Zwischen 2015 und 2020 glaubte die Automobilwelt an einen kollektiven Traum: Fahrerlose Taxis sollten die Städte erobern, Autos sollten sich von selbst steuern und der Beruf des Chauffeurs sollte zu den „aussterbenden Berufen“ gehören. Diese Idee wurde zunächst vom Silicon Valley an Investmentfonds verkauft, von dort an Automobilgiganten und schließlich an die Stadtverwaltungen. Auf Konferenzen wurde über „vollständige Autonomie bis 2025“ gesprochen; Google, GM, Tesla, Baidu, Uber… sie alle nutzten das Wort „Revolution“.
Der Kalender zeigt das Jahr 2026. Sensoren sind leistungsfähiger geworden, Kameras sind günstiger, KI-Modelle haben sich weiterentwickelt, Prozessoren sind schneller. Aber die Revolution ist ausgeblieben, das Straßenbild hat sich nicht verändert. Heute erkennen Autos Fahrspuren, identifizieren Verkehrsschilder, führen Notbremsungen durch und warnen den Fahrer. Viele Marken verkaufen diese Fahrerassistenzsysteme in der Serienproduktion. Doch diese schaffen den Fahrer nicht ab; sie reduzieren lediglich die Belastung beim Fahren. Vollständige Autonomie hingegen ist eine völlig andere Ebene, eine von Grund auf andere Fahrzeugarchitektur:
- Redundante Brems-, Lenk- und Stromversorgungssysteme
- Kombinationen aus Lidar + Radar + Kameras
- Verarbeitung von Gigabytes an Daten pro Sekunde
- Anbindung an Kartenmaterial und Telemetrie
- Fernüberwachungs- und Eingriffszentralen
In der heutigen Technologie ist nichts davon rein theoretisch. Genau das war es, was Waymo in Phoenix und Cruise in San Francisco taten. Aber in kleinen Gebieten, bei niedrigen Geschwindigkeiten und unter intensiver menschlicher Aufsicht. Genau hier beginnt das Problem: Als man sich die fahrerlose Revolution ausmalte, hat niemand die reale Ökonomie der Städte berücksichtigt.
Die Kosten für den Betrieb von Autonomie im städtischen Maßstab sind extrem hoch. Damit eine Stadt für Autonomie geeignet wird, müssen Fahrbahnmarkierungen standardisiert, Beschilderungen präzisiert, Karten ständig aktualisiert und tote Winkel der Sensoren beseitigt werden – und nichts davon sind Investitionen, die bei den Wählern Stimmen bringen. Für einen Bürgermeister sind öffentlicher Nahverkehr, Erdbebenvorsorge, Wohnungsbau, Umwelt und Verkehr weitaus dringlichere Themen. Autonomie schafft es in dieser Liste nicht einmal unter die Top 10. Mit anderen Worten: Das Silicon Valley hat die Stadtökonomie unterschätzt.
Eine weitere Hürde ist das Haftungsrecht. Eine nicht technische, sondern rechtliche Frage blockiert das System: Wer ist schuld, wenn es zu einem Unfall kommt?
- Der Hardwarehersteller?
- Der Softwareentwickler?
- Der Kartenanbieter?
- Der Flottenbetreiber?
- Der Sensorhersteller?
- Die Stadtverwaltung?
In einem Fahrzeug ohne Fahrer bringt die Antwort auf diese Frage das Versicherungs- und Rechtssystem sofort zum Stillstand. Kein Unternehmen möchte eine unbegrenzte Haftung unterzeichnen, keine Versicherung kann dieses Risiko leicht bepreisen, keine Stadtverwaltung möchte sagen: „Ich übernehme die Verantwortung für den Unfall.“ Zum ersten Mal in der Geschichte hat die Technologie einen Unfall in eine verteilte Haftungskette verwandelt, und die rechtliche Infrastruktur ist darauf nicht vorbereitet.
Ein weiteres Problem ist folgendes: Vollständige Autonomie ist selbst jetzt noch keine echte Autonomie. In den Flotten arbeiten heute Fernüberwachungsoperatoren, Telemetrieanalysten, Daten-Labeler und Sicherheitsfahrer. Wir haben den Fahrer also aus dem Auto entfernt, ihn aber in den Kontrollraum gesetzt. Und zwar mit einem höheren Gehalt, da es sich um qualifizierteres Personal handelt. Die Arbeitskosten sinken also nicht, sondern steigen.
Die Idee des Robotaxis war simpel: Fahrer aus dem Auto entfernen › Kosten senken › alle profitieren. In der Realität kam es genau andersherum. Ein bemanntes Uber ist günstiger. Deshalb konnte das Robotaxi-Modell weder Investoren noch Stadtverwaltungen oder das Versicherungssystem überzeugen. Autonomie hat technisch funktioniert, war aber ökonomisch nicht tragfähig.
Das Schicksal des Elektroautos verlief trotz der Diskussion im gleichen Zeitraum anders. Bei E-Fahrzeugen sanken die Batteriekosten, die Ladeinfrastruktur wurde aufgebaut, staatliche Förderungen kamen hinzu und die Produktion wurde skaliert. Letztendlich wurde es kommerzialisiert. Auf der autonomen Seite wurde geworben, getestet und Pilotprojekte gestartet, aber die Markteinführung blieb aus. Zusammenfassend lässt sich sagen: Von zwei Technologien derselben Ära hat die eine gewonnen, die andere hat Verspätung. Dies ist keine technologische Niederlage, sondern eine ökonomische.
Es wäre nicht korrekt zu sagen, dass die Geschichte komplett zu Ende ist. Nur die Richtung hat sich geändert. Anstelle von vollautonomen fahrerlosen Taxis in der Innenstadt könnten Zwischenmodelle konzipiert werden: Lkw & Logistik, Fahrzeuge für Häfen & Bergbaugebiete, Shuttles auf Flughäfen & Campusgeländen. In diesen Bereichen ist der Verkehr einfach, die Route fest, der Verantwortungsbereich klar, die Infrastruktur unter Kontrolle und das Geschäftsmodell profitabel. Autonomie wird also nicht in der Stadt oder auf Autobahnen gewinnen, sondern in kontrollierbaren, engen Korridoren.
Das Bild, das sich uns heute bietet, ist klar:
- Die Technologie ist weitgehend bereit
- Die Ökonomie hat nicht funktioniert
- Das Recht hat keine Antworten geliefert
- Die Versicherung konnte das Risiko nicht bepreisen
- Die Stadt hat kein Budget bereitgestellt
- Die Politik hat keine Priorität gesehen
Deshalb ist die fahrerlose Revolution auf der Strecke geblieben.
Die eigentliche Frage lautet nun: Für wen, wo und für welche Ökonomie ist ein fahrerloses Fahrzeug sinnvoll? Ohne klare Antworten auf diese Frage wird die Autonomie nicht vor unserer Tür stehen. Autos mögen die Straße sehen, aber die Städte sind noch nicht bereit, die Kosten, das Risiko und die Verantwortung dieser Technologie zu tragen.
Und vielleicht werden wir rückblickend sagen: Die Technologie war bereit, aber die Stadtökonomie, das Recht und die Politik konnten diese Revolution nicht tragen.
Meistgelesen
Huthis greifen saudischen Tanker an
Das Schreiben nimmt kein Ende: Noch eine FETÖ-Erinnerung
4 Drohnen in der Nähe des US-Generalkonsulats in Erbil abgeschossen
Der Geist, der an der Leggings hängen blieb...
Berühmter Regisseur Ezel Akay und sein Bruder festgenommen
Er nannte die Kommunen, die zur 'Neuen Partei' wechseln werden, und ein Detail zu Istanbul erregte Aufmerksamkeit
Abgeordneter, dem ein Wechsel zur AKP nachgesagt wird, beginnt Überzeugungstour
Kritische Unterscheidung bei der Behauptung zum auswärtigen Essen
Die internen Debatten der CHP interessieren mich überhaupt nicht
CHP reagiert mit Massen-SMS auf Özels neue Parteientscheidung