Protestaktion der Anwälte im Prozess um den „stehenden Menschen“
Im Prozess gegen 19 junge Menschen, die am Jahrestag der Gezi-Proteste auf dem Taksim-Platz eine „stehende Mensch“-Aktion durchgeführt hatten, kam es zu bemerkenswerten Szenen. Nach einer Diskussion darüber, dass der Richter keine Robe trug, demonstrierten die Anwälte die Aktion praktisch im Gerichtssaal. Das Gericht hob alle Auflagen zur richterlichen Kontrolle auf und ordnete eine Strafanzeige gegen die beteiligten Polizeibeamten an.
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Der Prozess gegen 19 junge Menschen, die am Jahrestag der Gezi-Proteste auf dem Taksim-Platz eine „stehende Mensch“-Aktion durchgeführt hatten und dabei nach Angaben der Verteidigung misshandelt und in Handschellen gelegt wurden, fand heute statt.
Die Verhandlung begann mit einer Kontroverse, da der Richter keine Robe trug. Auf den Hinweis der Anwälte, er solle seine Robe anlegen, antwortete der Richter: „Das Tragen ist nicht verpflichtend, ich halte das so für angemessen. Wir schreiben das Jahr 2025, soll ich am besten auch noch eine Perücke aufsetzen?“
Als die Anwälte daraufhin erwiderten: „Dann legen wir unsere Roben ebenfalls ab“, zog der Richter seine Robe an. Noch vor der Befragung der Angeklagten stellte Rechtsanwalt Kadir Tanrıverdi einen Antrag auf sofortigen Freispruch und forderte eine konkrete Normenkontrolle aufgrund der Verfassungswidrigkeit des Gesetzes Nr. 2911. Nach der Anhörung der Angeklagten erklärten die Verteidiger, sie wüssten nicht, was sie in diesem Fall verteidigen sollten, da weder eine strafbare Handlung vorliege noch eine ordnungsgemäße Anklageschrift existiere. Sie betonten, dass es sich um einen politischen Prozess handele, der nur deshalb eröffnet worden sei, weil die Aktion am Jahrestag der Gezi-Proteste und auf dem Taksim-Platz stattgefunden habe. Die Verteidigungsreden sorgten für lebhafte Momente. Als Rechtsanwalt Doğan Zafer Çıngı sagte: „Normalerweise werden junge Menschen angeklagt, weil sie nicht stehen bleiben, aber diesmal werden sie angeklagt, weil sie stehen geblieben sind“, sorgte dies für Gelächter im Saal.
Rechtsanwältin Pınar Akbina erklärte, man wolle die Aktion praktisch demonstrieren, woraufhin alle Anwälte aufstanden und eine Zeit lang still stehen blieben. Die Zuschauer im Saal applaudierten den Anwälten. Daraufhin drohte der Richter, die Anwälte des Saales zu verweisen. Die Anwälte entgegneten, dass eine Verhandlung ohne Anwälte nicht möglich sei, und die Sitzung wurde fortgesetzt. Am Ende der Verhandlung entschied das Gericht, alle Auflagen zur richterlichen Kontrolle aufzuheben und die Staatsanwaltschaft Istanbul über die Polizeibeamten zu informieren, die die Angeklagten misshandelt haben sollen. Der Prozess wurde auf den 4. März 2026 vertagt, um die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft einzuholen.