Anatoliens „Balkız“, Deutschlands Mercedes und eine Geschichte des Niedergangs...
Ein Beitrag von Hilal Özdemir: Anatoliens „Balkız“, Deutschlands Mercedes und eine Geschichte des Niedergangs...
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Der Sommer ist da, die Reisen in den Urlaub haben begonnen. Manche fahren in ihre Dörfer, um ihre Liebsten zu treffen, andere ans Meer, um die Last auf ihren Schultern in den blauen Fluten abzustreifen.
Auch unsere Mitbürger, die wir als „Gastarbeiter“ bezeichnen und die vor allem in Deutschland leben, kommen in die Türkei, um ihre Sehnsucht nach der Heimat zu stillen.
In dieser Hinsicht sind die Monate Juli und August für viele Städte Anatoliens die „Gastarbeiter-Saison“.
Das hat mich an den Film „Sarı Mercedes“ (Der gelbe Mercedes) erinnert.
Die Geschichte des „Gastarbeiters“ Bayram unterscheidet sich ein wenig von der bloßen Heimreise in den Urlaub. Der Film konzentriert sich auf die Entfremdung, die durch die nunmehr 64 Jahre andauernde Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland entstanden ist, und auf den Verfall der menschlichen Beziehungen.
Werfen wir einen Blick auf die Reise von Bayram im Film „Sarı Mercedes“ aus dem Jahr 1992, der auf dem Roman „Fikrimin İnce Gülü“ von Adalet Ağaoğlu basiert, von Tunç Okan inszeniert wurde und in dem İlyas Salman die Hauptrolle spielt.
Bayram ist ohne Eltern aufgewachsen, wurde in seinem Elternhaus nicht geliebt und stets als „ein Mund zu viel“ betrachtet; als Ausweg beschloss er, nach Deutschland zu gehen. Was er erlebte und sah, machte ihn zu einem opportunistischen Menschen. Er glaubte, die Gefühle, die ihm fehlten, durch materiellen Besitz kompensieren zu können.
Als er in seiner Kindheit einen Fremden sah, der mit einem Luxusauto in ihr Dorf kam, und die Aufmerksamkeit beobachtete, die die Dorfbewohner ihm entgegenbrachten, dachte Bayram, dass der Besitz eines Autos ihm Ansehen verschaffen würde. Obwohl er in Deutschland als Reinigungskraft arbeitete, erzählte er den Leuten im Dorf, er arbeite in einer Autofabrik. Mit dem gesparten Geld kauft er seinen gelben Mercedes und glaubt, mit diesem Auto seine Träume verwirklicht zu haben. Nun bleibt nur noch, in sein Dorf zu fahren und mit seinem Auto vor den Leuten anzugeben, die ihn früher keines Blickes gewürdigt haben.
Dass er seinem Auto den Namen „Balkız“ (Honigmädchen) gibt, ist vielleicht eine Anspielung auf das schöne Mädchen aus dem Dorf, das Bayram liebte, aber nicht bekommen konnte. Dass er sein Auto sogar vor dem Regen schützt, dass er jedem, den er trifft, vor sich selbst von seinem Auto erzählt, und dass sogar das Hemd, das er auf der Fahrt in sein Dorf trägt, voller Mercedes-Embleme ist… Es ist die tragische Geschichte von Bayram, der das Fahrzeug, dem er einen Wert beimisst, an die Stelle seines eigenen Selbst setzt und sein eigenes Selbst instrumentalisiert…
ZOLLBEAMTER: GEH UND RUF DIESEN KERL... DEN MIT DEM PISSRINGFARBENEN AUTO...
Bayram hat bei der Einreise in die Türkei Probleme am Zoll. Er streitet sich sogar mit Autobesitzern, die nur in der Nähe von „Balkız“ vorbeifahren. Als der Zollbeamte Bayrams streitsüchtiges Verhalten sieht, deutet er auf ihn und sagt zu seinem Kollegen: „Geh und ruf diesen Kerl… den mit dem pissringfarbenen Auto…“. Bayrams Ziel, durch das Auto Ansehen zu gewinnen, erhält so bereits bei der Einreise einen Dämpfer…
Eine weitere wichtige Figur im Film ist der Hippie-Jugendliche, der mit einem Wohnwagen in die Türkei kommt. Während er sich auf die Natur, den Menschen und das Leben im Augenblick konzentriert, ist Bayram das genaue Gegenteil. Die Reibereien, die die beiden auf der Reise erleben, sind einerseits amüsant, legen aber andererseits die unterschiedlichen Weltanschauungen zweier in verschiedenen Kulturen aufgewachsener Individuen offen.
Nachdem Bayram auf der Reise allerlei Widrigkeiten überstanden hat, findet er bei seiner Ankunft im Dorf nicht das vor, was er erwartet hatte. Weder das Dorf ist geblieben, noch die Menschen, die ihn hätten empfangen können. Zudem ist „Balkız“ durch einen Unfall zum Schrotthaufen geworden. Bayram hat nun sowohl sein wertvollstes Gut als auch seine Wurzeln verloren.
„Sarı Mercedes“ erinnert an Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“. Im Film zieht Chaplin, der in einer Fabrik arbeitet, wie ein Roboter ununterbrochen Schrauben fest. Er entfernt sich vom Menschsein, nimmt das Tempo eines Roboters an und versucht sogar, die Knöpfe an der Arbeitskleidung seines Vorarbeiters festzuziehen. Der vor Jahren gedrehte Film dient uns als Wegweiser, um die Persönlichkeit zu verstehen, zu der Bayram durch seine Erlebnisse geworden ist.
Wir haben den Artikel mit den Urlaubsreisen begonnen und das Steuer in die Vergangenheit gelenkt. Bayrams gelber Mercedes ist nicht nur ein Auto, sondern eine eindrucksvolle filmische Spiegelung des modernen Menschen, der in den selbst geschaffenen Ketten gefangen ist…