Wir sind wütend. Hätten die Menschen in der Verantwortungskette ihre Pflichten erfüllt, wären sie nicht gestorben. In jenem Hotel, in das sie für die Semesterferien gekommen waren, verloren Kinder, Mütter und Väter ihr Leben in den Flammen. Es bricht einem das Herz, wenn man die Nachrichten über das Feuer hört.
Das Grand Hotel ist eines der beliebtesten Hotels in Bolu Kartalkaya. Der Werbetext auf der Internetseite wurde immer noch nicht entfernt. Für die Vorstellung des Hotels wurde folgende Überschrift gewählt:
Bereiten Sie sich auf ein unvergessliches Wintermärchen vor!
„Das Grand Kartal ist ein luxuriöses Paradies auf dem Gipfel der Berge. Unser Hotel, das die Pracht und den Frieden der schneebedeckten Natur vereint, bietet unseren Gästen mit seinen komfortablen Zimmern und seinem hochwertigen Service einen unvergesslichen Winterurlaub. Ein Erlebnis voller moderner Annehmlichkeiten und Aktivitäten inmitten der Natur erwartet Sie. Seien Sie bereit für einen Urlaub, in dem Sie jeden Moment genießen werden.“
Die Kinder, die voller Freude für den lang ersehnten Skiurlaub das Grand Hotel betraten, verloren in einem Feuer, das mitten in der Nacht ausbrach, ihr Leben.
76 Seelen! Es gibt Schwerverletzte. Wir als Nation haben einen unvergesslichen Winteralbtraum erlebt. Die Verantwortlichen für die Katastrophe sind heute in ihrer Hektik nur damit beschäftigt, die Verantwortung auf andere abzuwälzen.
Halil Ergül, der Eigentümer des Grand Hotels, ist gleichzeitig Mitglied des Vorstands der Agentur für Tourismusförderung und -entwicklung der Türkei, die dem Ministerium für Kultur und Tourismus unterstellt ist.
Ergül hatte zwar das Zertifikat für das Programm für nachhaltigen Tourismus für sein Hotel erhalten, doch die im Rahmen des Nachhaltigkeitsprogramms für das Personal vorgeschriebenen Schulungen in Erster Hilfe, Arbeitssicherheit und Brandschutz waren nicht abgeschlossen.
Das Leben der Menschen wurde nicht durch die modernen Annehmlichkeiten aus dem Werbetext des Hotels gerettet, sondern durch weiße Bettlaken, die die Familien aneinanderbanden und aus dem Fenster hingen, um ihre Kinder zu retten.
Vor einem Monat hatte die Stadtverwaltung von Bolu das Hotel auf Antrag der Hotelleitung inspiziert und das Hotel in 8 Punkten hinsichtlich des Brandschutzes für unzureichend befunden. Da das Grand Hotel seinen Antrag jedoch zurückzog, konnte kein Brandschutzbericht erstellt werden.
Die von der Stadtverwaltung Bolu festgestellten Mängel hinsichtlich des Brandschutzes sind folgende:
Fluchtwege unzureichend, beleuchtete Wegweiser unzureichend, Notausgangsbeleuchtung unzureichend, Löschstreifen unzureichend, Blitzableiter unzureichend, der Restaurantbereich wurde nicht gemäß den Brandschutzvorschriften gebaut.
Nach Aussagen der Menschen, die während des Feuers aus dem Hotel fliehen konnten, gab es keinen Feueralarm; die Menschen weckten sich gegenseitig, indem sie gegen die Zimmertüren schlugen. Aufgrund des Rauchs, der das Atmen erschwerte, war es ohnehin unmöglich, die im Hotel befindliche Feuertreppe zu erreichen, und die Feuertreppen selbst fingen im Feuer Flammen!
Müsste ein Hotel, dessen Dach und gesamte Fassade aus Holz bestehen, nicht besonders sensibel gegenüber Brandschutzvorschriften sein?
Könnte es sein, dass die Versicherungsgesellschaft, die dieses Hotel mit seinen vielen Holzteilen versichert hat, nicht nach den Sicherheitsvorkehrungen gegen Feuer gefragt hat? Fragen zu Brandmeldeanlagen, Sprinkleranlagen, Notausgängen und Brandschutzschulungen gehören zu den wichtigsten Punkten in der Risikobewertung vieler Versicherungsunternehmen.
Der folgende Satz eines Hotelangestellten, der das Feuer in Kartalkaya überlebt hat, sagt eigentlich sehr viel über alle Bürger dieses Landes aus:
Die Menschen haben für 37 Tausend Lira ihre eigenen Leichentücher gekauft!
Wir sind wütend. Denn das Leid hat sich wie ein Berg aufgetürmt.
Wir haben Tausende unserer Menschen durch vermeidbare Katastrophen verloren. Das Zugunglück von Pamukova, das Zugunglück von Kütahya, die Überschwemmungskatastrophe in Marmara, die Minenkatastrophe von Soma, der Brand im Studentenwohnheim von Aladağ, das Zugunglück von Ankara, die Waldbrände im Mittelmeerraum, die Überschwemmungskatastrophe in West-Schwarzmeer, die Minenkatastrophe von İliç, das Erdbeben von Kahramanmaraş, die Explosion in der Munitionsfabrik von Balıkesir, die Seilbahnkatastrophe, der Brand im Nachtclub in Beşiktaş, die Überschwemmungskatastrophe in Adıyaman und Şanlıurfa usw…
Niemand, der in der Staatsführung eine Aufgabe erhalten hat, hat die Sorge, sich rechtfertigen zu müssen! Wer auf einem Posten mit Verantwortung sitzt, muss auch ein Gewissen haben.
Wäre die Türkei ein modernes, demokratisches Land, würde der Minister für Kultur und Tourismus, Nuri Ersoy, heute um seine Entlassung bitten und zurücktreten.
Solange es uns als Gesellschaft nicht gelingt, Rechenschaft zu fordern, werden die Menschen in der Verantwortungskette die Verantwortung immer auf andere schieben. Der Punkt, den strukturelle Versäumnisse in der Türkei erreicht haben, hat sich mittlerweile in strukturelle Gewalt verwandelt.
Solange man niemanden zur Rechenschaft zieht und nicht auf sein Recht beharrt, glaubt man immer, dass diese Versäumnisse nur andere töten.
Bis es eines Tages Sie und Ihre Angehörigen trifft.
In einem Land, in dem es an Kompetenz, Kontrolle, Moral und Gewissen mangelt, ist Ihr Leben nur Ihnen selbst anvertraut.
Strukturelle Gewalt kennt auch keine Klassen.
Alles ist teuer, nur ein Menschenleben ist billig.
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