RSF-Bericht: Nationale Sicherheit als Waffe gegen den Journalismus
Im Namen der nationalen Sicherheit werden Journalisten vor Gericht gestellt, inhaftiert, überwacht, ins Exil gezwungen und sogar getötet. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) legt in ihrem neuen Bericht mit dem Titel „Nationale Sicherheit als Waffe gegen den Journalismus“ dar, wie weit sich der Begriff der nationalen Sicherheit von seinem eigentlichen Zweck entfernt hat und weltweit zu einem Unterdrückungsinstrument gegen den Journalismus geworden ist. Der Bericht, der diesen globalen Trend untersucht, bietet zudem zehn praktische Empfehlungen, um die Pressefreiheit langfristig zu sichern.
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Anne Bocandé, Publikationsdirektorin von RSF, betont, dass die nationale Sicherheit niemals als Vorwand für Regierungen dienen darf, Journalisten zum Schweigen zu bringen. Sie erklärt, dass jede Form von ungerechtfertigter Strafverfolgung, jede willkürliche Inhaftierung und jedes missbräuchliche Gesetz gegen die Presse auch das Recht der Öffentlichkeit auf Zugang zu Informationen untergrabe, und unterstreicht zudem die Ansteckungsgefahr dieser Unterdrückung:
Bocandé: „Autoritäre und demokratische Regierungen lernen voneinander“
„Autoritäre und demokratische Regierungen lernen mittlerweile voneinander, wie sie die Mechanismen des nationalen Sicherheitsstaates instrumentalisieren können, um Journalisten an der Recherche zu Themen von öffentlichem Interesse zu hindern. Unser Bericht zeigt, dass dieser gefährliche Trend eine globale Dimension angenommen hat und es dringend notwendig ist, ein grundlegendes Prinzip neu zu betonen: Journalismus ist niemals ein Verbrechen gegen den Staat, sondern im Gegenteil ein Schutzmechanismus gegen Willkür.“
Was haben der saudische Journalist Turki al-Jasser, die philippinische Journalistin Frenchie Mae Cumpio und die chinesische Journalistin Zhang Zhan gemeinsam? Alle drei wurden zwischen 2020 und 2026 unter dem Vorwand der „nationalen Sicherheit“ vor Gericht gestellt.
Während al-Jasser hingerichtet wurde, wurden die beiden anderen inhaftiert, nur weil sie ihre Arbeit ausführten.
Dies sind keineswegs Einzelfälle. Von Gaza bis Hongkong, von Moskau bis Managua werden Hunderte von Journalisten wegen Terrorismus, Spionage, Hochverrat oder der Schädigung staatlicher Interessen ins Visier genommen, weil sie die Bürger mit verlässlichen Informationen versorgen.
Beispiele für die Türkei: Can Dündar und Müyesser Uğur
Selbst wenn keine offensichtliche Bedrohung durch Krieg oder Gewalt besteht, können hohe geopolitische Risiken, historische Konflikte und regionale Instabilität als Instrumente dienen, um Angst zu verbreiten und den Journalismus zu unterdrücken. Die Türkei ist hierfür das beste Beispiel: Obwohl das Land sich nicht im Krieg befindet, gefährden autoritäre Tendenzen und Tabus rund um bestimmte Nachrichten zu internationalen Beziehungen die Pressefreiheit.
Neben den wichtigsten Erkenntnissen führt der RSF-Bericht auch 10 Empfehlungen auf und nennt Can Dündar und Müyesser Uğur als Beispiele für Journalisten in der Türkei, die unter dem Vorwand der „nationalen Sicherheit“ unter Druck gesetzt und verurteilt wurden. Der im Exil lebende Journalist Dündar, der 2020 wegen des Berichts über die MİT-LKW in der Zeitung Cumhuriyet zu 27 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt wurde, steht wegen der Veröffentlichung desselben Dossiers auf der Website Özgürüz weiterhin vor Gericht. Uğur, die für die Website Odatv über die Militäroperationen der Türkei in Libyen berichtete, wurde wegen „Beschaffung und Veröffentlichung verbotener Informationen“ zu 3 Jahren und 7 Monaten Haft verurteilt. Das Berufungsgericht wies die Revision gegen das Urteil im Jahr 2022 zurück.
Auf der Krim: Crimean Solidarity als „ausländischer Agent“ eingestuft
Schon die letzten Wochen haben neue Beweise für diesen Trend geliefert. In Russland wurde die unabhängige Nachrichtenquelle Crimean Solidarity auf der besetzten Krim auf die stigmatisierende Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt, weil sie die russische Unterdrückung dokumentierte. In den Vereinigten Staaten hat das Justizministerium Vorladungen an Journalisten der Zeitungen The Washington Post und The Wall Street Journal geschickt, damit diese vor einer Grand Jury aussagen, die Lecks zur nationalen Sicherheit untersucht.
In China: „Terrorismus“-Definition gefährlich ausgeweitet
Am 1. Juli 2026, nur wenige Tage vor der Veröffentlichung des Berichts, setzte das chinesische Regime ein neues Gesetz in Kraft, das den Umfang der als „Terrorismus“ eingestuften Aktivitäten gefährlich ausweitete. Dieses Gesetz könnte dazu genutzt werden, ins Exil geflüchtete Journalisten ins Visier zu nehmen, insbesondere solche aus der verfolgten uigurischen Minderheit. In Hongkong wird der Medienunternehmer Jimmy Lai, Gründer der Apple Daily, einer der prominentesten unabhängigen Zeitungen der Region, aufgrund von Vorwürfen der nationalen Sicherheit bereits seit mehr als 2.000 Tagen festgehalten.
10 Haupterkenntnisse und 10 Empfehlungen von RSF
Unter den 10 Erkenntnissen, die im RSF-Bericht aufgeführt sind, liegt der Schwerpunkt auf dem Kampf gegen den zunehmenden Missbrauch der nationalen Sicherheit: „RSF fordert die Wiederherstellung demokratischer Garantien; insbesondere empfiehlt die Organisation eine strikte Begrenzung der Definition der nationalen Sicherheit, die Stärkung des Schutzes vertraulicher journalistischer Quellen, die Einführung wirksamer Beschränkungen für Überwachungsbefugnisse, die Verhinderung des Missbrauchs von Anti-Terror-Gesetzgebungen gegen Journalisten sowie die Stärkung internationaler Mechanismen zum Schutz der Pressefreiheit.“