Hintergrund: Erdoğan vertraut Bahçeli nicht: Kommt eine Halb-Präsidialsystem-Formel?
Der Journalist Murat Yetkin bewertete den Verfassungsaufruf Erdoğans, bei dem dieser erklärte: „Ich habe kein Interesse daran, erneut zu kandidieren.“ Laut Yetkin vertraut Erdoğan weder dem MHP-Vorsitzenden Bahçeli noch dem zur Debatte stehenden neuen Bündnis aus AKP, MHP und DEM-Partei. Hier sind die Details...
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Der Aufruf des Präsidenten und AKP-Vorsitzenden Recep Tayyip Erdoğan zu einer neuen Verfassung, verbunden mit seiner Ankündigung „Ich werde nicht noch einmal kandidieren“, hat die politischen Kulissen in Bewegung versetzt. Der Journalist Murat Yetkin erläuterte in seinem heutigen Artikel die hinter diesem Aufruf stehenden Möglichkeiten.
Yetkin erklärte, dass Erdoğans Vorstoß nicht nur eine neue Verfassungsdebatte einleiten solle, sondern auch ein Zeichen für ein Misstrauen gegenüber den bestehenden Bündnisgleichgewichten sei. Er sagte: „Der Präsident zeigt damit, dass er der AKP-MHP-DEM-Formel nicht voll und ganz vertraut. Er sieht, dass das von Bahçeli entworfene und auf der 50+1-Prozent-Hürde basierende System nicht nachhaltig ist.“
STEHT EINE HALBPRÄSIDENTEN-FORMEL AUF DER AGENDA?
Yetkin erinnerte daran, dass Erdoğan bei früheren Wahlen mit etwa 34 Prozent der Stimmen an die Macht gekommen sei, und fasste die möglichen Ziele hinter der Suche nach einem neuen System wie folgt zusammen:
„In einer Struktur ohne die 50-Prozent-Hürde könnte die Chance der AKP steigen, Wahlen alleine zu gewinnen. Dies könnte Teil von Erdoğans Plan sein, ohne die Unterstützung der MHP oder der DEM agieren zu können. Eine solche Transformation würde den Einfluss der höheren Justiz und des Parlaments stärken und möglicherweise die Tür zu einem Modell vom Typ einer Halbpräsidenten-Republik öffnen.“
Bei den neuen Verfassungsdebatten richten sich die Augen einerseits auch auf die CHP. Laut Yetkin ist unklar, wie sehr Erdoğans Vorschlag mit den grundlegenden Forderungen der CHP übereinstimmen wird. Die eigentliche Frage sei, wie offen Erdoğan wirklich für eine Systemänderung ist. Murat Yetkin schloss seinen Artikel zu diesem Thema wie folgt:
„Es ist nicht klar, was und wie viel Erdoğan mit diesem Vorstoß aufs Spiel setzt. Ist er bereit für ein ‚gestärktes parlamentarisches System‘, das die Grundvoraussetzung der CHP sein wird, also eine Struktur, in der das Parlament effektiver ist und Regierungen durch ein Vertrauensvotum ins Amt kommen? Wird das Land aus diesem halbautoritären System herausfinden, in dem versucht wird, per Präsidialdekret zu regieren? Hier beginnt das eigentliche Vertrauensproblem.“