Was bewirken die 'Atatürk'-Debatten in Deutschland? Es gibt eine Oper, eine Krise, aber kein Libretto

Die Atatürk-Oper, die die Staatsoper Stuttgart für 2027 plant, hat sich trotz eines noch unvollständigen Librettos zu einer politischen und gesellschaftlichen Debatte in Deutschland entwickelt. Während die Ansichten armenischer und pontischer Kreise breiten Raum in der Diskussion einnehmen, finden die Einwände der türkischen Gemeinschaft kaum Gehör.

12punto

IŞIN ERTÜRK

Es gibt einen noch nicht fertiggestellten Operntext...

Wie seltsam es auch ist, es gibt auch eine wachsende Krise.

Es gibt den gemeinsamen Einspruch von 34 türkischen Nichtregierungsorganisationen.

Es gibt einen Brief des türkischen Juristen Özgür Dobruca an die Opernleitung, in dem auf die Möglichkeit rechtlicher Schritte hingewiesen wird.

Es gibt eine Reihe von Erklärungen kurdischer Kreise.

Es gibt Einwände der armenischen Gemeinde.

Es gibt Kritik von pontisch-griechischen Organisationen.

Es gibt einen intensiven Austausch der Opernleitung.

Es gibt Erklärungen der Regierung des Bundeslandes Baden-Württemberg, dass sie den Prozess genau beobachtet.

Und nach wochenlangem Schweigen gibt es die erste Einschätzung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Cem Özdemir.

Doch das Libretto, das im Zentrum all dieser Diskussionen steht, ist immer noch nicht vorhanden.

Genau hier beginnt der größte Widerspruch der Debatte.

Was sich um die Oper „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“ abspielt, die die Staatsoper Stuttgart für die Spielzeit 2027 plant, hat die Grenzen einer bloßen Diskussion über ein Kunstprojekt längst überschritten.

Dabei geht es nicht nur darum, wie Atatürk dargestellt werden soll.

Es wird auch hinterfragt, wer Atatürk darstellen darf...

Welche Quellen herangezogen werden...

Wer angehört wird...

Und wer ausgeschlossen wird.

Während all dies geschieht, tritt eine weitere Tatsache zutage.

Die Ansichten kurdischer Kreise finden in der deutschen Presse breiten Raum.

Die Einschätzungen der armenischen Gemeinde werden detailliert wiedergegeben.

Den Erklärungen pontisch-griechischer Organisationen wird Platz eingeräumt.

Die Opernleitung bereitet Kontakte zu diesen Gruppen vor.

Die Regierung von Baden-Württemberg beobachtet den Prozess.

Auch der Ministerpräsident äußert sich.

Doch die Ansichten der Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland, die die unmittelbarsten Betroffenen dieser Debatte sind, bleiben weitgehend unsichtbar.

Daher ist die Frage nicht nur auf „Wie wird Atatürk dargestellt?“ beschränkt.

Die Frage „Warum wird der eigentliche Adressat nicht angehört?“ gewinnt zunehmend an Bedeutung.

BEHAUPTUNGEN ÜBER „DRUCK VON TÜRKISCHER SEITE“ WIDERLEGT

Andererseits gab es laut Berichten in der deutschen Presse ein Treffen zwischen dem Intendanten der Staatsoper Stuttgart, Viktor Schoner, und der Generalkonsulin der Republik Türkei in Stuttgart, Makbule Koçak Kaçar. Später war zu sehen, dass die betreffenden Berichte von den Internetseiten der Zeitung entfernt wurden. Opernsprecher Sebastian Ebling erklärte, das Treffen sei Teil eines umfassenderen Dialogprozesses für das neue Werk gewesen, merkte aber gleichzeitig an, dass „das Libretto noch in der Schreibphase“ sei.

Unterdessen erklärte das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, dass es über den Prozess informiert sei. Das Ministerium teilte zudem mit, dass es keine Anhaltspunkte für eine politische Einflussnahme aus dem Ausland gebe.

Dieser Punkt ist wichtig.

Denn wenn wir uns das bisherige Bild ansehen, bestätigen die Behörden nicht die Behauptungen einiger Kreise, dass die türkische Seite politischen Druck auf die Oper ausübe.

Wie wir bereits in früheren Nachrichtenanalysen zu diesem Thema berichtet haben, sei daran erinnert: „Dass Mustafa Kemal Atatürk in den Werbetexten der Oper mit Begriffen wie 'Gewalt', 'Autoritarismus', 'nationalistische Ideologie', 'historische Verbrechen' und 'Unterdrückung' in Verbindung gebracht wird, löst in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland große Empörung aus.“

Es zeigt sich, dass die Opernleitung angesichts der in diesem Umfeld wachsenden Debatten versucht, Kontakt zu verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aufzunehmen.

MIT WESSEN WISSEN WIRD DAS LIBRETTO GESCHRIEBEN?

Doch die zentrale Frage der gesamten Debatte bleibt unbeantwortet.

Auf welche Quellen stützt sich das Libretto? In welchem Zustand befindet sich der „Text“ dieser umstrittenen Oper?

Von wem werden Meinungen eingeholt?

Gibt es Beiträge türkischer Historiker?

Dabei steht die türkischstämmige Gemeinschaft in Deutschland heute auf einem viel größeren intellektuellen und kulturellen Erbe, als man vielleicht annimmt.

Bei einer solchen Diskussion über Quellen kommen einem Tausende von Namen in den Sinn. Nur ein paar erste Beispiele?

Nâzım Hikmet...

Hasan İzzettin Dinamo...

Korkut Boratav...

Yalçın Küçük...

Zafer Toprak...

Heute kommen dazu noch die Arbeiten der jungen Generation von Historikern, Forschern und Denkern.

Zehntausende Bücher, Artikel und Forschungsarbeiten wurden über die Gründung der Republik, den Befreiungskrieg, die Säkularisierung, Bildungsreformen, Frauenrechte, den Unabhängigkeitskampf und den Modernisierungsprozess der Türkei veröffentlicht.

Wenn diese Oper ein unabhängiges und wohlwollendes Werk werden soll, dann sind dies die Wegweiser.

Fragen wir weiter.

Sind Experten, die zur Geschichte der Republik arbeiten, in den Prozess einbezogen?

Wird der Gründungsprozess der Republik Türkei nur aus kritischen Perspektiven auf die Bühne gebracht?

Mit welchem Gewicht werden beispielsweise der Kampf des großen Revolutionärs Mustafa Kemal Atatürk für Modernisierung und Aufklärung sowie seine Reformen behandelt?

Oder wird das Werk von vornherein in einen festgelegten politischen Rahmen gezwängt?

Die Fragen häufen sich.

Antworten sind jedoch noch nicht in Sicht.

CEM ÖZDEMIR HAT SEIN SCHWEIGEN GEBROCHEN, ABER...

Kommen wir zu einem der bemerkenswertesten Punkte der Debatte.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir hat sich erstmals zur wochenlangen Atatürk-Opern-Debatte geäußert.

Özdemir erklärte, er werde „nichts zu einer Oper sagen, die noch nie aufgeführt wurde“.

Er sagte, Atatürk sei auch heute noch für viele Menschen, die in Baden-Württemberg leben, Gegenstand „sehr unterschiedlicher und manchmal diametral entgegengesetzter Bewertungen“.

Der Ministerpräsident betonte zudem die Kunstfreiheit und sagte: „Kunstfreiheit bedeutet, dass sich die Kunst mit historischen Persönlichkeiten und kontroversen Themen auseinandersetzen kann.“

Diese Erklärung macht deutlich, dass Özdemir nicht in den Inhalt der Oper eingreifen wird. Dieser Ansatz ist im Hinblick auf die Kunstfreiheit eine verständliche Haltung.

Doch die Debatte ist längst nicht mehr auf den Inhalt eines Bühnenwerks beschränkt.

Es geht um eine breitere Diskussion, die Türken, Kurden, Armenier, Aleviten und verschiedene gesellschaftliche Gruppen in Baden-Württemberg betrifft.

Daher besteht die Erwartung nicht darin, dass der Ministerpräsident dem Künstler vorschreibt, was er zu tun hat, sondern dass er einen klareren politischen Rahmen dafür aufzeigt, wie diese wachsende Spannung im Land auf der Grundlage von sozialem Frieden und Dialog bewältigt werden soll.

Ja, Özdemir hat gesprochen.

Doch seine Erklärung hat die Fragen, wie diese in Baden-Württemberg wachsende Debatte gesteuert werden soll, wie verschiedene Gruppen gleichermaßen angehört werden können und wie die Sorgen von Millionen Menschen türkischer Herkunft aufgefangen werden sollen, keineswegs ausgeräumt.

Andererseits postete Ministerpräsident Özdemir in denselben Tagen in den sozialen Medien anlässlich des 10. Jahrestages der Anerkennung der Ereignisse von 1915 als „Völkermord“ durch den Deutschen Bundestag und erinnerte daran, dass er sich intensiv für diese Entscheidung eingesetzt habe. Auf Türkisch:

„Was ich jetzt sage, ist mir besonders wichtig. Genau heute vor zehn Jahren hat der Deutsche Bundestag den Völkermord an den Armeniern und anderen Christen im ehemaligen Osmanischen Reich endlich anerkannt. Dieser Prozess hat mich etwa ein Jahr gekostet und erforderte intensive Überzeugungsarbeit. Das Deutsche Kaiserreich war damals Verbündeter des Osmanischen Reiches. Deshalb war es wichtig, über unsere gemeinsame Verantwortung zu sprechen. Ich wünsche mir, dass die Beziehung zwischen der Türkei und Armenien eines Tages der Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich ähnelt.“

Das Timing dieses Beitrags, der genau in den Tagen veröffentlicht wurde, in denen hitzige Debatten über das Atatürk-Projekt der Staatsoper Stuttgart geführt werden, verdient ebenfalls Beachtung.

WAS SAGEN KURDISCHE, ARMENISCHE UND PONTISCHE KREISE?

In den Berichten der deutschen Presse stehen die Sorgen kurdischer, armenischer und pontisch-griechischer Kreise im Vordergrund.

Avra Emin, eine Vertreterin des Deutsch-Kurdischen Forums, kritisiert den Dialogverkehr der Opernleitung und argumentiert, dass kurdische Kreise nicht ausreichend in den Prozess einbezogen würden.

Diradur Sardaryan, das geistliche Oberhaupt der armenischen Gemeinde in Baden-Württemberg, äußert sich insbesondere besorgt über den Ausdruck „Legende von Mustafa Kemal“ im Titel des Werkes und fordert, dass die Oper bei historischen Sensibilitäten vorsichtiger agieren müsse.

In ähnlicher Weise fordern pontisch-griechische Organisationen sowie einige Akademiker und Aktivisten eine kritische Auseinandersetzung mit der historischen Rolle Atatürks.

Ihr gemeinsamer Punkt ist derselbe:

Sie wollen bereits jetzt bei einem Werk mitreden, dessen Libretto noch nicht einmal fertiggestellt ist.

WO IST DIE TÜRKISCHE SEITE?

Während all dies geschieht, tritt eine weitere bemerkenswerte Situation auf.

Es gibt diejenigen, die in der deutschen Presse zu Wort kommen.

Kurdische Vertreter sprechen.

Armenische Gemeinden sprechen.

Pontisch-griechische Organisationen sprechen.

Die Opernleitung spricht.

Das Ministerium spricht.

Der Ministerpräsident spricht.

Aber wo sind die Türken?

Hier sind sie.

Sie schreiben Briefe.

Sie legen Einspruch ein.

Sie sprechen von rechtlichen Schritten.

Trotzdem finden die Erklärungen der 34 türkischen Nichtregierungsorganisationen in der deutschen Öffentlichkeit nicht dieselbe Sichtbarkeit. Genau deshalb hat die Debatte die Grenzen eines bloßen Opernprojekts längst überschritten. Die Frage kann natürlich nicht mehr nur auf „Wie wird Atatürk dargestellt?“ beschränkt bleiben.

Die Frage „Wer spricht in dieser Debatte, wer bekommt das Wort und wer wird nicht gehört?“ wird immer lauter gestellt.

Dass den Vertretern der türkischen Gemeinschaft nicht ausreichend Gehör geschenkt wird, macht die Debatte noch problematischer.

SPRACHE IN EINER DEUTSCHEN ZEITUNG FIEL AUF

Ein weiteres Element, das die Debatte befeuerte, war die Einschätzung mit dem Titel „Das kontroverse Erbe von Mustafa Kemal Atatürk“, die am 31. Mai in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht wurde.

In dem Artikel wird argumentiert, dass Atatürk einerseits als Symbol für Säkularisierung und Modernisierung gesehen werde, andererseits aber als autoritärer Führer bewertet werde. Den Dersim-Ereignissen, der Minderheitenpolitik und den gesetzlichen Regelungen in der Türkei, die das Andenken an Atatürk schützen, wird breiter Raum eingeräumt.

Zudem fällt auf, dass der Befreiungskrieg in dem Artikel als „Krieg gegen Griechenland“ definiert wird. Der Gründungsprozess der Republik Türkei wird in dem Artikel nicht aus der Perspektive eines umfassenden Unabhängigkeitskampfes gegen Besatzung und Zerstückelung betrachtet.

Ebenso wird in demselben Artikel auf „Kritik“ eingegangen, wonach Atatürk „heroisiert“ werde.

GENAU DIE RICHTIGE ZEIT FÜR DAS ATATÜRK-ORATORIUM: WIRD KULTUR MIT KULTUR BEANTWORTET?

Werden die Operninstitutionen in der Türkei in den Prozess einbezogen?

Könnte das Op. 13 Atatürk-Oratorium, das von Nevit Kodallı basierend auf dem Werk „Atatürk Kurtuluş Savaşında“ (Atatürk im Befreiungskrieg) von Cahit Külebi komponiert wurde und zu den bedeutendsten musikalischen Schöpfungen der Republikzeit zählt, in Deutschland, insbesondere auf derselben Opernbühne, aufgeführt werden?

Würden neue kulturelle Projekte entstehen, die die Republik, den Befreiungskrieg, Bildungsreformen, Frauenrechtsreformen und den Platz Atatürks in der Weltgeschichte erzählen?

Niemand weiß heute, was wir auf der Bühne der Staatsoper Stuttgart sehen werden.

Die Debatte, die um die Atatürk-Oper entbrannt ist, hat sich lange vor der Premiere im Jahr 2027 zu einer der härtesten Kultur- und Politikakten Baden-Württembergs entwickelt.

Das Libretto ist noch nicht geschrieben, der Vorhang ist noch nicht aufgegangen...

Während auf europäischen Bühnen über Atatürk gesprochen wird, wer wird wirklich das Recht in der Hand halten, die Geschichte der Republik zu erzählen?

Vielleicht ist das, was heute wirklich diskutiert werden sollte, nicht die Oper, sondern welche Geschichte der Türkei Europa hören möchte.