Neue Ausgrabungen in Göbeklitepe stellen die Theorie eines „reinen Ritualzentrums“ infrage
Die Ausgrabungen in Göbeklitepe bei Şanlıurfa haben neue Strukturen ans Licht gebracht, die auf ein tägliches Leben an der 11.000 Jahre alten Stätte hindeuten.
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Neue Ausgrabungen in Göbeklitepe, das zu den ältesten bekannten monumentalen Bauwerken der Welt zählt, haben die bisherige Auffassung, wonach es sich bei dem Areal um ein isoliertes, ausschließlich für zeremonielle Zwecke genutztes Zentrum handelte, erneut in die Diskussion gebracht. Die Ausgrabungen in Şanlıurfa fördern Funde zutage, die darauf hindeuten, dass dort in bestimmten Perioden auch ein tägliches Leben stattgefunden haben könnte.
Göbeklitepe, das auf eine etwa 11.000-jährige Geschichte zurückblickt, gilt mit seinen bis zu 5,5 Meter hohen bearbeiteten Stelen und großen Steinkonstruktionen als eine der bemerkenswertesten archäologischen Stätten der Jungsteinzeit. Es wird davon ausgegangen, dass der Komplex in verschiedenen Phasen zwischen etwa 9600 und 8200 v. Chr. errichtet wurde.
SIEDLUNGSSPUREN BEFEUERN DIE DEBATTE
Ein Teil der jüngsten Arbeiten findet auf einer etwa 80 mal 70 Meter großen Fläche in der Nähe der monumentalen Bauwerke statt, die zum Symbol von Göbeklitepe geworden sind. Oberflächenbegehungen und geomagnetische Untersuchungen in diesem Bereich deuten darauf hin, dass sich dort in der Vergangenheit große, rechteckig angelegte Gebäude befanden.
Die freigelegten Strukturen, die als Wohnbauten eingestuft werden, stützen die Interpretation, dass Göbeklitepe nicht nur ein zu bestimmten Zeiten besuchter Ritualort war, sondern dass Menschen dort zumindest in einigen Phasen ihrer Geschichte gelebt haben könnten.
Eine der älteren und einflussreichen Ansichten zu Göbeklitepe besagte, dass die Stätte eher ein Zentrum war, in dem Jäger- und Sammlergemeinschaften für Zeremonien zusammenkamen, als eine dauerhafte Siedlung. Der deutsche Archäologe Klaus Schmidt, der in den 1990er Jahren die umfassenden Ausgrabungen begann, gehörte zu den Hauptvertretern dieser Interpretation.
Diesem Ansatz zufolge könnte die für den Bau solch großer monumentaler Strukturen wie in Göbeklitepe erforderliche soziale Organisation die Entwicklung von Landwirtschaft und komplexeren Siedlungsformen beschleunigt haben. Die neuen Funde ergänzen dieses Bild nun um die Möglichkeit eines sesshaften oder halb-sesshaften Alltagslebens neben der rituellen Funktion.
Elemente, die die Interpretation der Stätte erschweren, bleiben bestehen. Trotz jahrzehntelanger Ausgrabungen halten die begrenzte Anzahl an Beweisen für domestizierte Pflanzen und Tiere sowie das Fehlen von Keramik die Debatte darüber, von wem und wie Göbeklitepe genutzt wurde, lebendig.
Parallel zu den Ausgrabungen werden auch Schutzmaßnahmen fortgesetzt. Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy erklärte, dass Oberflächenfragmente einer Stele in Struktur C wieder an ihren Platz gesetzt wurden und die Wandverbindungen sowie die Basisverankerungen der beiden zentralen Stelen in Struktur D verstärkt wurden. Zudem werden die Stelen mit Stahlseilen gegen Erschütterungen gesichert.
Die neuen Daten schmälern die rituelle Bedeutung von Göbeklitepe nicht. Sie stärken jedoch die Einschätzung, dass die Stätte vor 11.000 Jahren nicht nur ein besuchtes heiliges Zentrum war, sondern auch ein komplexerer Siedlungsraum, der verschiedene Funktionen in sich vereinte.