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Wir sind müde!

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Jeden Morgen mit neuem Stress und neuer Ungewissheit aufwachen… Jeden Abend mit der Frage allein gelassen werden: „Der heutige Tag ist zwar vorbei, aber was wird morgen sein?“ Von einer Welle von Festnahmeoperationen erschüttert werden. 

In der U-Bahn, in der Marmaray, auf der Straße, bei der Arbeit, zu Hause – die Gesichter der Menschen sind finster, ihre Augen abwesend, die Menschen sind müde. Das ist nicht nur eine körperliche Erschöpfung; es ist eine Müdigkeit, die aus dem Herzen, aus der Seele kommt. Die Menschen sind nicht mehr durch schlaflose Nächte müde, sondern durch den Verlust ihrer Hoffnung. 

Die Türkei liegt im Korruptionsindex auf Platz 107. Gefangen im Würgegriff einer Ökonomie der Armut und des Mangels, führt das tägliche Erwachen mit neuen Steuern, neuen Preiserhöhungen und neuen Einschränkungen zu einem Zustand ständiger Unruhe und Alarmbereitschaft. 

Wer seine Stimme erhebt oder Widerspruch einlegt, dem öffnet sich das Tor von Silivri. Bei dem Polizeieinsatz während des Gezi-Gedenkens gestern Abend wurden erneut 87 Personen festgenommen.

Das ist nicht nur eine Sicherheitsmaßnahme. Das ist ein weiterer Knoten, der in die unterdrückte Stimme der Gesellschaft geschlungen wurde. Selbst ein Gedenken wird mittlerweile als Bedrohung angesehen. Dabei wollen die Menschen nur erinnern, das Erlebte nicht vergessen und eine Kerze für die Verlorenen anzünden. Das ist alles.

Doch in diesem Land ist es mittlerweile ein Akt des Mutes, überhaupt zusammenzukommen. Angst, Wut und Misstrauen haben die Gesellschaft umklammert. Jeder ist auf der Hut, jeder ist in der Defensive. Niemand hört dem anderen zu, weil jeder versucht, sich selbst Gehör zu verschaffen. Wir haben verlernt, einander zuzuhören.

Aber was uns heilen wird, ist, wieder zueinander zu finden. Seite an Seite zu stehen und Wege zu finden, trotz unserer Unterschiede zusammenzuleben. Denn diese Müdigkeit kann nur vergehen, wenn wir uns gemeinsam ausruhen. Diese Verletztheit kann nur geheilt werden, wenn wir einander verstehen.

Ein Land steht nicht nur durch Straßen und Brücken aufrecht, sondern durch Hoffnung, Vertrauen und Liebe. Und diese Hoffnung sowie dieses Vertrauen entgleiten uns nach und nach. Es ist noch nicht zu spät. Wir können immer noch auf die Stimme des anderen hören und unsere Wunden gemeinsam heilen.

Wir müssen nur zuerst eines akzeptieren: Wir sind müde.