Die Geschichte unserer Menschen: Das Hotel der Gottgesandten

Der Redakteur Ulaş Karaağaç, der das Buch „Tanrı Misafirleri Oteli“ (Das Hotel der Gottgesandten) des Journalisten und Autors Timur Soykan rezensiert, kommentierte: „Wenn Sie dieses Buch in die Hand nehmen, werden Sie nicht nur Zeuge der Geschichten anderer; Sie stellen sich auch den Stille-Momenten der Gesellschaft, in der Sie selbst leben. Vielleicht haben sich Ihre Wege mit diesen Menschen nie gekreuzt. Vielleicht haben Sie sie bemerkt, aber bewusst ignoriert. Aber sie waren da. Und sie sind immer noch da.“

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Diese Geschichte spielt in einem Gebäude, dessen Namen niemand kennt und an dem wir meist achtlos vorbeigehen. Doch eigentlich liegt es mitten unter uns. Timur Soykans Buch „Tanrı Misafirleri Oteli“ ist nicht nur ein Gebäude, ein Hotel oder das Drama einiger weniger Menschen; es ist ein Spiegel, der der unsichtbarsten Wunde unserer Gesellschaft vorgehalten wird. Und was wir in diesem Spiegel sehen, ist eine Wahrheit, der wir meist ausweichen: Es ist die Geschichte unserer Menschen.

Wir kannten Soykan jahrelang als einen Journalisten, der Banden, Korruption und dunkle Machenschaften aufdeckte. Diesmal widmet er sich einem viel stilleren, tieferen, aber ebenso brennenden Thema: Der Welt der Obdachlosen, den unsichtbaren Leben, den Namen ohne Gesicht... Und während er dies tut, schafft er eine Erzählung, die sich an der Grenze zwischen Journalismus und Literatur bewegt. Er verfällt weder in übermäßige Sentimentalität, noch berichtet er in einer kalten Nachrichtensprache.

DIESES BUCH BESCHREIBT KEINEN ORT, SONDERN EINE MENTALITÄT

Das „Hotel“, das dem Buch seinen Namen gibt, ist eigentlich eine Metapher. Auf dem Papier eine Zuflucht; im Kern jedoch die letzte Station für Menschen, die versuchen, sich am Rande der Gesellschaft festzuhalten. Ein Ort, an dem diejenigen, die wir als „Gottgesandte“ (Tanrı misafiri) aufnehmen, in Wahrheit Gäste sind, die vom System ausgestoßen wurden. Die Menschen, die hier leben, kommen weder in Geschichten noch in Statistiken vor. Soykan macht genau diese Unsichtbarkeit Wort für Wort sichtbar.

Die Charaktere kommen einem bekannt vor. Denn sie sind immer in unserer Nähe. Es sind Menschen, denen wir in der U-Bahn begegnen, auf dem Markt treffen, aber denen wir aus irgendeinem Grund nicht in die Augen schauen wollen. Dede, Halim, Ayşe… Jeder von ihnen repräsentiert weit mehr als nur einen Namen; sie stehen für einen Teil der Gesellschaft. Ihre Geschichten sind vielleicht nicht einzigartig, aber genau deshalb so erschütternd: Weil sie in demselben Kreislauf verloren gehen. Die Namen ändern sich, das Schicksal bleibt gleich.

KEIN BUCH, SONDERN EIN PROTOKOLL DES GEWISSENS

Beim Schreiben dieses Buches agiert Soykan nicht wie ein Beobachter, sondern fast wie ein Zeuge. Seine Felderfahrung, seine jahrelange journalistische Praxis, seine Neugier auf menschliche Schicksale und sein aufmerksamer Blick spiegeln sich im Text wider. In seiner Feder liegt weder Mitleid noch Verurteilung. Es gibt nur das Erzählen, das Erinnern und die Konfrontation.

Manche Kapitel mögen sich wie Wiederholungen anfühlen; doch genau diese Wiederholungen sind das eigentliche Thema des Buches. Denn auch das Leben wiederholt sich manchmal so. Dieselben Ereignisse geschehen erneut, in anderen Körpern, zu anderen Zeiten. Wir sind es, die diesen Kreislauf durchbrechen müssen. Doch zuerst müssen wir den Mut aufbringen, diesen Kreislauf zu sehen.

VERGESSEN IST DER EINFACHSTE UND SCHMERZHAFTESSTE WEG

„Tanrı Misafirleri Oteli“ ist ein Buch über Leben, deren Schicksal es ist, vergessen zu werden. Und vielleicht ist es gerade deshalb so wertvoll. Denn diese Menschen werden nirgendwo sonst erzählt. Sie finden keinen Platz in den Medien, werden in der Politik nicht diskutiert, auf der Straße oft wie ein Hindernis beiseite geschoben. Doch durch Soykans Feder werden sie alle zu Menschen. Sie bekommen ein Gesicht, eine Stimme, einen Namen.

Dies ist ein Buch, das nicht mit Empathie, sondern mit Verantwortung gelesen werden sollte. Denn es erinnert uns nicht nur an sie, sondern auch an uns selbst. Wer sind wir geworden? Wen haben wir ignoriert? An welche unserer eigenen Schweigemomente haben wir uns gewöhnt?

SCHLUSSWORT: FÜR DIEJENIGEN, DIE DEN MUT ZUM SEHEN HABEN

„Tanrı Misafirleri Oteli“ ist ein Buch, das sich leicht lesen, aber schwer verdauen lässt. Denn das, was es erzählt, ist wahr. Und die Wahrheit ist nicht immer bequem. Sie muss uns erschüttern, stören und aus unserer Komfortzone holen, damit sie Wirkung zeigt. Dieses Buch richtet sich nicht nur an Literaturbegeisterte, sondern an Journalisten, Akademiker, Politiker und vor allem an die einfachen Bürger. Wenn diese Stimme Sie erreicht, ist es noch nicht zu spät. Das bedeutet, dass Sie beginnen zu sehen.

Und vielleicht ist es an der Zeit, uns selbst die Frage zu stellen:

„Wenn wir eines Tages vergessen werden, wer wird dann über uns schreiben?“

Eine Anmerkung und Bitte an den Leser:

Wenn Sie dieses Buch in die Hand nehmen, werden Sie nicht nur Zeuge der Geschichten anderer; Sie stellen sich auch den Stille-Momenten der Gesellschaft, in der Sie selbst leben. Vielleicht haben sich Ihre Wege mit diesen Menschen nie gekreuzt. Vielleicht haben Sie sie bemerkt, aber bewusst ignoriert. Aber sie waren da. Und sie sind immer noch da.

„Tanrı Misafirleri Oteli“ mag verstörend sein. Genau dieses Unbehagen ist das größte Zeichen dafür, dass Sie noch menschlich geblieben sind. Wenn dieses Buch Sie berührt, bedeutet das, dass Ihre Würde noch nicht verblasst ist.

Bitte lesen Sie dieses Buch nicht nur und stellen es ins Regal. Erzählen Sie anderen davon, teilen Sie es. Vergessen Sie nicht. Denn auch Sie könnten zu den Vergessenen gehören. Und dann schreibt vielleicht niemand für Sie.

Was sagte Dede, der Besitzer des „Tanrı Misafirleri Oteli“: „Warum sollten sie mich lesen?“

Ulaş Karaağaç