Vom Kapitalismus verschlungene Körper: The Whale
Darren Aronofsky, Regisseur des für unsere Generation beeindruckenden Films Requiem for a Dream, meldet sich diesmal mit dem Film The Whale zurück.
12punto
Çağatay Yıldız
Aronofsky war in seinem Schaffen stets ein Regisseur, der sich mitunter auf den gesellschaftlichen Verfall konzentrierte. Er präsentierte kraftvolle Geschichten darüber, wie das Individuum in der Gesellschaft in die Enge getrieben wird und wie das System es zermalmt. The Whale folgt einer ähnlichen Linie, doch diesmal wird unser Charakter nicht durch Drogensucht oder die zermürbende Wirkung von Ruhm repräsentiert, sondern durch jemanden, der vom kapitalistischen System isoliert wurde und sowohl seine Gesundheit als auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen verloren hat.
Der Film basiert auf dem 2012 geschriebenen und am Theater aufgeführten Stück „The Whale“ von Samuel D. Hunter. Die Erzählstruktur, die an einem einzigen Ort spielt, trägt dazu bei, die Theateratmosphäre des Films zu bewahren, während sie durch ihre charakterzentrierte Erzählweise auch kraftvoll auf das Kino übertragen wird. Wie bei Bühnenstücken wird auch im Film die räumliche Enge genutzt, um die innere Welt des Charakters tiefer spürbar zu machen. Der Theaterursprung zieht den Film in eine intensivere und dialogorientierte Erzählweise und macht Charlies Isolation von der Welt und seine Ausweglosigkeit noch deutlicher.
Obwohl der Film oberflächlich betrachtet die persönliche Tragödie eines Mannes zu erzählen scheint, The Whale enthält in der Tiefe eine starke Kritik daran, wie der Kapitalismus das Individuum verzehrt. Charlie wird während des gesamten Films als eine Figur gezeichnet, die zwischen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, einem unzureichenden Gesundheitssystem und individueller Entfremdung gefangen ist. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung in den USA, wirtschaftliche Unsicherheit und das Zerreißen sozialer Bindungen, gepaart mit Religion, vertiefen die Hilflosigkeit des Individuums noch weiter.
Charlie, einst ein Akademiker, ist heute eine Figur, die Online-Kurse gibt, keine echte Verbindung zu seinen Studenten aufbauen kann und nur noch als Stimme existiert. Der Bildungssektor wird als Teil eines Systems dargestellt, in dem Individuen ausschließlich nach ihrer Produktivität bewertet werden, und Charlies Zustand symbolisiert den Zusammenbruch dieses Mechanismus. Dass er am Arbeitsplatz physisch nicht präsent sein kann, ist eine Metapher für sein Leben, das ohnehin bereits unsichtbar geworden ist.
Kinematografie: Enger Raum, große Isolation
Die von Aronofsky gewählte filmische Sprache ist eines der wichtigsten Elemente, die die Erzählung des Films vertiefen. Der Film wurde im 4:3-Bildformat gedreht, was Charlies massiven Körper und sein eingeengtes Leben noch stärker betont. Der Zuschauer bleibt von Anfang bis Ende fast ausschließlich an einem einzigen Ort: in Charlies Wohnung. Dieser enge Raum repräsentiert seine Abgeschiedenheit von der Außenwelt und die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft, die das Individuum gefangen hält. Der Einsatz von wenig Licht und dunklen Tönen wirkt wie eine visuelle Reflexion von Depression und Hoffnungslosigkeit. Auch die Kamerabewegungen unterstreichen Charlies Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit; auf Weitwinkelaufnahmen wurde verzichtet, stattdessen wurden Nahaufnahmen gewählt, die den emotionalen Zusammenbruch der Figur einfangen. Es ist eine enorme Leistung des Regisseurs, mit dieser schwierigen Technik einen derart flüssigen Film zu schaffen.
Gesundheitssystem und wirtschaftliche Ungleichheit
Dass Charlie trotz seiner gesundheitlichen Probleme keinen Zugang zu einer Behandlung findet, ist eine der schlagkräftigsten gesellschaftlichen Kritiken des Films. In Ländern wie den USA, in denen die Gesundheitsversorgung vom Privatsektor abhängig ist, ist der Zugang zu grundlegenden medizinischen Leistungen für einkommensschwache Schichten begrenzt. Doch im Laufe des Films sehen wir, dass Charlie finanziell eigentlich nicht völlig mittellos ist; im Gegenteil, er hat einiges an Ersparnissen. Dies zeigt, dass das Gesundheitssystem nicht nur ein wirtschaftliches Problem darstellt, sondern die Menschen auch durch das Gefühl von Schuld und Hoffnungslosigkeit, das es dem Einzelnen auferlegt, von der Inanspruchnahme von Leistungen abhält.
Charlie entscheidet sich, das Geld, das er besitzt, nicht für seine eigene Behandlung zu verwenden, sondern es seiner Tochter zu hinterlassen. Dies verdeutlicht, dass Geld in der kapitalistischen Welt nicht nur als Mittel für den individuellen Wohlstand, sondern auch zur Reparatur von Beziehungen gesehen wird. Doch hier gibt es einen weiteren wichtigen Punkt: Das System bietet Individuen Lösungen nur auf wirtschaftlichem Wege an. Dass Charlie sich dafür entscheidet, das Geld seiner Tochter zu geben, weil er keinen anderen Ausweg sieht, basiert – selbst wenn es die menschlichste Option ist, die das System bietet – dennoch auf seinem individuellen Opfer. Dies zeigt uns eine weitere Facette des Getriebes.
Religiöse und moralische Zwänge
Im Film fällt die Figur des Missionars Thomas als Element auf, das zeigt, wie religiöse Strukturen in das Leben des Einzelnen eingreifen. Thomas, der versucht, Charlie zu „retten“, ist eine Figur, die die Vorstellung festigt, dass das Individuum in der kapitalistischen Gesellschaft allein für sein eigenes Schicksal verantwortlich ist. Dies kann als Indiz dafür gelesen werden, wie eng religiöse Gruppierungen mit der bestehenden Ordnung verwoben sind. Während des gesamten Films ist spürbar, dass das Schuldgefühl einer der Mechanismen des Systems ist, um das Individuum zu kontrollieren, und dass Charlie mit diesem verinnerlichten Schuldgefühl kämpft.
Der Film zeigt jedoch auch, dass die Auswirkungen gesellschaftlichen Drucks auf das Individuum nicht in ein einziges Schema passen. Während Charlies Freund Alan aufgrund der religiösen Unterdrückung durch seine Familie in eine Depression verfällt und sich durch den Verzicht auf Nahrung das Leben nimmt, wählt Charlie den entgegengesetzten Weg: Er zerstört sich durch exzessives Essen. Diese gegensätzlichen Reaktionen verdeutlichen, wie unterschiedlich Traumata auf Individuen wirken können. Während Alan unter dem Druck religiöser Dogmen seine physische Existenz vollständig verleugnet, versucht Charlie, durch die Vergrößerung seines Körpers buchstäblich Raum in der Welt einzunehmen. In beiden Fällen wird deutlich, wie das System den Einzelnen in die Hoffnungslosigkeit treibt und seinen Untergang beschleunigt.
Fazit: Gibt es einen Ausweg jenseits von Kapitalismus und Individualismus?
Charlies Bemühen, am Ende des Films seine Tochter zu erreichen, kann als Suche nach Hoffnung angesichts von Individualismus und systemischem Druck gedeutet werden. Doch der Film bietet keine wirkliche Erlösung. Charlies Geschichte zeigt, wie hilflos Menschen sind, die vom System ausgegrenzt und allein gelassen werden. Das Fehlen von Solidarität und kollektivem Kampf sowie Charlies Versuch, eine Lösung ausschließlich in sich selbst zu finden, offenbaren ein unvermeidliches Ergebnis des kapitalistischen Individualismus.
An diesem Punkt ist jedoch Liz die einzige Person, die Charlie zur Seite steht; sie ist medizinische Fachkraft und zugleich die Schwester seines verstorbenen Partners. Liz verkörpert das genaue Gegenteil dieses Individualismus und ist ein Beispiel für menschliche Solidarität. Sie unterstützt Charlie nicht nur physisch, sondern auch emotional. Doch auch Liz' Bemühungen haben ihre Grenzen. Obwohl sie versucht, Charlie mit den Mitteln des Systems am Leben zu erhalten, machen die Unzulänglichkeiten des Gesundheitssystems und Charlies völlige Abkehr von der Gesellschaft ihre Hilfe letztlich wirkungslos.
Während Liz' Präsenz die Bedeutung zwischenmenschlicher Solidarität unterstreicht, zeigt sie zugleich, wie machtlos diese Solidarität gegenüber großen systemischen Problemen sein kann. In einer Welt, in der der Kapitalismus den Einzelnen isoliert, sind Charaktere wie Liz zwar ein Hoffnungsschimmer, doch es wird deutlich, dass dieser Lichtblick allein nicht ausreicht, solange er sich nicht in einen gesellschaftlichen Wandel verwandelt.
Dass Charlie die Vögel füttert, zeigt zudem, dass er immer noch versucht, eine Verbindung zur Außenwelt aufrechtzuerhalten. Obwohl er unfähig ist, tiefe Bindungen zu Menschen aufzubauen, und ein Ausgestoßener ist, möchte er sich – wenn auch nur durch eine kleine Geste – um ein anderes Lebewesen kümmern, in diesem Fall um die Vögel. Dies ist einer der wenigen Momente im Film, die einen Funken Hoffnung in sich tragen. Doch selbst diese Handlung prallt an den harten Mauern des Systems ab. Während Charlie zwischenmenschliche Beziehungen meidet, sucht er Trost in einer kleinen Welt, die er in sich selbst erschaffen hat.
The Whaleist nicht nur die Tragödie eines Einzelnen, sondern fungiert als Spiegel, der zeigt, wie die kapitalistische Gesellschaft die verletzlichsten Individuen verschlingt. Mit seiner filmischen Erzählweise präsentiert der Film diesen Zusammenbruch auf eindrucksvolle Weise und lädt das Publikum dazu ein, die Grausamkeit des Systems zu hinterfragen.