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Narin als Vorwand, Einschaltquoten als Ziel

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Seit der Ermordung von Narin ist fast ein Monat vergangen.

Seit dem 21. August schlafen und wachen wir mit diesem grausamen Mord, der sich im Dorf Tavşantepe in Diyarbakır ereignet hat.

Wer in den sozialen Medien an der Tastatur sitzt, gibt den Detektiv; wer die Fernbedienung in die Hand nimmt, spielt den Rechtsmediziner.

Verschwörungstheorien gibt es zuhauf.

Es gibt sogar jemanden, der aus dem Hasenmuster auf dem rosa Pullover, den sie auf einem Foto mit ihrer Mutter trägt, eine Botschaft herausliest.

Nachrichtensender senden fast 24 Stunden lang Sonderprogramme.

Diejenigen, die ausschließlich aus journalistischen Motiven arbeiten, seien ausdrücklich ausgenommen – doch die meisten spielen regelrecht Detektiv, um einen Schritt voraus zu sein und die Einschaltquoten noch ein bisschen zu steigern.

Sie stellen keine vernünftigen und logischen Fragen und suchen auch keine Antworten darauf, sondern vermischen sorgfältig Wesentliches mit Unwesentlichem, um den Fall noch rätselhafter erscheinen zu lassen und die Menschen länger vor dem Bildschirm zu halten.

Während die gesamte Aufmerksamkeit des Landes auf diesem Fall liegt, hat selbst die kleinste Entwicklung Nachrichtenwert. Aber anstatt bei jeder Liveschalte das bisher Geschehene in ein paar klaren Sätzen zusammenzufassen, verpacken sie dieselben Meldungen als „Breaking News" und servieren sie dem Publikum neu aufgewärmt – als wäre es ein göttliches Gebot, den Zuschauern ständig etwas Neues zu sagen.

Wenn wir einen Schritt zurücktreten und nüchtern hinschauen, erkennen wir, dass die Ermittlungen kaum vorangekommen sind – aber wen kümmert das schon!

Zum Beispiel wissen wir immer noch nicht, wer den Mord begangen hat und warum.

Ist das nicht die eigentliche Frage?

Lassen wir kurz inne...

Wäre Ferit Demir nicht gewesen, wäre nicht einmal ans Licht gekommen, dass Narin einem Mord zum Opfer gefallen ist. Der Fall wäre lediglich als Vermisstenfall zu den Akten gelegt worden.

Ihm gebührt Anerkennung. Er hat außerordentlich gute journalistische Arbeit geleistet.

Er hat alles gegeben, den Fall durch fast 24-stündige Livesendungen und Beiträge in sozialen Medien in der öffentlichen Diskussion gehalten.

Er sprach mit dem Onkel und der Mutter; er ging jedem Verdächtigen nach, den er ausfindig machte; er ließ sich trotz Reaktionen und Drohungen nicht beirren, fragte nach und recherchierte.

Als der leblose Körper der kleinen Narin schließlich in der Baumhöhle am Bachufer gefunden wurde, strömten die Medien nach Diyarbakır.

Bis zu diesem Punkt war aus journalistischer Sicht alles so, wie es sein sollte.

Doch danach geriet die Sache aus den Fugen.

Die renommierten Nachrichtensender, die Prime-Time-Moderatoren, die Frauenprogramm-Macherinnen, die Morgenmagazin-Sender – alle kalkulierten, wie sehr sie ihre Einschaltquoten auf Kosten von Narin steigern könnten; dazu kamen die Social-Media-Akteure, die nach dem neuerdings modischen Begriff „Empathie heucheln" nur auf Interaktion aus waren – sie alle überschritten jedes Maß.

Alles, was mit seriösem Journalismus und öffentlicher Sensibilität zu tun hat, verschwand; an seine Stelle trat eine Art Mordpornografie, im Hintergrund das Dorf, die Dorfbewohner, die Familie, die Verwandten, feudale Beziehungen und sogar die Politik.

Noch einmal: Ohne ins eine oder andere Extrem zu verfallen, seien die Journalisten ausdrücklich ausgenommen, die ihre Arbeit ordentlich machen – aber die Lage ist in etwa so, wie beschrieben.

Wo immer man ansetzt, bleibt einem etwas in der Hand.

So traten etwa in einer Morgenmagazin-Sendung drei puppenhaft aufgemachte Moderatorinnen auf und schrien angeblich aus Empörung über die erlebte Grausamkeit.

Hat es denn niemanden geschmerzt, dass der brutale Mord an einem achtjährigen Mädchen derart boulevardisiert wurde?

Oder das Auflaufen von Social-Media-Influencern am Grab von Narin, die Livestreams starteten und auf Followerjagd gingen...

Was für eine Gewissenlosigkeit ist das!

Und dann die pensionierten Polizeibeamten, die sich auf den Bildschirmen als „Sherlock Holmes" aufspielen, erst sagen „Wir müssen uns den Fall im Kopf vorstellen" und dann den Mord bis ins kleinste Detail wie Drehbuchautoren ausschmücken, als wären sie unmittelbare Augenzeugen gewesen...

Oder die Damen in der Prime Time, in den Hauptnachrichtensendungen, in ihren Sendungen mit hochtrabenden Namen, die es für eine Kunst halten, mit aufgerissenen Augen laut zu schreien, und die versuchen, dem Geschehen zusätzlich „Liebe, Verrat, Feindschaft, Rache" einzuimpfen, um die Tragödie noch dramatischer erscheinen zu lassen...

Nicht nur das.

Was soll man dazu sagen, dass jemand, der sich als Geschäftsmann bezeichnet, ankündigte, eine Belohnung von 2 Millionen Lira für denjenigen auszusetzen, der Narin findet und der Familie übergibt oder ihren Aufenthaltsort nennt – und dass ein Journalist, der als Doyen seines Fachs gilt, nachdem der leblose Körper des kleinen Mädchens gefunden worden war, forderte, der Staat solle eine Belohnung auf den Kopf des Mörders aussetzen!

Weiter.

Die Politik ist über die Familie oder auf andere Weise bis zum Hals in den Fall verstrickt; Narins gewaltsamer Tod wird so dargestellt, als wäre er eine rein innerfamiliäre Angelegenheit...

Jeder Abgeordnete, dem ein Mikrofon hingehalten wird, beginnt seine Aussage mit den Worten „Als Abgeordneter der Region..."

Das Brautkleid, das die Familie in den Sarg des achtjährigen Mädchens legte, das kollektive Schweigen der Dorfbewohner, um den Mörder nicht zu verraten – das alles lassen wir jetzt beiseite; aber dass die Aussagen der Beschuldigten, noch bevor die Tinte unter den Unterschriften getrocknet war, auf den Bildschirmen der regierungsnahen Nachrichtensender auftauchten...

Die Kommentatoren, die ausführlich moralisierten, nachdem der Onkel sagte, er habe seine Nachrichten gelöscht, weil er mit „Prostituierten" geschrieben habe; die Bildschirmnarren, die aus seiner Untreue gegenüber seiner Frau eine pikante Geschichte zu stricken versuchten...

All das, ausnahmslos alles, ist Teil dieser Mordpornografie.

Lassen wir wieder inne und fragen:

Wir alle haben uns gegen das Sendeverbot ausgesprochen – aber was ist mit der Vertraulichkeit der Ermittlungen?

Ist das öffentliche Ausstreuen der Beschuldigtenaussagen zugleich eine Strategie, die darauf abzielt, den Mord ungelöst zu lassen und den wahren Täter nicht zu finden?

Kurz gesagt: Die Boulevardisierung des grausamen Mordes an Narin verwischt auf eine bestimmte Weise die äußerst brennende Realität der „verschwundenen und ermordeten Kinder" in diesem Land, nimmt ihr den Ernst, macht die Menschen gleichgültig und verhindert die Entstehung einer bewussten und starken Öffentlichkeit.

Dabei sollte es in erster Linie darum gehen, sich dieser Realität bewusst zu werden und die dahinterliegenden Ursachen zu hinterfragen.

Die Türkei hat sich nach 2002 rasch konservativiert, soziale Dynamiken wurden durch Identitätspolitik geprägt, die Zahl und der Einfluss derer, die im 21. Jahrhundert mit mittelalterlichem Denken leben wollen, nahmen zu. Da der Kompass der politischen Islamisten nicht auf die zivilisierte Welt, sondern auf den Nahen Osten zeigt, wurde alles Kranke von dort in dieses Land importiert. Und es blieb nicht beim Import – es nährte und vergrößerte den reaktionären Kern in der anatolischen Gesellschaft.

Wer das ignoriert, dem bleibt nur leeres Gerede. Andernfalls werden wir noch mehr unserer Narins unter der schwarzen Erde begraben – mit diesem Gedanken setzen wir einen Punkt.