Die Ära Trump hat wieder begonnen: Was erwartet die Türkei?
Nach der Wiederwahl von Trump bei den 47. Präsidentschaftswahlen in den USA, die die ganze Welt mit Spannung verfolgt hat, hat das 12punto-Team die Auswirkungen auf die amerikanisch-türkischen Beziehungen mit einer Expertin erörtert: Doç. Dr. Ayşe Nur Çetinoğlu Harunoğlu, Spezialistin für türkisch-amerikanische Beziehungen.
İlkcan KEMER - 12punto exklusiv
Die Wiederwahl von Trump zum Präsidenten bei den 47. Präsidentschaftswahlen in den USA hat weltweit großes Interesse geweckt. Der Sieg Trumps in einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Kamala Harris wird als Triumph des Populismus in den USA gewertet. Wie werden sich die türkisch-amerikanischen Beziehungen in Trumps zweiter Amtszeit gestalten? Die Expertin für türkisch-amerikanische Beziehungen, Doç. Dr. Ayşe Nur Çetinoğlu Harunoğlu, beantwortete die Fragen von 12punto.
'DER PRÄSIDENT IST NICHT DER EINZIGE ENTSCHEIDUNGSTRÄGER'
Doç. Dr. Nur Çetinoğlu Harunoğlu erklärte, dass der Präsident nicht das einzige Entscheidungsorgan in der US-Regierung sei und dass Faktoren wie der Kongress, Lobbys und die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle bei der Politikgestaltung spielten. Sie äußerte sich wie folgt: „Egal ob Harris oder Trump Präsident ist, die Politik der USA gegenüber der Türkei wird keine grundlegende Veränderung erfahren. Die USA stellen in ihren Beziehungen zur Türkei ihre eigenen Interessen in den Vordergrund, basierend auf einer realistischen Außenpolitik.“
DIE ROLLE DES KONGRESSES IST WICHTIG
Çetinoğlu wies darauf hin, dass der Präsident in Amerika nicht allein entscheiden könne, und unterstrich die ausgleichende Macht des Kongresses: „Der Kongress begrenzt den Spielraum des Präsidenten in der US-Regierung durch das ‚Checks-and-Balances‘-System. Darüber hinaus spielen viele Akteure wie Lobbys und der Nationale Sicherheitsrat eine wirksame Rolle in den Entscheidungsprozessen. Daher sollte Trumps Unberechenbarkeit nicht überbewertet werden.“
TRUMPS UNTERSCHIED: PERSÖNLICHE DIPLOMATIE
In ihrer Einschätzung, was Trump von anderen Staatschefs unterscheidet, erklärte Çetinoğlu, dass er nicht an die traditionelle Diplomatie glaube. Çetinoğlu sagte: „Trump betrachtet Außenpolitik wie ein Geschäft und legt den Schwerpunkt auf persönliche Diplomatie. Er möchte die diplomatischen Prozesse selbst führen und Verhandlungen persönlich hinter verschlossenen Türen abwickeln. Diese Haltung beunruhigt viele Länder, einschließlich der Türkei.“
ERINNERUNG AN 2017 IN DEN TÜRKISCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Während Trumps erster Amtszeit im Jahr 2017 herrschte in der Türkei eine große Stimmung des Optimismus. Çetinoğlu weist jedoch darauf hin, dass viele Krisen in dieser Zeit fortbestanden. Sie erinnerte daran, dass Probleme aus der Obama-Ära wie das F-35-Programm, die PYD-YPG-Frage und die Auslieferung von Gülen auch während Trumps Amtszeit nicht gelöst wurden, und sagte: „Entgegen den Erwartungen kamen während der Trump-Ära auch die S-400-Problematik, der Iran und die Fälle um Rıza Sarraf auf die Tagesordnung.“
DAS GRÖSSTE PROBLEM: DIE S-400-KRISE
Çetinoğlu wies darauf hin, dass insbesondere die S-400-Krise eines der größten Spannungsfelder in den türkisch-amerikanischen Beziehungen sei:
„Im Kongress wird immer noch darüber debattiert, ob die Türkei F-16 erhalten oder zum F-35-Programm zurückkehren soll. Trumps Unberechenbarkeit könnte in diesem Prozess entscheidend sein. Wenn wir uns an den Brief erinnern, den er in der vorangegangenen Amtszeit an Erdoğan schickte und der weit von diplomatischen Gepflogenheiten entfernt war, haben wir es mit einem Staatschef zu tun, der jederzeit alles tun könnte.“
Trumps Wiederwahl wird als Sieg des Populismus gewertet. Çetinoğlu sagte: „Die Wahl Trumps ist ein Sieg des Populismus. Der Populismus ist zu einem untrennbaren Bestandteil der globalisierten Welt geworden.“ Sie betonte, dass Trumps einwanderungsfeindliche Rhetorik und seine Äußerungen gegen Frauen als im Widerspruch zu den Gründungswerten der USA stehend empfunden werden.
Çetinoğlu bezeichnete einen Staatschef wie Trump als die größte Bedrohung für die USA und verwies auf einen Artikel von John Mearsheimer, der 2017 in der Zeitschrift Foreign Affairs veröffentlicht wurde: „Die größte Verschwörung, mit der die von Amerika geführte internationale liberale Ordnung konfrontiert ist, kommt nicht von außerhalb Amerikas, sondern von innen.“ Çetinoğlu erklärte, dass Amerika, das nach dem 11. September in den Kriegen im Nahen Osten feststeckte, nun mit Trumps unberechenbarer Führung eine weitere schwierige Phase durchlaufen werde.
NEUE ÄRA IN DEN US-TÜRKISCHEN BEZIEHUNGEN
Der Ansatz der persönlichen Diplomatie und die unberechenbare Haltung Trumps könnten in den türkisch-amerikanischen Beziehungen in der kommenden Zeit viele Unsicherheiten mit sich bringen. Es scheint jedoch, dass die Institutionen und die Kontrollmechanismen der USA Trumps Schritte weiterhin begrenzen werden.
Nachrichtenquelle: 12punto
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