Juristen warnen: „Ich liebe dich“ zu sagen, kann als Belästigung gelten

Auf einem Panel zu Problemen und Lösungsvorschlägen bei Sexualstraftaten erklärte Prof. Dr. Hasan Sınar: „Über soziale Medien ‚Ich liebe dich, du bist sehr schön, ich mag dich sehr‘ zu sagen, kann als sexuelle Belästigung gewertet werden, wenn es aufdringlich wird. Das Kriterium hierbei ist, dass die Handlung einen sexuellen Zweck verfolgt und die Person sexuell belästigt. Es muss eine sorgfältige Prüfung erfolgen. Andernfalls kann dies zu sehr ungerechten Ergebnissen führen.“

İHA

Probleme und Lösungsvorschläge bei Sexualstraftaten im Strafrecht wurden auf einem Panel an der Altınbaş-Universität diskutiert.

Die Strafrechtsexperten der Universität, Prof. Dr. Hasan Sınar und Dr. Yeşim Yılmaz, informierten über die neuesten rechtlichen Regelungen. Die Juristen wiesen darauf hin, dass die Strafen im türkischen Strafrecht eigentlich streng seien, das Problem jedoch im Strafvollzugssystem liege. Prof. Dr. Hasan Sınar betonte, dass Sexualstraftaten ein Problem mit außerordentlich schwerwiegenden und bedeutenden Auswirkungen seien.

Er berichtete, dass im Jahr 2005 mit einer positiven Entwicklung sexuelle Handlungen ohne Zustimmung innerhalb der Ehe als Straftat anerkannt wurden. Nach der Änderung von 2014 bezüglich Straftaten gegen die sexuelle Integrität seien zudem ernsthaft verschärfte Sanktionen eingeführt worden. Er erklärte, dass es in letzter Zeit vermehrt Fälle von sexueller Belästigung über soziale Medien gebe, insbesondere über die bei jungen Menschen bekannten Direktnachrichten (DM). „‚Ich liebe dich, du bist sehr schön, ich mag dich sehr‘ zu sagen, kann als sexuelle Belästigung gewertet werden, wenn es aufdringlich wird. Das Kriterium hierbei ist, dass die Handlung einen sexuellen Zweck verfolgt und die Person sexuell belästigt. Es muss eine sorgfältige Prüfung erfolgen. Andernfalls kann dies zu sehr ungerechten Ergebnissen führen“, sagte er.

Dr. Yeşim Yılmaz erklärte zudem, dass das sogenannte „Stalking“ (beharrliche Verfolgung) nun auch im türkischen Strafgesetzbuch als Straftat anerkannt sei. „Wenn also Flirtversuche oder Freundschaftsangebote ein beharrliches Ausmaß annehmen, das die Person stört und bei ihr Unbehagen auslöst, liegt der Tatbestand der beharrlichen Verfolgung vor. Entscheidend für die sexuelle Belästigung ist jedoch, ob die Handlung einen sexuellen Zweck verfolgt“, betonte sie einen wichtigen Punkt.

WAS SIND DIE KRITERIEN DES KASSATIONSHOFES?

Dr. Yeşim Yılmaz ging auch auf die Kriterien ein, die der Kassationshof (Yargıtay) bei der Unterscheidung von sexueller Belästigung heranzieht. „Zunächst ist wichtig, ob eine Zustimmung vorliegt, ob der Versuch beharrlich war und ob er grob oder aufdringlich war. Besteht eine emotionale Beziehung zwischen den Parteien? Das Gericht kommt zu einem Ergebnis, indem es prüft, ob rechtliche oder moralische Hindernisse bestehen. Wenn eine der Parteien verheiratet ist und jemandem seine Gefühle offenbart oder Komplimente macht, entscheidet das Gericht beispielsweise, dass der Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt ist. Denn es stellt fest, dass ein moralisches Hindernis, nämlich die Ehe, zwischen den Parteien besteht“, sagte sie.

„DIE AUSSAGE DES OPFERS IST GRUNDLAGE. SIE ERMÖGLICHT DIE EINLEITUNG EINES ERMITTLUNGSVERFAHRENS“

Yeşim Yılmaz wies darauf hin, dass aufgrund internationaler Verpflichtungen bei Sexualstraftaten die Aussage des Opfers als Grundlage akzeptiert werde. „Diese Aussage ermöglicht die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Damit der Richter eine Überzeugung für eine Verurteilung gewinnen kann, darf kein Zweifel bestehen. Zweifel kommen dem Angeklagten zugute“, bewertete sie.

„PHYSISCHE BEWEISE SIND WICHTIG, NICHT DUSCHEN“

Hasan Sınar merkte an, dass physische Beweise aus rechtlicher Sicht daher sehr wichtig seien. Er erinnerte daran, dass Sexualstraftaten oft hinter verschlossenen Türen und ohne Zeugen stattfänden. Um die Tat zweifelsfrei nachweisen zu können, müsse das Opfer innerhalb von 24 Stunden ärztlich untersucht werden. „Die Beweise sollten sogar innerhalb der ersten 4 bis 6 Stunden gesammelt werden. Wenn geduscht wurde, gehen die Beweise verloren“, warnte er. Yeşim Yılmaz verwies auf die soziologische und psychologische Dimension des Themas und betonte, dass sich die Person oft beschmutzt fühle und das Bedürfnis habe, sich so schnell wie möglich zu reinigen. Sie unterstrich die Bedeutung der Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft zu diesem Thema.

„DIE STRAFEN SIND STRENG, ABER DAS VOLLZUGSGESETZ LÄSST SIE NICHT ZUR ANWENDUNG KOMMEN“

Die Juristen wiesen darauf hin, dass in der Gesellschaft eine Wahrnehmung von Straflosigkeit und ein Misstrauen gegenüber dem Justizsystem in Bezug auf Sexualstraftaten bestehe. Hasan Sınar sprach über das, was als verdeckte Amnestie bezeichnet wird, bei der Personen ohne den Vollzug in einer Haftanstalt oder ohne jegliche Kontrolle ihre Strafe in der Gesellschaft verbüßen.