Politische Morde werden nicht von einer einzigen Person begangen. Auch wenn es immer jemanden gibt, der den Abzug drückt, die Bombe wirft oder die Waffe trägt, sind solche Morde gemeinschaftlich begangene Taten.
Hinter einer Entscheidung, jemanden zu töten – sei es aus ideologischen oder religiösen Gründen –, stehen Bewertungen, Aufhetzungen, Reden und Diskurse, die das Ziel markieren und den Weg in den Tod ebnen. In dieser Hinsicht kommen die Täter niemals allein zum Tatort. Sie haben die Ideen, von denen sie sich nähren, die Behauptungen, die sie vertreten, die aufgewiegelten Massen und andere Komplizen im Gepäck.
Der Täter von Bahriye Üçok, die vor 34 Jahren, am 6. Oktober 1990, durch eine ihr zugeschickte Briefbombe ermordet wurde, ist in diesem Sinne nicht nur Ferhan Özmen, der die Bombe baute. Ferhan Özmen ist lediglich das sichtbare Gesicht dieses Mordes. Denn wenn Bahriye Üçok von jemandem ermordet wird, den sie gar nicht kannte, bedeutet das, dass es noch viele weitere Täter gibt, die wir noch nicht kennen.
Um diese Täter zu erkennen, müssen wir uns ein wenig mit Bahriye Üçok beschäftigen. Als sie 1953 ihre Tätigkeit an der Fakultät für Theologie der Universität Ankara aufnahm, lernten wir sie als die erste Theologin der Türkei kennen. Üçok war von Anfang an eine bemerkenswerte Persönlichkeit, sowohl aufgrund ihrer theologischen Ansichten als auch wegen ihrer Positionen zur aktuellen Politik.
Üçok vertrat die Auffassung, dass das Kopftuch im Islam nicht verpflichtend sei und dass die gleiche Regel auch für das Fasten gelte. Ihre Ansichten beschränkten sich natürlich nicht nur darauf. Sie wies beispielsweise darauf hin, dass es im islamischen Glauben weder einen Titel wie „Geistlicher“ noch eine Praxis wie die religiöse Eheschließung gebe. All dies erklärte sie natürlich im Lichte von Versen und Hadithen und begründete ihre Ansichten fundiert.
Andererseits äußerte sie bereits in jenen Jahren, dass die Imam-Hatip-Schulen politisiert würden und diese Schulen dem Prinzip der Einheit des Unterrichts widersprächen. Wenn man sich vom eigentlichen Zweck entferne, liege ein Problem in der Absicht vor. Letztlich müsse die Haltung gegenüber diesen Schulen auf der Grundlage des Laizismus-Prinzips eingenommen werden.
Üçok kritisierte zudem die Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten) entschieden und erklärte anhand von Beispielen in ihren Artikeln, dass die Diyanet stellenweise „Scharia“-Propaganda betreibe und Äußerungen tätige, die dem Laizismus widersprächen. Mehr noch: Laut Üçok veröffentlichte die Diyanet Publikationen, die in ihrem Ausmaß an Rückständigkeit fassungslos machten.
Auf der anderen Seite bestanden die Ansichten von Bahriye Üçok natürlich nicht nur aus Kritik. Sie erklärte auch, dass der Islam sowohl in Bezug auf die Menschenrechte als auch auf die Frauenrechte einen revolutionären Ansatz verfolge. Denn mit dem Islam sei die Frau nicht mehr als „Besitz“ betrachtet worden, sondern sei ein Individuum geworden und habe verschiedene Rechte erhalten. „Aber“, so Üçok, „aufgrund der jahrhundertelangen Haltung derer, die ihn falsch auslegten und lernten, musste die muslimische Frau in ihrem eigenen Heim jahrhundertelang ohne ihre natürlichsten Rechte leben.“ An dieser Stelle sind die beiden Namen, die Üçok mit Respekt nennt, der Prophet des Islam und Atatürk.
Ihre Worte dazu lauten wie folgt:
„Hätte die türkische Mutter nicht einen solchen genialen Sohn wie Atatürk hervorgebracht, von dem ich glaube, dass die Weltgeschichte noch keinen Gleichen gesehen hat, würde die türkische Frau immer noch unter dem erdrückenden Druck jener alten falschen Verhaltensweisen zappeln, ohne die Freude an den Rechten genießen zu können, die der Islam und sein eleganter Prophet der Frau zugestanden haben.“
Genau an diesem Punkt können wir zu der Frage in unserer Überschrift zurückkehren: Wir hatten gefragt: „Wer hat Üçok ermordet?“
Üçok wurde von jenen ermordet, die das Sprechen im Namen des Islam als ihr eigenes Monopol betrachteten und darüber hinaus freiheitliche und kritische Sichtweisen mit Begriffen wie „Perversion“ oder „Abweichung“ belegten. Üçok wurde von jenen ermordet, die sich von gestern bis heute als Wächter der Religion aufspielten, Menschen wie bei der Inquisition verhörten, sie auf Titelseiten brachten, sie zur Zielscheibe machten und in verschiedenen Umfeldern eine Lynchstimmung schürten. Üçok wurde von jenen ermordet, die den Frauen keinen Raum zum Atmen lassen wollten und mit ihrer maskulinen Mentalität eine männerdominierte „religiöse“ Welt schaffen wollten. In der Summe wurde sie von jenen ermordet, die mit ihren Gedanken und Worten Holz in dieses Feuer trugen und Benzin darüber gossen.
Bahriye Üçok trat für einen laizistischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat ein. Sie war Theologin und zugleich Politikerin. Wie wir oben bereits erwähnten, waren für sie sowohl Atatürk als auch der Prophet sehr wertvolle Persönlichkeiten. Sie glaubte von Herzen an ihre Religion und bezeichnete ihren Glauben als revolutionär. Trotz alledem wurde Üçok im Namen der Religion von Menschen ermordet, die sich selbst als Muslime bezeichnen.
Bahriye Üçoks Tochter, Kumru Üçok, sagte zu ihrer Mutter, als sie das als Buch getarnte Paket von der Post nach Hause brachte: „Ich habe deine Bombe gebracht und sie auf den Tisch gelegt.“ Denn Mutter und Tochter wurden seit Monaten bedroht. Kurz darauf geschah das abscheuliche Ereignis, alles war voller Blut, und auf dem Boden lagen Körperteile.
Menschen lassen ihre Herzen, ihre Seelen und ihre Zugehörigkeiten nicht so leicht irgendwo zurück, und scharfe Trennungen geschehen nicht einfach so. Doch wenn sie geschehen, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. Genau das schreit uns Üçoks am Boden liegender Körper, jene von ihrem Körper abgetrennten Teile, als schmerzhafte Wahrheit entgegen.
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