Gemeinde und ihre Führung.
Man muss nicht warten, um die Ernte zu sehen. Wenn die Saat bekannt ist, ist auch das Ergebnis bekannt. Der IS ist nicht nur der Name einer Organisation; er ist der Name einer Mentalität. Jede Struktur, die diejenigen, die nicht wie sie denken, ignoriert, ihnen das Lebensrecht nimmt, die Religion für sich beansprucht und sich an die Stelle Allahs setzt, ist Teil dieser Mentalität.
Und das Bittere ist:
Diese Saat ist auf diesem Boden nicht selten.
Die jüngsten Ereignisse haben dies einmal mehr gezeigt.
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