In der Welt der Technologie gibt es Konzepte, die gleichzeitig die Wirtschaft, die Kommunikation und unsere Art der Politikgestaltung erklären. Die Theorie der Netzwerkeffekte steht dabei an erster Stelle. Dieser Theorie zufolge steigt der Wert einer Plattform exponentiell, je mehr Menschen ihr beitreten. Das bedeutet: Mehr Nutzer führen zu mehr Inhalten; mehr Inhalte führen zu mehr Interaktion; und mehr Interaktion bedeutet einen stärkeren wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss.
Heute ist TikTok eine der Plattformen, die diesen Kreislauf am schnellsten etabliert haben. TikTok ist nicht mehr nur eine Unterhaltungs-App, sondern eine Kommunikationsinfrastruktur, die die Richtung des kulturellen Austauschs auf globaler Ebene verändert. Daher war es unvermeidlich, dass sie in den Fokus von Staaten, insbesondere von Großmächten, geriet.
DIE TIKTOK-ANGST DER EU
Die Europäische Union hat in den vergangenen Monaten ein Verfahren eingeleitet, um die Anwendung TikTok Lite zu blockieren, mit der Begründung, sie enthalte „Mechanismen, die zur Sucht anregen und potenziell gesundheitsschädlich für die Öffentlichkeit sind“. Dass die EU bei digitalen Regulierungen einen zunehmend härteren Ton anschlägt, hängt tatsächlich mit der Sorge über das Wachstum von TikTok zusammen. Denn der Netzwerkeffekt von TikTok ist so stark, dass er die Medienkonsumgewohnheiten junger Menschen in Europa grundlegend verändert.
Für viele junge Menschen spielt sich die Welt heute auf dem TikTok-Bildschirm ab. Dort beziehen sie ihre Nachrichten, dort formen sich ihre politischen Neigungen, und dort wird der Rhythmus der Alltagskultur bestimmt. Dies erschüttert die Medienordnung, die die EU seit langem zu kontrollieren versucht. Kurz gesagt: Der Aufstieg von TikTok ist nicht mehr nur eine technologische Innovation, sondern eine Verschiebung der kulturellen Macht.
DAS PROBLEM HINTER TRUMPS TIKTOK-DRUCK
Donald Trump war einer derjenigen, die einen ähnlichen Druck am schärfsten ausübten. Während seiner Amtszeit forderte er beharrlich, dass TikTok in den USA verboten oder an ein amerikanisches Unternehmen verkauft werden müsse. Auch wenn diese Forderung vordergründig mit „nationaler Sicherheit“ begründet wurde, steckte dahinter eine weitaus vielschichtigere Sorge.
Um Trumps TikTok-Gegnerschaft zu verstehen, muss man Folgendes anerkennen: Der Netzwerkeffekt von TikTok wurde in kurzer Zeit zu einer Bedrohung für die Dominanz, die amerikanische Social-Media-Giganten über zwei Jahrzehnte hinweg aufgebaut hatten. Das machte TikTok weniger zu einem wirtschaftlichen als vielmehr zu einem kulturellen Konkurrenten.
Trumps Sorge galt nicht nur der Datensicherheit.
Das eigentliche Problem war:
Der Raum, der die Wahrnehmung junger Menschen prägt, lag nicht mehr bei amerikanischen Unternehmen, sondern bei einer in China ansässigen Plattform. Dies wirft aus kommunikationssoziologischer Sicht eine sehr kritische Frage auf: Wer entscheidet in einem Land darüber, worüber junge Menschen sprechen?
Welche Inhalte werden hervorgehoben, welche werden unsichtbar gemacht? Wird die Richtung der öffentlichen Meinung durch den Algorithmus der Plattform bestimmt? Trumps Vorstöße gegen TikTok waren im Grunde eine politische Reflexion dieser Fragen.
KÖNNEN NETZWERKEFFEKTE EINE APP MÄCHTIGER ALS DEN STAAT MACHEN?
Die grundlegende Wahrheit, die uns die Theorie der Netzwerkeffekte vermittelt, ist folgende: Wenn eine Plattform eine gewisse Größe erreicht, ist sie nicht mehr nur ein kommerzieller Akteur. Sie ist eine Kommunikationsinfrastruktur. Sie ist ein Träger des öffentlichen Raums. Sie ist eine Art Medienstaat.
TikTok hat diese Schwelle heute längst überschritten.
Je mehr die Plattform wächst, desto geringer wird die Interventionsmacht der Staaten. Deshalb sind die Diskussionen um TikTok nicht nur eine Frage der digitalen Wirtschaft. Es ist das Ergebnis eines neuen Zeitalters, das zeigt, wie eine Plattform zu einem Akteur in den internationalen Beziehungen wird.
DAS NEUE FELD DER DIGITALEN MACHT
Heute kämpfen Staaten nicht mehr um ein Stück Land oder eine natürliche Ressource, sondern um den Aufmerksamkeitsfluss der digitalen Massen. Denn die Macht der Zukunft wird nicht durch den Zugang zu Informationen bestimmt, sondern durch die Macht, Informationen zu filtern.
Algorithmen werden zu neuen Zensurmechanismen, Plattformen zu neuen Medienimperien und Nutzerdaten zu einer neuen wirtschaftlichen Waffe. Die EU- und US-Diskussionen um TikTok sind ein Ausdruck dieser Realität.
Die Frage, die man sich vielleicht stellen sollte, ist folgende:
Wenn digitale Plattformen eines Tages mächtiger werden als Staaten, wer wird dann die Verantwortung für den öffentlichen Raum tragen?
Die Antwort auf diese Frage ist ungewiss, aber eine Tatsache ist klar: In diesem neuen Zeitalter, das durch Netzwerkeffekte beschleunigt wird, sind Kommunikationstechnologien nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern die globale Politik selbst.
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