Drei Tage vor der skandalösen Entscheidung fragte ich den TİP-Vorsitzenden Erkan Baş in einem Interview: „Haben Sie mit Özgür Özel über die Behauptung gesprochen, dass Can Atalays Abgeordnetenstatus aberkannt werden soll, und über die verschobene Verfassungs-Kundgebung?“
Erkan Baş antwortete: „Das war bei unserem Treffen an jenem Tag kein Thema“ und fügte hinzu: „Ich glaube nicht, dass das Parlamentspräsidium so weit gehen kann!“
Auch der CHP-Vorsitzende Özgür Özel hatte wohl nicht damit gerechnet, dass die Regierung so weit gehen würde, da er das Thema nicht einmal zur Sprache brachte.
Sieben Tage nach dem Treffen von Özgür Özel und Erkan Baş am 24. Januar wurde Can Atalays Abgeordnetenstatus in der Großen Nationalversammlung der Türkei (TBMM) aberkannt!
Könnte man die Zeit doch nur zurückdrehen…
Wären die beiden Parteichefs den Schachzügen der Regierung zuvorgekommen, hätten sie die Behauptung über die Aberkennung von Can Atalays Mandat auf die Tagesordnung gesetzt und angekündigt, dass die verschobene Verfassungs-Kundgebung am Sonntag, den 28. Januar, auf dem Tandoğan-Platz stattfinden würde.
Hätte Bekir Bozdağ die Macht des Volkes auf dem Tandoğan-Platz gesehen, hätte er vielleicht nicht den Mut aufgebracht, das Urteil des Kassationsgerichtshofs zu verlesen.
Die Regierung setzt ihre Agenda konsequent um. Die Opposition läuft ihr stets hinterher.
Wenige Tage vor dem ersten Jahrestag des Erdbebens wurde das Mandat von Can Atalay, der vom Volk in Hatay gewählt wurde, aberkannt. Dabei bereitete Can Atalay zu jener Zeit einen Gesetzesentwurf vor, der die TBMM dazu aufforderte, den 6. Februar zum „Tag des Erdbebenbewusstseins und Gedenkens“ zu erklären.
Can Atalay, der Abgeordnete von Hatay, wo Tausende Menschen bei dem Erdbeben ums Leben kamen, ist vor den Bürgern der Republik Türkei und nach der Verfassung der Republik Türkei weiterhin ein Abgeordneter.
Die Aberkennung des Mandats von Can Atalay, für den das Verfassungsgericht die Entscheidung „unschuldig“ getroffen hat, ist ein Verfassungsbruch.
Die Regierung setzt ihre Agenda konsequent um.
Während die Opposition auf die Wahlen fokussiert ist, geht die Verfassung verloren.
Die verschobene Verfassungs-Kundgebung muss so schnell wie möglich stattfinden. Alle zivilgesellschaftlichen Organisationen, allen voran die Türkische Anwaltskammer, müssen diese Kundgebung unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung unterstützen. Das Verfassungsbüchlein, das dem Abgeordneten ins Gesicht geworfen wurde, sollte unter dem Volk verteilt werden!
Die Opposition sollte nun auch ein wenig die Agenda bestimmen.
Zum Beispiel könnten die CHP, TİP, Saadet Partisi, İYİ Parti, DEVA, DEM, Gelecek Partisi und alle im Parlament vertretenen Oppositionsparteien den von Can Atalay für den 6. Februar vorbereiteten Gesetzesentwurf unterstützen. Sie könnten gemeinsam die TBMM dazu auffordern, ihrer Pflicht und Verantwortung nachzukommen.
Murat Kurums Eingeständnis „Wir haben 130.000 Menschen beim Erdbeben verloren“ rechtfertigt Can Atalays Gesetzesentwurf.
Die Annahme des von Can Atalay vorbereiteten Gesetzesentwurfs könnte den Erdbebenopfern und den Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, ein wenig Trost spenden.
Im Gedenken an unsere beim Erdbeben verstorbenen Menschen muss der 6. FEBRUAR ZUM TAG DES ERDBEBENBEWUSSTSEINS UND GEDENKENS erklärt werden.
Zum Abschluss unseres Beitrags lassen wir Yunus Emre zu Wort kommen:
„Bleib du aufrecht. Das Krumme wird seine Strafe finden.“
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