Die Debatte um die dauerhafte Sommerzeit hat sich von der Frage der Energieeinsparung gelöst; heute steht sie im Kontext von Schlafrhythmus, Geografie, Produktivität und öffentlicher Gesundheit erneut auf der Tagesordnung.
Die Wurzeln dieser Diskussion sind nicht neu. Obwohl die erste Idee bis ins 18. Jahrhundert zu Benjamin Franklin zurückreicht, wurde die Praxis erst 1916 tatsächlich umgesetzt. Während des Ersten Weltkriegs stellten Deutschland und Österreich-Ungarn die Uhren vor, um Kohle zu sparen. Danach übernahmen viele Länder, allen voran Großbritannien und die USA, diese Praxis. Die Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit war also im Grunde ein Produkt von Krisenzeiten.
Diese Praxis, die ab den 1970er Jahren zur Regel wurde, wurde auch in die Türkei übertragen. Und jedes Mal, wenn im Herbst und Frühjahr die Uhren vor- oder zurückgestellt wurden, stellten wir uns als Gesellschaft dieselbe Frage: „Hat das Ganze wirklich einen Nutzen?“
Wissenschaftliche Studien sind sich in diesem Punkt ziemlich einig: Es gibt keine nennenswerte Ersparnis. Viele akademische Arbeiten zeigen, dass die Sommer-Winterzeit-Umstellung in Bezug auf die Energieeinsparung neutral ist. Selbst wenn der Beleuchtungsbedarf in den Abendstunden sinkt, gleicht der steigende Bedarf an Beleuchtung und Heizung in den Morgenstunden diesen Gewinn aus. Zudem unterscheidet sich das heutige Energieverbrauchsmodell grundlegend von dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Sommerzeit konzipiert wurde. LED-Beleuchtung, Automatisierungssysteme, digitale Infrastrukturen, die rund um die Uhr laufen, und feste Arbeitszeiten machen die Auswirkungen von Zeitumstellungen weitgehend bedeutungslos.
Auch die in der Türkei durchgeführten Bewertungen liefern ähnliche Ergebnisse. Dennoch wird in der Öffentlichkeit hartnäckig an der Behauptung festgehalten, dass „Einsparungen erzielt werden“, und diese Aussage deckt sich nicht mit der tatsächlichen Situation. Denn seit 2016 hat die Türkei die Sommer-Winterzeit-Umstellung abgeschafft und ist zur dauerhaften Sommerzeit übergegangen; sie verbleibt das ganze Jahr über in der Zeitzone UTC+3.
Das Fixieren der Uhren beendet die Diskussion nicht, es ändert nur ihre Richtung. Denn das Thema hat nicht nur eine energetische Dimension. Der menschliche Körper besitzt eine biologische Uhr, den sogenannten zirkadianen Rhythmus, der auf das Sonnenlicht abgestimmt ist. Der grundlegende Bezugspunkt dieses Systems sind nicht die Uhren, sondern das Tageslicht. Während natürliches Licht in den frühen Morgenstunden die biologische Uhr vorstellt, verzögern Morgenstunden, die in der Dunkelheit beginnen, diese Uhr. Auch in der Türkei ist es seit 2016 zu einem gewöhnlichen Teil des Alltags geworden, besonders in den Wintermonaten im Dunkeln in den Tag zu starten, und der Preis für das Aufwachen vor Sonnenaufgang wird auf biologischer und psychologischer Ebene gezahlt.
Genau an diesem Punkt offenbart sich das eigentliche Problem der Sommer-Winterzeit-Debatte: der Schlafrhythmus. Um diesen Zustand zu verstehen, genügt ein Blick auf historische und anthropologische Studien. Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist der Schlafrhythmus, den wir als natürlich und normal betrachten, kein unveränderliches Gesetz der Biologie, sondern eine relativ neue Gewohnheit, die von der modernen Gesellschaft hervorgebracht wurde. Der ununterbrochene Nachtschlaf ist für den Großteil der Menschheitsgeschichte eine Ausnahme. Studien zeigen, dass die Menschen im mittelalterlichen Europa mit einem zweigeteilten Schlafrhythmus lebten. Es ist bekannt, dass die Menschen in dieser Zeit kurz nach Sonnenuntergang schliefen, gegen Mitternacht aufwachten, in dieser Zwischenzeit miteinander sprachen, spazieren gingen oder sogar produktiven Tätigkeiten nachgingen, bevor sie in den zweiten Schlaf übergingen.
DER DISZIPLINIERTE KÖRPER, DER UNTERDRÜCKTE RHYTHMUS
Das Problem der modernen Gesellschaft ist, dass sie diese historische Vielfalt beseitigt hat. Dieser im Mittelalter verbreitete Rhythmus wurde mit der Industriellen Revolution aufgegeben, und der Schlaf wird nicht mehr nach dem Tageslicht und dem biologischen Rhythmus definiert, sondern nach festen Arbeitszeiten, Fabrikschichten, Schulbeginn und administrativen Zeitregelungen. Im Sinne von Michel Foucault etabliert die moderne Macht die Zeit nicht nur als ein Instrument, das misst, sondern als einen Mechanismus, der den Körper durch die Zeit diszipliniert.
Mit der Zeit gewöhnen sich die Körper an diese Ordnung. Doch diese Gewöhnung bedeutet nicht, dass sich der biologische Rhythmus auf natürliche Weise wieder anpasst. Wie in Foucaults Analyse der Disziplinargesellschaft geht es hier nicht um die Heilung des Körpers, sondern darum, ihn gehorsam, vorhersehbar und synchronisiert zu machen. Das heißt, der zirkadiane Rhythmus verschwindet nicht; er wird unterdrückt und in den Hintergrund gedrängt.
Praktiken wie die Sommer-Winterzeit-Umstellung basieren als Fortsetzung dieses disziplinarischen Zeitregimes nicht auf der Flexibilität der biologischen Uhr, sondern auf der Starrheit des gesellschaftlichen Kalenders. Genau hier wird das heutige Problem deutlich: Der menschliche Körper hat sich von dem Licht-Dunkel-Zyklus gelöst, an den er sich historisch anpassen konnte; doch dieser Bruch ist keine natürliche Evolution, sondern das Ergebnis eines kontinuierlichen Zwangs. Deshalb hat der Körper, insbesondere wenn er der morgendlichen Dunkelheit ausgesetzt ist, keine biologische Flexibilität mehr, um gesund darauf zu reagieren.
DIE ZEIT, DIE DER GEOGRAFIE WIDERSPRICHT
Zu dieser biologischen Dimension kommt in der Türkei ein weiteres geografisches Problem hinzu: der Unterschied zwischen Ortszeit und administrativer Zeit. Die Türkei hat eine Ost-West-Ausdehnung von etwa 76 Minuten. Mit der dauerhaften Sommerzeit liegen die westlichen Provinzen mehr als eine Stunde hinter dem natürlichen Tageslicht zurück.
Laut Daten des türkischen Statistikamtes (TÜİK) müssen die Menschen in den Städten, in denen 41,5 % der türkischen Bevölkerung leben und 53 % der Wirtschaftsleistung erbracht werden, in den Wintermonaten vor Sonnenaufgang aufstehen. Dies hebt die Debatte von der Ebene des persönlichen Komforts und der Gewohnheit auf die Ebene der Produktivität und der regionalen Gerechtigkeit. Mit anderen Worten: Das wirtschaftliche Gewicht der Türkei liegt im Westen, aber die administrative Zeit richtet sich nach dem Lichtzyklus des Ostens.
Dieses Bild führt zu drei Ergebnissen:
• Schlaf und Aufmerksamkeit werden nicht nach dem natürlichen Licht, sondern nach der administrativen Zeit bestimmt.
• Der Beginn des Bildungs- und Arbeitstages wird nicht nach der biologischen Uhr, sondern nach den geografisch benachteiligten westlichen Provinzen diktiert.
• Die Debatte über Energieeinsparung weicht der Debatte über Produktivität, Gesundheit und Effizienz.
Untersuchungen zeigen, dass der Start in den Tag in der morgendlichen Dunkelheit die Konzentrationsschwäche erhöht, das Müdigkeitsgefühl verlängert und depressive Verstimmungen auslöst. Besonders Kinder und Jugendliche sind davon stärker betroffen. Bei Körpern, die gezwungen sind, im Dunkeln aufzuwachen, schwächt sich aufgrund der Störung des zirkadianen Rhythmus das Immunsystem; die Anfälligkeit für Infektionen steigt. Bei Kindern, die im Dunkeln zur Schule gehen, ist ein Rückgang der Lernleistung zu beobachten. Zudem ereignen sich in diesen Zeiten häufiger Verkehrsunfälle. An diesem Punkt ist das Thema kein individuelles Komfortproblem mehr, sondern eine Frage der öffentlichen Gesundheit, die mit den körperlichen und gesellschaftlichen Kosten der disziplinierten Zeit zusammenhängt.
In Europa wird die Debatte nicht mehr über Energie, sondern über die menschliche Gesundheit und Lebensqualität geführt. Einige Länder befürworten die dauerhafte Sommerzeit, andere die dauerhafte Winterzeit. Der gemeinsame Nenner ist jedoch: Anstatt mit den Uhren zu spielen, sollte man die Arbeits- und Bildungsordnung überdenken.
Für die Türkei ist das Thema nicht technischer, sondern strategischer Natur, und die Optionen liegen auf dem Tisch. Die Rückkehr zur saisonalen Zeitumstellung ist eine davon. Eine andere sind regionale Zeitregelungen, die den Ost-West-Unterschied des Landes berücksichtigen. Eine der rationalsten Optionen sind flexible Arbeits- und Schulzeiten. Im digitalen Zeitalter gibt es keine wissenschaftliche Rechtfertigung dafür, die starre Arbeitszeitordnung des 20. Jahrhunderts als gegeben hinzunehmen.
Denn die Zeitfrage ist nicht nur eine administrative Entscheidung; es ist eine Entscheidung mit direkten Auswirkungen auf den biologischen Rhythmus, die gesellschaftliche Organisation und die öffentliche Gesundheit. Der Preis dafür, die Zeit nicht mit dem Licht, sondern mit der Uhr zu messen, wird zuerst am Körper und dann in der Stadt gezahlt. Was getan werden muss, ist nicht, den Menschen die administrative Zeit aufzuzwingen, sondern die Arbeits- und Bildungsordnung dem Rhythmus des Lichts und der Biologie anzunähern. Wenn die dauerhafte Sommerzeit keine Energie spart, aber körperliche und gesellschaftliche Kosten verursacht, bleibt nur eine Frage: Welche Zeit lassen wir für wen laufen?
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