Türkei-Analyse in Le Monde diplomatique: Erdoğans Dilemma
In einem Artikel von Jean Michel Morel in Le Monde diplomatique wird darauf hingewiesen, dass Erdoğan möglicherweise gezwungen sein könnte, sich mit verschiedenen politischen Akteuren wie der DEM-Partei, der İYİ-Partei und der Yeniden Refah an einen Tisch zu setzen, um 2028 ein drittes Mal kandidieren zu können. Die Schwierigkeit, gleichzeitig sowohl nationalistische Kreise als auch die kurdische Bewegung zu versöhnen, wird jedoch als große politische Bewährungsprobe für die Regierung interpretiert.
In der August-Ausgabe der Zeitschrift Le Monde diplomatique wurde der Öffnungsprozess in der Türkei thematisiert. In der von Jean Michel Morel verfassten Analyse wurde das Dilemma, vor dem der AKP-Vorsitzende und Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan steht, wie folgt zusammengefasst: Mit der Opposition versöhnen oder weiterhin Druck auf politische Konkurrenten ausüben?
In der Analyse heißt es:
Recep Tayyip Erdoğan steht vor einem kritischen Dilemma, um 2028 ein drittes Mal zum Staatspräsidenten gewählt werden zu können. Die Verfassung lässt nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten zu. Erdoğan wurde jedoch 2014, 2018 und 2023 gewählt. Für eine erneute Kandidatur ist eine Verfassungsänderung erforderlich. Dafür ist entweder ein Referendum mit der Unterstützung von 360 Abgeordneten im Parlament oder eine direkte Änderung mit der Zustimmung von 400 Abgeordneten zwingend erforderlich. Die Anzahl der Sitze von AKP (267) und MHP (50) reicht hierfür jedoch nicht aus.

Die Regierung hat potenzielle Bündnisoptionen vor sich:
DEM-Partei (64 Abgeordnete): Sie vertritt kurdische Wähler, linke Gruppen, Ökologen und Feministen. Zu ihren Forderungen gehören die Freilassung politischer Gefangener, die Abberufung der staatlich eingesetzten Treuhänder (Kayyım), die Anerkennung der kurdischen Identität und die Freiheit von Abdullah Öcalan.
İYİ-Partei (44 Abgeordnete): Sie vertritt eine nationalistisch-mitte-rechte Linie. Unter der Führung von Akşener, die in der Vergangenheit eine harte kurdenfeindliche Politik verfolgte. Ein Bündnis mit der DEM erscheint schwierig.
Yeniden Refah Partisi (5 Abgeordnete): Sie verfolgt eine islamisch-nationalistische Linie. Sie zeichnet sich durch Forderungen nach Scharia und Kalifat aus; sie steht im krassen Gegensatz zur kurdischen Bewegung.
Diese Gleichung ist für Erdoğan äußerst komplex. Es ist nahezu unmöglich, sich gleichzeitig sowohl mit der İYİ-Partei als auch mit der DEM-Partei zu versöhnen.
Es gibt jedoch eine neue Entwicklung vor Ort: Auf den Aufruf von Abdullah Öcalan hin löste sich die PKK im Frühjahr 2025 auf und legte die Waffen nieder. Dieser historische Wendepunkt ebnete den Weg dafür, dass die kurdische Frage erneut im Parlament diskutiert werden konnte. Im Parlament wurde eine „Kommission für nationale Solidarität und Demokratie“ gegründet, und es entstand ein Dialogklima für den Frieden. Sogar MHP-Chef Devlet Bahçeli wandte sich an Öcalan und sagte: „Er soll ins Parlament kommen, um das Ende des Terrors zu verkünden.“
Dieses Bild bietet Erdoğan einen neuen Ausweg: Dank eines Friedensprozesses mit den Kurden und Schritten zur Demokratisierung sowohl die notwendige Unterstützung für eine Verfassungsänderung zu sammeln als auch die Unterstützung von etwa 17 Millionen kurdischen Wählern zu gewinnen. Zudem muss er die Spannungen mit den kurdischen Kräften östlich des Euphrat in Syrien abbauen; denn 2025 haben unter Vermittlung der USA Integrationsgespräche zwischen den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und der Regierung in Damaskus begonnen.
Fazit: Erdoğan wird entweder seinen autoritären Regierungskurs fortsetzen und mit schwindender Unterstützung in eine Sackgasse geraten, oder er wird versuchen, auf die Opposition – insbesondere auf die Kurden – zuzugehen, um seine dritte Amtszeit zu sichern.
Nachrichtenquelle: 12punto
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