Reaktion von Taşcıer auf das Grubenunglück von Amasra: 'Wenn der Boden unter uns kohleschwarz ist, dann ist das heutige Urteil die Schande des Systems'
Die stellvertretende CHP-Vorsitzende Gamze Taşcıer hat scharf auf das Urteil im Prozess um das Grubenunglück von Amasra vom 14. Oktober 2022 reagiert, bei dem 43 Bergleute ums Leben kamen. Taşcıer erklärte, dass dieses Urteil, das sie als 'Entscheidung zur Straflosigkeit' bezeichnete, das gesellschaftliche Gerechtigkeitsempfinden zutiefst verletze.
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In einer schriftlichen Stellungnahme äußerte sich die CHP-Abgeordnete Taşcıer zu dem Thema und betonte: 'Wenn der Boden unter uns in Amasra kohleschwarz ist, dann ist das heute gefällte Urteil die Schande des Systems.' Taşcıer behauptete, dass das Urteil die wahren Verantwortlichen schütze und das System sich selbst reinwasche; zudem seien die verhängten Strafen im Vollzugsprozess wirkungslos.
In ihrer Erklärung unterstrich Taşcıer, dass es sich bei dem Vorfall nicht um einen einfachen Unfall, sondern um einen durch Fahrlässigkeit verursachten 'Arbeitsmord' handele, und fügte hinzu: 'Gerechtigkeit findet sich nicht in Gerichtssälen, sondern im Gewissen.' Die CHP-Abgeordnete erklärte, dass in einem System, in dem Inkompetenz und mangelnde Aufsicht systematisiert seien, keine Gerechtigkeit geschaffen werden könne. Taşcıer betonte, dass ein Mentalitätswandel unerlässlich sei, um solche Katastrophen in Zukunft zu verhindern.
Als Reaktion auf die Urteile im Prozess um das Massaker in der Amasra-Betriebsstätte der Türkischen Steinkohlenbehörde (TTK), bei dem am 14. Oktober 2022 43 Bergleute ihr Leben verloren und neun weitere verletzt wurden, erklärte Taşcıer:
'IN AMASRA HAT DAS SYSTEM GETÖTET, DIE JUSTIZ HAT FREIGESPROCHEN'
''Dieses Urteil, das die wahren Verantwortlichen nicht berührt und den politischen Willen sowie die Amtsträger freispricht, wird nur auf dem Papier bestehen bleiben. Wenn der Boden unter uns in Amasra kohleschwarz ist, dann ist das heute gefällte Urteil die Schande des Systems. Denn dies ist nicht nur ein Arbeitsmord; es ist das Ergebnis von Inkompetenz, mangelnder Aufsicht, politischer Verantwortungslosigkeit und vor allem von Ungerechtigkeit. Diejenigen, die verurteilt wurden, werden – selbst wenn sie jeden Tag ihrer Strafe ohne vorzeitige Entlassung im Gefängnis verbringen – für jeden einzelnen Arbeiter, für dessen Tod sie verantwortlich sind, nur 4 Monate und 22 Tage in Haft sitzen. Das System der Straflosigkeit ist nun institutionalisiert. Die AKP-Regierung wird für alle möglichen zukünftigen Todesfälle verantwortlich sein.''
'WENN DER BODEN UNTER UNS KOHLESCHWARZ IST, DANN IST DIESES URTEIL DIE SCHANDE DES SYSTEMS'
''In einem Hochrisikobereich wie dem Bergbau führen Aktivitäten, die von inkompetenten Führungskräften geleitet werden, immer zu Todesfällen und Straflosigkeit. In einem System, in dem diejenigen, die entlassen werden sollten, befördert werden und diejenigen, die zur Rechenschaft gezogen werden sollten, geschützt und unterstützt werden, ist die Herstellung von Gerechtigkeit unmöglich. Heute wissen wir, dass in diesem Land nicht nur die Minen, sondern auch die Gerechtigkeit zusammengebrochen ist. Das von der Regierung geschaffene Klima der Straflosigkeit ebnet den Weg für jeden neuen Arbeitsmord. Denn sowohl der Arbeitgeber als auch der Bürokrat und der politisch Verantwortliche wissen, dass sie keine ernsthaften Sanktionen zu befürchten haben. Deshalb sagen wir: Wenn der Boden unter uns kohleschwarz ist, dann ist dieses Urteil die Schande des Systems.''
'EIN REGIME DER STRAFLOSIGKEIT WURDE ERRICHTET'
''Was in Amasra geschah, ist kein 'Unfall', sondern ein Arbeitsmord, der mit Ansage geschah. Es ist ein Massaker, das durch unterlassene Vorsichtsmaßnahmen Schritt für Schritt herbeigeführt wurde. Doch leider hat der Justizprozess nicht die wahren Verantwortlichen dieses Mordes ins Visier genommen, sondern nur einige wenige Personen, um das System selbst zu schützen. Dieses Urteil hat weder das Gerechtigkeitsempfinden befriedigt noch im Gewissen der Gesellschaft Widerhall gefunden. Die höchste Strafe nach dem Tod von 43 Menschen beträgt 16 Jahre und 12 Monate. Aber wir alle wissen, dass diese Strafen mit dem aktuellen Vollzugssystem faktisch in viel kürzerer Zeit verbüßt werden. Dies ist quasi ein 'Regime der Straflosigkeit'. Das heutige Urteil des Gerichts ist ein Abbild eines Systems, in dem Arbeitsmorde in der Türkei zur Normalität werden, Fahrlässigkeiten ignoriert werden und Inkompetenz systematisch geworden ist.''
'GERECHTIGKEIT FINDET SICH NICHT IN GERICHTSSÄLEN, SONDERN IM GEWISSEN'
''Für uns ist Gerechtigkeit nicht auf Urteile beschränkt, die in einem Gerichtssaal gesucht oder verkündet werden; sie ist ein Gesellschaftsvertrag, der das Recht auf Leben schützt. Der Wille einer Gesellschaft, zusammenzuleben, bleibt durch den Glauben an die Gerechtigkeit bestehen. Gerechtigkeit ist dank einer gemeinsamen Basis möglich, auf der Freiheiten und Verantwortlichkeiten fair verteilt sind. Gerechtigkeit zeigt sich nicht nur in Gerichtssälen; sie zeigt sich im Brot auf dem Tisch, in den Bildungschancen, bei der Einstellung, bei den Steuern und im gesellschaftlichen Ansehen. Wenn Menschen in einem Land sagen: 'Ich kann in diesem System zu meinem Recht kommen', dann herrscht dort Gerechtigkeit. Andernfalls bricht dieser Gesellschaftsvertrag. Vertrauen weicht Wut, Hoffnung weicht Hoffnungslosigkeit. Deshalb ist Gerechtigkeit nicht nur eine Rechtsfrage, sondern eine Gewissensfrage. Die Legitimität einer Regierung ist so stark wie das Vertrauen ihrer Bürger in die Gerechtigkeit. Wenn dieses Vertrauen erschüttert wird, gerät nicht nur das Recht, sondern auch das Fundament der Demokratie ins Wanken.''
'GERECHTIGKEIT WIRD VON JEDEM BENÖTIGT'
''In diesem Land wird nicht Kompetenz, sondern Loyalität belohnt. Während diejenigen, die ihre Arbeit tun, aussortiert werden, werden diejenigen, die sie nicht tun, befördert, und diejenigen, die fahrlässig handeln, werden geschützt. Das Schmerzhafte ist, dass das, was der Familie des verstorbenen Arbeiters, der Öffentlichkeit und dem gesellschaftlichen Gedächtnis zugemutet wird, nur Vergessen und eine vertuschte Ungerechtigkeit ist. Solange sich dieses System nicht ändert und diese Mentalität nicht zur Rechenschaft gezogen wird, werden diese Schmerzen nicht enden. Unsere Aufgabe heute ist es, einen Gesellschaftsvertrag wieder auf die Tagesordnung zu setzen, der Gerechtigkeit zweifelsfrei herstellt und sie für jeden zugänglich, zuverlässig und nachhaltig macht. Denn Gerechtigkeit wird eines Tages von jedem benötigt.''