Finden Sie Nachrichten im folgenden Datumsbereich
und und
und und
und und
Löschen
Euro
Arrow
54,0133
Dollar
Arrow
44,7721
Pfund Sterling
Arrow
62,7528
Gold
Arrow
6139,1022
BIST 100
Arrow
10.729

Ist das deine Gerechtigkeit?

Überlass die Wahl deiner Nachrichten nicht dem Algorithmus - entscheide selbst, was du liest. Füge 12punto zu deinen bevorzugten Quellen hinzu!

Die Waage der Gerechtigkeit ist längst keine Waage mehr…

Selbst wenn man sie an eine digitale Präzisionswaage anschließen würde, könnte eine Seite immer noch schwerer wiegen. Denn in der Türkei wird Gerechtigkeit nach dem Nachnamen, danach, wem man politisch zunickt, wer der Vater ist, wie dick das Portemonnaie ist und „wem man nahesteht“ bemessen. Gewissen, sagten Sie? Das ist ein Wort, das in den Fluren der Gerichtsgebäude längst nicht mehr widerhallt.

Das aktuellste Beispiel haben wir dieser Tage erlebt. Wir wurden Zeugen eines Urteils und einer sogenannten Strafe, die uns nicht beruhigt hat, sondern uns nur fassungslos zurückließ.

Am 9. Juli 2024 stieß Fatma Zehra Kınık Demir, die Tochter des ehemaligen Kızılay-Präsidenten Kerem Kınık, mit einem fahrenden Motorrad zusammen. Der 17-jährige Batın Barlasçeki verlor dabei sein Leben. Die Träume, die geliebten Menschen, die Zukunft und das Lebensrecht dieses Kindes blieben auf dem Asphalt zurück. Leider wird in der Türkei manchmal nicht nur ein Leben, sondern auch das Gewissen am Unfallort zurückgelassen.

Laut Gutachten trug Fatma Zehra die volle Schuld, wurde jedoch auf freiem Fuß verurteilt. Im letzten Prozess wurde sie zu 4 Jahren und 2 Monaten Haft verurteilt. Aber keine Sorge, die Vollstreckung des Urteils wurde ausgesetzt. Schön, nicht wahr? Wenn es heißt „die Urteilsverkündung wurde ausgesetzt“, glaubt man wohl, die Gewissen beruhigen zu können.

Das Ergebnis lautet also: Keine Strafe. Kein Gefängnis. Lediglich der Führerschein wurde für zwei Jahre entzogen. Genau wie bei einem Bürger, der betrunken am Steuer erwischt wurde! Aber hier ist ein Kind gestorben! Ist das Menschenleben in der Türkei also billiger, oder ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie so wertvoll? Solange die Frage im Raum steht, ob das Urteil anders ausgefallen wäre, wenn der Nachname der Fahrerin, die den Tod eines 17-Jährigen verursachte, ein anderer gewesen wäre oder sie nicht die Tochter eines regierungsnahen Namens wäre, werden die Gewissen nicht zur Ruhe kommen.

Wir wissen, dass manche in der Türkei die Freiheit haben, Straftaten zu begehen. Es gibt Rabatte auf Strafen durch „Familienkontingente“ oder sogar Straffreiheit. Prozesse wie eine Belohnung, Urteile wie eine Geste... Ein Leben ist ausgelöscht, aber man kann das Gerichtssaal erhobenen Hauptes verlassen. Man hat sogar die Dreistigkeit, beim Hinausgehen zu sagen: „Ich habe keinen Fehler gemacht.“

Aber wenn man Journalismus betreibt? Wenn man zum Beispiel die Wahrheit sagt? Oder Fragen stellt? Dann wird man in Untersuchungshaft genommen. Als wäre das kein Journalismus, sondern ein Verbrechen. Oder wenn man sich über einen Social-Media-Phänomen äußert, besonders wenn man einen religiös verbrämten Sektenführer kritisiert, weil er an die eigene Schule gekommen ist... Dann ab in die Arrestzelle!

Jetzt wird ein neues „Justizpaket“ vorbereitet. 35.000 Häftlinge sollen freikommen. Das reicht nicht! Räumt das ganze Gefängnis, meine Herren. Ohnehin ist nicht klar, nach welchen Kriterien die Insassen dort sitzen. Die Farbe des Verbrechens ändert sich in diesem Land je nach Windrichtung. Während vor drei Tagen das größte Verbrechen noch Terrorismus war, wird jetzt berechnet, wie man diejenigen, die wegen dieses Vorwurfs inhaftiert sind, mit Applaus verabschieden kann.

Solche Dinge lassen sich nicht mit Paketen oder Tüten regeln. Gerechtigkeit ist keine Marktaktion. Das Justizsystem muss von Grund auf geändert werden. Wissen Sie, diese Statue der Gerechtigkeit mit den verbundenen Augen? Verbinden Sie ihr auch noch die Ohren. Sperren Sie sie am besten in einen dunklen Raum, damit sie gar nicht weiß, wessen Tochter oder wessen Sohn vor Gericht steht. Sie soll nur mit der Akte sprechen.

Denn Gerechtigkeit wird nicht nur verteilt; sie muss spürbar sein. Was fühlen Sie in diesem Moment?