Reaktion der Anwaltskammer Istanbul auf das Unterhaltsurteil des Verfassungsgerichts

Das Verfassungsgericht hat die Bestimmung zum unbefristeten Unterhalt im türkischen Zivilgesetzbuch mit Stimmenmehrheit aufgehoben. Nach der Entscheidung kritisierte das Zentrum für Frauenrechte der Anwaltskammer Istanbul das Urteil mit der Begründung, die Regelung verletze die erworbenen Rechte von Frauen.

12punto

Das Verfassungsgericht (AYM) hat die Regelung aufgehoben, die nach einer Scheidung die Zahlung von unbefristetem Unterhalt vorsieht. Nach einer Prüfung auf Antrag des 12. Familiengerichts von Antalya wurde die Aufhebung der Bestimmung in Artikel 175 des türkischen Zivilgesetzbuches mit Stimmenmehrheit beschlossen. Das Verfassungsgericht räumte der Großen Nationalversammlung der Türkei (TBMM) eine Frist von 9 Monaten für eine neue gesetzliche Regelung ein.

STELLUNGNAHME DER ANWALTSKAMMER ISTANBUL

Nach der Entscheidung veröffentlichte das Zentrum für Frauenrechte der Anwaltskammer Istanbul eine schriftliche Erklärung.

In der Erklärung heißt es:

"Die Aufhebungsentscheidung des Verfassungsgerichts bezüglich des nachehelichen Unterhalts verstößt gegen den Gleichheitsgrundsatz, der in Artikel 10 der Verfassung verankert ist.

Wir akzeptieren nicht, dass die Rechte, die Frauen in über hundert Jahren Kampf errungen haben, durch politische Manöver der Regierung zurückgenommen werden. Die Unterhaltsregelung ist die Garantie dafür, dass Frauen, die aufgrund von Ungerechtigkeiten in der Ehe und der Last der familiären Betreuung vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, verarmt und Gewalt ausgesetzt sind, aus diesem Kreislauf ausbrechen können. Was hier angestrebt wird, ist die Verurteilung von Frauen zu gewaltvollen Familienverhältnissen und ihre Verarmung, damit sie gezwungen sind, die gesamte Betreuungslast zu tragen, die der Staat nicht übernimmt. Wir werden diesem Plan nicht zustimmen! Da bereits rechtliche Wege existieren, um den von Gerichten festgesetzten Unterhalt vollständig aufzuheben oder dessen Höhe zu reduzieren, ist die Behauptung, dass 'unbefristeter Unterhalt zu Benachteiligungen führt', ein von der Regierung konstruiertes, realitätsfremdes Narrativ.

In diesem rechtswidrigen Umfeld, in dem Entscheidungen des Verfassungsgerichts je nach politischer Agenda der Regierung mal als zwingend und mal als nicht zwingend interpretiert werden, warnen wir die lokalen Gerichte: Die Anwendung einer Regelung, die gegen diese grundlegende Bestimmung verstößt – welche im Rahmen des in Artikel 17 der Verfassung verankerten Rechts auf Schutz und Entwicklung der materiellen und immateriellen Existenz der Person steht und die Menschenwürde von Frauen schützt –, wird zu irreversiblen Folgen führen. Wir geben unsere Rechte und unser Leben nicht auf!"