Kadem Özbay bewertet den neuen Lehrplan gegenüber 12punto: 'Atatürk und die Republik fehlen im neuen Lehrplan!'
Der Lehrplan an Schulen ändert sich. Das Ministerium für Nationale Bildung (MEB) hat den Entwurf für den neuen Lehrplan, an dem lange gearbeitet wurde, der Öffentlichkeit vorgestellt. Kadem Özbay, Vorsitzender der Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (Eğitim-İş), bewertete den neuen Lehrplan gegenüber 12punto.com.tr.
Ayhan Taşpınarlıoğlu
Ayhan TAŞPINARLIOĞLU - 12punto.com.tr
Das Ministerium für Nationale Bildung hat den Entwurf für den neuen Lehrplan mit dem Titel "Maarif-Modell des türkischen Jahrhunderts" für die Pflichtfächer aller Bildungsstufen unter der Adresse "https://gorusoneri.meb.gov.tr" zur öffentlichen Stellungnahme freigegeben.
Nach Angaben des Ministeriums können zu dem neuen Lehrplanentwurf über die Website eine Woche lang Stellungnahmen abgegeben werden.
12punto hat den neuen Lehrplan bei Kadem Özbay, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (Eğitim-İş), hinterfragt.
''WO IST IHR EVALUIERUNGSBERICHT ZUM BESTEHENDEN PROGRAMM?''
Auf die Frage ''Was denken Sie über den neuen Lehrplan?'' antwortete er wie folgt:
''Zunächst einmal muss man Folgendes sagen: Das Bildungsministerium und die politische Führung müssen erklären, dass dies die vierte grundlegende Lehrplanänderung und die zigste Systemänderung während ihrer Amtszeit ist. Sie sind seit 22 Jahren an der Macht. Wo ist Ihr Evaluierungsbericht zum bestehenden Programm? Bewerten Sie die Vergangenheit und teilen Sie sie mit der Öffentlichkeit. Zweitens gibt es keine Bedarfsanalyse. Es gibt keine Untersuchung oder Bewertung von Weltprogrammen. Wir sehen, dass es dafür keine Pilotanwendung, keine Erprobung und keine Evaluierungsstudie gibt.
''DIES IST EIN PARTEIPROGRAMM''
Wir müssen Folgendes sehen: Wir versuchen, das Produkt einer Denkweise zu diskutieren, die die Wissenschaft ignoriert. Kann man von einer Denkweise, die Sekten und religiöse Gemeinschaften als NGOs bezeichnet, ein zeitgemäßes Bildungsprogramm erwarten? Dies ist ein Parteiprogramm. Denn die AKP hat es 'Türkisches Jahrhundert' genannt. Das Bildungsministerium nannte es das 'Maarif-Programm des türkischen Jahrhunderts'.
''DIE REPUBLIK UND ATATÜRK FEHLEN''
Was fehlt hier? Die Republik fehlt. Wir können an den Wörtern im Text erkennen, dass genau das Ziel des Bildungsprogramms, eine Generation mit freiem Geist, freiem Gewissen und freiem Verstand heranzuziehen, wie es die Republik anstrebt, nicht vorhanden ist.
Die Republik fehlt; wir sehen, dass anstelle von 'Bildung und Erziehung' der Begriff 'Maarif' (Bildungswesen) bevorzugt wird. Wenn wir uns den Inhalt ansehen, zeigt die verwendete Sprache sehr deutlich, was die politische Führung anstrebt und welche Art von Generation sie heranziehen möchte.
Wir sehen, dass im Text 43-mal 'Wissenschaft', 61-mal 'Moral', 46-mal 'Tugend' und über 400-mal 'Werte' vorkommen.
Der Bildungsminister hat also nach 22 Jahren auf die vorherigen Lehrpläne geschaut. Er fand Moral und Tugend unzureichend. Er wollte diese hinzufügen. Im Text kommt kein einziges Mal Atatürk vor, keine Republik. Es scheint, als ob Begriffe aus einem Wörterbuch für theologische Begriffe entnommen wurden; wir sehen, dass Wörter wie 'Tekamül' (Vervollkommnung), 'Kamil insan' (vollkommener Mensch), 'Belagat' (Beredsamkeit) und 'Ilim' (Wissenschaft/Gelehrsamkeit) betont werden.
Dies zeigt eigentlich sehr deutlich, dass sie darauf abzielen, eine Generation nach ihrer eigenen Ideologie heranzuziehen.''
''ALS OB SIE MÜRIDEN IN EINER DERWISCH-LOGE AUSBILDEN WÜRDEN''
Özbay fügte hinzu, dass wir uns auch diese Inkonsistenz ansehen müssen:
''Diejenigen, die von gesunder Ernährung sprachen, haben in der Schule keine Mahlzeit bereitgestellt. Diejenigen, die von regelmäßigem Schlaf sprachen, haben die Bildung zur Dunkelheit verdammt. Es ist nicht möglich zu sagen, dass dies ein Text ist, der im universellen Sinne bewertet wurde, nur weil man sich einige geschönte Wörter ansieht. Das wäre unlogisch.
Wenn wir uns den gemeinsamen Text ansehen, wirkt es so, als würden sie Müriden (Schüler eines Sufi-Meisters) in einer Derwisch-Loge ausbilden. Es sticht als ein Text hervor, der darauf abzielt, Müriden auszubilden, anstatt einen zeitgemäßen, freien Menschen zu formen.''
''ALLE BILDUNGSAKTEURE MÜSSEN IN DEN PROZESS EINBEZOGEN WERDEN''
Özbay sagte abschließend:
''Wenn man die Verfassung der Bildung ändert, muss es dazu Analysen der Vergangenheit geben und alle Bildungsakteure müssen in den Prozess einbezogen werden. Die Meinung der Eğitim-İş-Gewerkschaft, einer der größten Gewerkschaften der Türkei, wurde bisher in keiner Weise eingeholt. Mit wem haben Sie das gemacht, worauf haben Sie den Prozess gestützt, wie haben Sie diese Arbeiten bisher durchgeführt, wie haben Sie die Planung vorgenommen?
Sie legen es für eine Woche zur Ansicht aus. Der Bürger soll schauen, finden und korrigieren. Das ist ein Hohn auf den menschlichen Verstand.''