Vorwurf der ‚Bestechungsbeichte vor Gericht‘! Liste mit 53 Richtern und Staatsanwälten vorgelegt

Nachdem die Vorwürfe über ein Bestechungsnetzwerk am Justizpalast Istanbul Anadolu aufgedeckt wurden, soll sich ein ähnlicher Skandal am Justizpalast Bakırköy ereignet haben. Mehmet Doğan, der verhaftet wurde, weil er nach der Erstellung eines gefälschten Sachverständigengutachtens Bestechungsgelder angenommen hatte, erklärte vor Gericht: „Ich habe 80.000 TL Bestechungsgeld gezahlt und kam frei. Sie haben Bestechungsgelder angenommen... Hier sind die Richter und Staatsanwälte, die Bestechungsgelder angenommen haben“, und legte eine Liste mit 53 Namen vor.

12punto

Wie İsmail Arı von BirGün berichtet, gründete der Geschäftsmann Fehmi Öztürk im Jahr 2014 eine Partnerschaft mit Fırat M. Im Jahr 2017 wollte er diese Partnerschaft beenden. Sein Partner war jedoch nicht zu einer Einigung bereit. Daraufhin wandte sich Öztürk an die Justiz, da er angab, dass sein Vermögen im Wert von 50 Millionen Dollar sowie ein Stadtentwicklungsprojekt und ein Einkaufszentrum im Wert von 360 Millionen Dollar „widerrechtlich angeeignet“ worden seien.

GEFÄLSCHTES SACHVERSTÄNDIGENGUTACHTEN ERSTELLT UND BESTECHUNGSGELD GEFORDERT

Der ehemalige Geschäftspartner Fırat M., dem Fehmi Öztürk vorwirft, „sich mein Vermögen angeeignet zu haben“, erstattete 2018 Anzeige gegen Öztürk. Daraufhin wies die Generalstaatsanwaltschaft Büyükçekmece eine Person namens Mehmet Doğan an, ein Sachverständigengutachten zu erstellen, obwohl dieser eigentlich „mit einem Gutachterverbot belegt“ war. Mehmet Doğan, der seit 2003 als Sachverständiger tätig war, erstellte nach Gesprächen mit Fırat M., dem ehemaligen Abgeordneten Cuma İ. und Süleyman Ö. ein gefälschtes Gutachten, das Fehmi Öztürk als schuldig darstellen sollte. Es wird behauptet, dass Doğan anschließend auf Fehmi Öztürk zuging und 25.000 TL Bestechungsgeld von ihm forderte, mit der Begründung, dass er „das Gutachten zwar korrekt schreiben könne, dies aber einen Preis habe“.

AUF FRISCHER TAT ERTAPPT

Nach diesem Gespräch ging Fehmi Öztürk zur Generalstaatsanwaltschaft und schilderte die Vorfälle. Unter Beobachtung der Polizei und mit einem am Körper getragenen Abhörgerät traf sich Fehmi Öztürk mit Mehmet Doğan und übergab die 25.000 TL, deren Seriennummern zuvor notiert worden waren, als Bestechungsgeld. Daraufhin wurde der Sachverständige Doğan von der Polizei auf frischer Tat ertappt.

DER GENANNTE EHEMALIGE ABGEORDNETE WURDE NICHT ANGEKLAGT

Doğan wurde wegen des Vorwurfs der „gemeinschaftlichen Urkundenfälschung durch einen Amtsträger“ verhaftet und ins Gefängnis geschickt. Auch Fırat M. und Süleyman Ö. wurden inhaftiert, doch der ehemalige Abgeordnete Cuma İ. wurde auffälligerweise nicht angeklagt.

NUR 52 TAGE IN HAFT

Alle drei Personen wurden jedoch 2019 nach nur 52 Tagen Haft unter Auflagen aus dem Gefängnis entlassen. Die Geständnisse von Mehmet Doğan vor Gericht sorgten für großes Erstaunen.

„DIEJENIGEN, DIE MICH BESTOCHEN HABEN, KLAGEN MICH WEGEN BESTECHUNG AN“

Doğan, der bei der Annahme von Bestechungsgeldern auf frischer Tat ertappt worden war, erklärte in seiner schriftlichen Aussage vor Gericht: „Ich saß 52 Tage im Gefängnis. Ich habe 80.000 TL von einem Kredithai geliehen, die ich immer noch nicht zurückzahlen konnte, und wurde gegen Zahlung dieser Summe unter Auflagen freigelassen. Das heißt, diejenigen, die von mir Bestechungsgelder angenommen haben, klagen mich nun wegen Bestechung an... Nach der Zahlung der 80.000 TL, die ich mit dem Senat des 18. Schwurgerichts Bakırköy geteilt habe, wurde meine Haftentlassung erwirkt. Zuvor waren meine Anträge auf Haftentlassung unter Verweis auf meine gesundheitlichen Probleme abgelehnt worden.“

Die Skandale endeten hier nicht. Während das Verfahren noch lief, legte Doğan am 23. Mai 2022 eine Liste mit dem Titel „Bestechliche Richter und Staatsanwälte von Bakırköy“ vor. Er gab an, dass die 53 auf der Liste aufgeführten Richter und Staatsanwälte Bestechungsgelder angenommen hätten und einige von ihnen Verbindungen zur FETÖ hätten.“

KEINERLEI ERMITTLUNGEN

Trotz all dieser Vorwürfe und der Bestechungsliste wurden jedoch keine Ermittlungen eingeleitet. Einige Zeit nach diesen verblüffenden Entwicklungen zogen sich der Vorsitzende des 18. Schwurgerichts Bakırköy, E.K., sowie die beiden beisitzenden Richter M.D. und B.A.U. vom Fall zurück. Der neue Gerichtssenat hat das Verfahren trotz der inzwischen vergangenen fünf Jahre ebenfalls nicht abgeschlossen.

LISTE DER ‚BESTECHUNGSEMPFÄNGER‘ DEM GERICHT ÜBERGEBEN

Während das Verfahren noch andauert, ließ Mehmet Doğan Anfragen unbeantwortet. Ein Großteil der Liste, die Doğan dem Gericht mit den Worten „Liste der bestechlichen Richter und Staatsanwälte, gegen die keinerlei Maßnahmen ergriffen wurden“ übergab, besteht aus Richtern und Staatsanwälten, die am Justizpalast Bakırköy tätig sind.

Darüber hinaus stehen zwei Staatsanwälte vom Justizpalast Büyükçekmece, zwei Richter und ein Staatsanwalt vom Justizpalast Anadolu sowie drei Richter und ein Staatsanwalt vom Regionalgericht Istanbul auf der Liste. Neben den Namen einiger Richter und Staatsanwälte auf Doğan’s Liste findet sich zudem der Vermerk: „Unterstützt und begünstigt Angehörige der Terrororganisation FETÖ“.