Aufgrund von Ermittlungen, Festnahmen und Verhaftungen, die mit unfassbaren Begründungen gegen oppositionelle Journalisten, Politiker, Kommunalverwaltungen, Social-Media-Nutzer und Vertreter von NGOs eingeleitet werden, ändert sich die Tagesordnung in der Türkei täglich.
Wir schreiben und berichten schon lange darüber. Die Türkei durchlebt einen Prozess des multiplen institutionellen und gesellschaftlichen Verfalls und Zusammenbruchs. Zuletzt bezeichnete selbst die TÜSİAD die Festnahmen und Verhaftungen von Politikern, Journalisten und Geschäftsleuten sowie die Entlassung von Leutnants aus der Armee, die sich als „Soldaten von Mustafa Kemal“ bezeichneten, als ein „System, das zusammenbricht“.
Natürlich sind dies sehr wichtige Themen. Natürlich werden wir die Rechtsstaatlichkeit verteidigen und natürlich werden wir uns gegen Rechtswidrigkeiten wehren, aber während wir diesem Zusammenbruch entgegentreten, dürfen wir die wirtschaftlichen Sorgen der großen Mehrheit der Gesellschaft und den stetig sinkenden Lebensstandard nicht aus den Augen verlieren.
Letztes Jahr sprachen wir darüber, dass Kinder hungrig zur Schule gehen. Dieses Jahr hat sich die Lage noch weiter verschlechtert. Die Sauberkeit und Hygiene an Schulen sind zu einem Problem geworden. Das Bildungsministerium, das Sekten die Türen öffnet und ihnen Ressourcen zuweist, ist nicht einmal mehr in der Lage, Seife in den Schulen bereitzustellen. Die Bürger haben seit langem keinen Zugang mehr zu Gesundheitsdiensten.
Letzte Woche gab der Präsident der Zentralbank bekannt, dass sie das Inflationsziel für 2025 bereits nach dem ersten Monat von 21 Prozent auf 24 Prozent angehoben haben. Zuvor nannten sie drei Gründe für die Abweichungen von den Inflationszielen: den Anstieg der Wohnungsmieten, die Kosten für Bildungsdienstleistungen und die Preissteigerungen bei unverarbeiteten Lebensmitteln. In all diesen drei Bereichen sagten sie: „Die Geldpolitik der Zentralbank kann hier nichts ausrichten“, und schoben die Verantwortung auf die Regierung. In ihrer jüngsten Erklärung zur Anhebung des Inflationsziels kam eine weitere Ausrede hinzu: die abnormalen Preissteigerungen im Gesundheitswesen… Die Zentralbank erklärt auch hier, dass die Geldpolitik keine Ergebnisse liefern werde. Das ist korrekt. Diese Erklärung der Zentralbank ist das Eingeständnis dessen, was wir schon lange sagen: „Der Sozialstaat ist am Ende“.
Die Lebensmittelpreise sind nicht kontrollierbar. Die Wohnungsmieten sind nicht mehr zu bewältigen. Gesundheitsdienste sind aufgrund der Rücksichtslosigkeit des Marktes und der Profitgier des Kapitalismus unerreichbar geworden. Der Staat hat sich davon entfernt, Bildung zu vermitteln, und ist stattdessen damit beschäftigt, eine gläubige, gehorsame und „rachsüchtige“ Generation heranzuziehen. Hochwertige Bildung ist nur noch für Kinder aus Familien der obersten Einkommensschichten zugänglich. Wir sprechen hier von Privatschulgebühren, die bis zu 2 Millionen Lira jährlich erreichen.
DAS RECHT DES BÜRGERS IST DIE SCHULD DES STAATES
Wenn wir von den Rechten eines Einzelnen sprechen, bedeutet das, dass die Gegenseite eine Verantwortung trägt. Menschenrechte oder Bürgerrechte bedeuten die Verantwortung des Staates, die Schuld des Staates. Die grundlegendsten Menschenrechte sind das Recht auf Leben, das Recht auf Wohnraum, das Recht auf Zugang zu gesunden Lebensmitteln und Ernährung, das Recht auf Bildung, die Gedankenfreiheit und das Recht, seine Gedanken frei zu verbreiten. Der Staatsapparat ist es, der diese Rechte gewährleisten muss.
Wir sagten, die Rechte der Bürger seien die Verantwortung und die Schuld des Staates.
Wenn wir nicht jedem eine qualitativ hochwertige und kostenlose Bildung bieten können;
Wenn wir nicht jedem eine qualitativ hochwertige, kostenlose und sofortige Gesundheitsversorgung bieten können;
Wenn wir nicht jedem das Umfeld bieten können, das seine Wohnbedürfnisse erfüllt;
Wenn wir durch fehlerhafte Wirtschaftspolitik die Inflation anheizen, die Kaufkraft der Menschen zerstören, den Zugang zu gesunden Lebensmitteln verhindern und sie in den Hunger treiben;
Wenn wir die grundlegendsten Bürgerrechte aus dem Bereich der staatlichen Dienstleistungen herauslösen und dem Markt überlassen, dann lautet die Frage: „Warum zahlen wir Steuern an den Staat?“
Das Problem ist kein reines Inflationsproblem mehr, es ist zu einer Überlebensfrage geworden. Die wichtigste Ressource eines Landes ist sein Humankapital.
Um in der Wirtschaft produktiv zu sein und eine starke Armee zu haben, müssen wir gut ausgebildete und gesunde neue Generationen heranziehen. Wir können den Kindern keine gute Bildung bieten, wir können ihre gesunde Ernährung nicht sicherstellen. Aufgrund der unkontrollierbaren Lebensmittelpreise können sich Kinder nicht mit ausreichend Protein und Vitaminen ernähren. Es ist bekannt, dass Kinder, die ihren Hunger nur mit Getreide stillen, keine ausreichende geistige und körperliche Entwicklung zeigen. Das ist ein Überlebensproblem für sich…
Die Türkei ist kein Wüstenstaat. Sie liegt in einer Lage, in der zu allen vier Jahreszeiten landwirtschaftliche Produktion und Viehzucht möglich sind. Vor der AKP-Regierung war die Türkei eines der sieben Länder der Welt, die sich in der Landwirtschaft selbst versorgen konnten. Und jetzt sprechen wir über Hunger.
Selbst wenn die Inflation sinkt, sind die Preise auf ein unerreichbares Niveau gestiegen. Inflation ist der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Ein Rückgang der Inflationsrate bedeutet nicht, dass die Preise sinken, sondern dass sich die Geschwindigkeit des Preisanstiegs verlangsamt. Insbesondere seit Oktober 2021 ist die Inflation aufgrund der „Zinspolitik gemäß religiöser Prinzipien“ (Nas) explodiert. Die Inflation, die im Oktober 2021 bei 19 Prozent lag, stieg bis Ende 2021 auf 36 Prozent, in den Folgejahren auf bis zu 85 Prozent und sank dann von 85 auf 44 Prozent. Aber die Preise haben ein solches Niveau erreicht, dass selbst bei einer Inflation von Null die Bürger, insbesondere Arbeiter, Rentner und Landwirte, aufgrund der nicht gestiegenen Einkommen und der gesunkenen Kaufkraft keine Möglichkeit mehr haben, ihre Bedürfnisse in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Wohnen zu decken. Ich muss auch hinzufügen: Die Inflationsdaten, von denen ich spreche, stammen vom TÜİK, und die Inflationsmessungen des TÜİK werden nicht als glaubwürdig angesehen. Die von unabhängigen Wirtschaftswissenschaftlern gebildete ENAG misst eine Inflation, die mehr als doppelt so hoch ist wie die des TÜİK. Da Rentenerhöhungen sowie Lohn- und Gehaltsanpassungen auf Basis der TÜİK-Inflation berechnet werden, wird es selbst bei einer Null-Inflation unmöglich sein, das reale Preisniveau zu erreichen. In den folgenden Grafiken sehen wir sehr deutlich den Unterschied zwischen der TÜİK- und der ENAG-Inflation sowie die Erosion des Mindestlohns und der Renteneinkommen.
WAS IST AUS 100 TL VON JANUAR 2022 BIS HEUTE GEWORDEN?

Waren und Dienstleistungen, die im Januar 2022 für 100 Lira gekauft werden konnten, kosten im Januar 2025 laut TÜİK 410 Lira und laut ENAG 1069 Lira. Das ist 2,6-mal mehr.
SINKENDE INFLATION, STEIGENDE PREISE

Die blaue Linie in dieser Grafik zeigt die vom TÜİK gemessene jährliche Inflation im Zeitraum von Oktober 2021 bis Januar 2025. Der Bereich Dezember 2025 ganz rechts in der Grafik geht von der Inflationsprognose der Zentralbank von 24 Prozent aus. Die Säulen zeigen das allgemeine Preisniveau, bei dem diese Inflationsmessungen durchgeführt wurden. Die helle Säule rechts markiert den Punkt, an dem das allgemeine Preisniveau Ende 2025 liegen wird, wenn das von der Zentralbank angestrebte Inflationsziel von 24 Prozent erreicht wird.
Mit der Senkung der Zinsen im Oktober 2021 unter dem Vorwand „Es gibt das Nas“ stieg die TÜİK-Inflation von 19 Prozent auf 85 Prozent im Oktober 2022. Im Oktober 2022 lag die ENAG-Inflation bei 185 Prozent. Der Verbraucherpreisindex, an dem die Inflation im Oktober 2021 gemessen wurde, lag bei 584, am 1. Januar 2022 bei 687. Als die Inflation von 85 Prozent auf 44 Prozent sank, stieg das allgemeine Preisniveau im Januar 2025 innerhalb der vergangenen drei Jahre von 687 auf 2819. Der Unterschied zwischen den Inflationsmessungen des TÜİK und der ENAG war anfangs nicht besorgniserregend. Doch ab 2022 begann er sich drastisch zu vergrößern. Wäre das allgemeine Preisniveau des TÜİK, das am 1. Januar 2022 bei 687 lag, so gemessen worden wie die ENAG-Inflation, läge das heutige Preisniveau nicht bei 2819, sondern bei 7344. Mit anderen Worten: Ein Warenkorb, der im Januar 2022 für 687 Lira gekauft werden konnte, kostet heute nicht 2819 Lira, sondern 7344 Lira. Es ist nahezu unmöglich, dass diese explodierten Preise jemals wieder sinken… Dass die Löhne nicht in diesem Maße gestiegen sind und die Inflation die Kaufkraft wie eine Walze überrollt hat, sehen wir in der folgenden Grafik.
MINDESTLOHN UND RENTENBEZÜGE 2022 UND 2025

Im Januar 2022 lag der Netto-Mindestlohn bei 4253 Lira. Im Jahr 2025 wurde er mit 22.104 Lira bekannt gegeben, was nur knapp über der TÜİK-Inflation liegt. Wäre er jedoch auf Basis der ENAG-Inflation zwischen 2022 und 2024 berechnet worden, läge er bei 45.465 Lira. Dasselbe gilt für die niedrigsten Rentenbezüge… Im Januar 2022 lag die niedrigste Rente bei 2500 Lira und erreichte 2025 unter Berücksichtigung der TÜİK-Daten 14.469 Lira. Nach ENAG-Messungen hätte das Niveau jedoch bei 26.725 Lira liegen müssen. Wenn man bedenkt, dass die niedrigste Rente vor der AKP-Ära 40 Prozent über dem Mindestlohn lag, hätte die niedrigste Rente heute 65.000 Lira erreichen müssen.
Ich muss auch betonen: Diese Mindestlohn- und Rentenniveaus sind keine Träumerei. Es ist das Niveau vom Januar 2022, mit dem damals auch niemand zufrieden war… Und das Haushaltsdefizit des Staates, der den Rentnern diese Bezüge im Januar 2022 zahlte, war im Verhältnis zum Volkseinkommen besser als heute. Das heißt, der Staat ging nicht wegen der Rentner pleite. Und auch im Januar 2022, bei diesem Mindestlohnniveau, gingen die Unternehmen nicht pleite und erzielten sehr gute Gewinne. Arbeiter und Rentner suchen heute sehnsüchtig nach den Einkommen vom Januar 2022, mit denen sie damals unzufrieden waren.
Inflation, Lebenshaltungskosten, Hunger, Ernährungsprobleme, unerreichbare Gesundheitsdienste, Wohnungs- und Bildungsprobleme sind die wichtigsten Themen auf der Agenda der Bürger und dürfen unter keinen Umständen von der Tagesordnung verschwinden.
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