Die Falle des jungen Erwachsenenalters: Weder in Ausbildung noch in Arbeit, wo dann?
Der Aktivist Erkan Erdem befasst sich mit der Jugendarbeitslosigkeit, einem der größten Probleme der Türkei. Erdem unterstreicht, dass insgesamt 6,7 Millionen Menschen weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind.
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"Der stille Zusammenbruch einer Gesellschaft verbirgt sich in geräuschlosem Warten.
Heute gelten Millionen junger Menschen zwischen 15 und 34 Jahren weder als Kinder noch als Erwachsene; sie warten einfach nur. Aber worauf, das weiß niemand."
EIN NEUER ZUSTAND ZWISCHENSTAATLICHER BÜRGERLICHKEIT
Sie sind keine Teenager mehr. Sie gelten aber auch nicht als Erwachsene. Eine Generation, die arbeitslos, aber zur Schule gegangen ist, obdachlos, aber Mieter, frei, aber immer noch bei der Familie lebend: Junge Erwachsene. Diese Grauzone zwischen 15 und 34 Jahren besitzt weder die Unschuld der Kindheit noch die Verantwortung des Erwachsenenalters. Sie sind eine neue, vom System erfundene Spezies: Menschen, die sich entwickeln, aber nichts erreichen können.
WENN DIE "PUBERTÄT" ERFUNDEN WURDE, WARUM DANN NICHT AUCH DAS "JUNGE ERWACHSENENALTER"?
Die Industrielle Revolution holte die Kinder vom Feld und schickte sie in die Schule. Wir haben eine Phase namens "Pubertät" erfunden. Denn Kinder konnten nicht mehr arbeiten, galten aber auch noch nicht als Erwachsene. Es brauchte eine Übergangsphase.
Heute befinden wir uns an einer ähnlichen Schwelle. Hochschulabsolventen finden keine Arbeit, können keinen eigenen Haushalt gründen, keine Kinder bekommen. Das Leben wird also aufgeschoben. Der amerikanische Psychologe Jeffrey Arnett nannte diese Phase "emerging adulthood". Ins Türkische wurde dies als "sich entwickelndes Erwachsenenalter" oder "junges Erwachsenenalter" übersetzt. Aber bei uns geben die jungen Leute dem einen anderen Namen: Ein Leben auf Eis.
WAS SAGEN DIE ZAHLEN?
In der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen sind 6,7 Millionen junge Menschen weder in Ausbildung noch in Beschäftigung.
Gesamtbevölkerung in dieser Altersgruppe: 24,2 Millionen
Etwa 28 von 100 jungen Menschen befinden sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung.
Anzahl der jungen Menschen, die mit KYK-Schulden kämpfen: 5,2 Millionen
Durchschnittliches Heiratsalter: 25,6 Jahre bei Frauen, 28,1 Jahre bei Männern (TÜİK)
Mehr als die Hälfte der Hochschulabsolventen über 25 Jahren ist entweder arbeitslos oder arbeitet fachfremd.
Durchschnittliche Mietkosten für einen jungen Menschen, der in Istanbul alleine lebt: 19.000 TL, Netto-Mindestlohn: 22.000 TL
In diesem Szenario verlieren junge Menschen nicht nur ihre Zukunft, sondern auch ihre Gegenwart. Weder Schule noch Arbeit… Weder Richtung noch Hoffnung. Nur ein Kreislauf: Warten, Aufschieben, Ungewissheit.
WO GEHT DIE WELT HIN?
In Spanien leben 57 % der jungen Hochschulabsolventen noch bei ihren Familien.
In Japan werden diese jungen Menschen als "Parasite Singles" bezeichnet.
In den USA wird diese Phase als "Quarterlife Crisis" bezeichnet.
Überall auf der Welt ist diese neue Ära von Ungewissheit und Einsamkeit geprägt. Aber in der Türkei ist die Situation anders: Junge Menschen entfremden sich nicht nur vom System, sondern auch vom Gefühl für die Zukunft.
WEDER IN AUSBILDUNG NOCH IN ARBEIT, WO DANN?
Das junge Erwachsenenalter ist nicht nur ein Opferstatus, es könnte auch eine Summe von Entscheidungen sein. Sie wollen weder zu Hause Verantwortung übernehmen noch sich im Arbeitsleben behaupten. Sie sind weder mit den Regeln ihrer Eltern einverstanden, noch haben sie den Mut, die Miete für eine eigene Wohnung zu zahlen. Eine Art Zustand der "bequemen Ungewissheit": Sie wollen Freiheit, verlassen aber ihre Komfortzonen nicht.
"Ich möchte mein Leben selbst wählen", sagen sie, aber bei allem, was sie nicht wählen wollen, sollen sich immer noch die Eltern kümmern.
Für manche ist das junge Erwachsenenalter wie eine verlängerte Pubertät: eine Generation, die um 11 Uhr morgens aufwacht, ohne ihren Kaffee nicht unter Menschen gehen kann und deren Kontakt zum echten Leben auf den Bildschirm beschränkt bleibt. Eine Jugend, die nicht bereit ist, die Last des Lebens zu tragen, aber jederzeit bereit ist, sich zu beschweren.
Und ja, für manche ist diese Phase kein Widerstand, sondern eine Flucht. Eine Form der Distanzierung von Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, der Familie und sogar sich selbst. Sie kämpfen nicht mit dem Leben; sie begnügen sich damit, außerhalb des Lebens zu bleiben und es zu kritisieren.
FRAUEN SIND DOPPELT AUSGESCHLOSSEN: DURCH ALTER UND GESCHLECHT
Der Großteil der 6,7 Millionen jungen Menschen in der Türkei, die weder in Ausbildung noch in Arbeit sind, sind Frauen. 40,2 % der Frauen zwischen 15 und 34 Jahren, also 4 von 10 jungen Frauen, sind weder in der Schule noch in Arbeit. Besonders bei Frauen zwischen 30 und 34 Jahren übersteigt dieser Anteil 50 %.
Das System schließt also nicht nur junge Menschen aus, sondern Frauen gleich doppelt: sowohl aufgrund ihres Alters als auch ihres Geschlechts. Diese Frauen, die auf häusliche Rollen beschränkt sind und auf dem Arbeitsmarkt unsichtbar werden, verbringen ihre Jugend "außerhalb des sozialen Lebens".
HELIKOPTER-ELTERN: EIN ERWACHSENENALTER, DAS NICHT FREIGELASSEN WIRD
Es wäre ungerecht, diese Krise allein den jungen Menschen aufzubürden. Aber die Rolle der Eltern zu ignorieren, wäre ebenfalls unaufrichtig. In der Türkei machen Familien ihre Kinder unter dem Deckmantel des "Schutzes" abhängig. Übermäßig fürsorglich, übermäßig lenkend, übermäßig aufopferungsvoll… aber gleichzeitig entwicklungshemmend.
Wenn junge Erwachsene einen Schritt machen wollen, stoppen diese Schritte meist zuerst die Sorge der Mutter, dann die Einmischung des Vaters.
Eine Kindheit, in der für sie entschieden wurde, eine Jugend, in der man sich für sie sorgte, ein Leben, das für sie aufgeschoben wurde...
Dieses Verständnis von Helikopter-Elternschaft entspringt nicht der Liebe, sondern dem Wunsch nach Kontrolle. Eine Mutter, die ihrem 27-jährigen Sohn immer noch Taschengeld gibt, erhält nicht seine wirtschaftliche Freiheit, sondern seine psychologische Bindung aufrecht. Ein Vater, der seiner 30-jährigen Tochter bei jedem Schritt Ratschläge gibt, dient nicht ihrem Konflikt mit dem Leben, sondern ihrer passiven Anpassung.
Dabei ist es manchmal die größte Anleitung, einem Menschen zu erlauben, seine eigenen Fehler zu machen.
IDENTITÄT, UNGEWISSHEIT UND EIN NOMADISCHER GEIST
Junge Erwachsene sind keine Menschen mehr, die "einen Job haben", "ein Haus besitzen" oder "ein geregeltes Leben führen". Sie versuchen, ihre Identität nicht bei der Arbeit, sondern in den sozialen Medien zu finden; ihre Zugehörigkeit nicht in der Familie, sondern in digitalen Gemeinschaften aufzubauen. Einen Tag Praktikant, einen Tag arbeitslos, einen Tag freiberuflich… Selbst sie können nicht definieren, wer sie sind. Weil das System sie nicht erkennt.
WAS IST ALSO DIE LÖSUNG?
Diese Krise wird nicht durch individuelle Entwicklung, sondern durch strukturellen Wandel gelöst. Junge Menschen brauchen keine Geduld, sie brauchen Rechte.
Lösungsvorschläge:
1. Recht auf öffentlichen Wohnraum
2. Jugendgehalt / Grundeinkommensmodelle
3. Arbeitsplatzsicherheit und Verhinderung von Praktikantenausbeutung
4. Erlass von KYK-Schulden
5. Psychosoziale Unterstützung und Jugendzentren
Der Staat sollte Verantwortung übernehmen, nicht um junge Menschen auf das Leben vorzubereiten, sondern um das Leben gemeinsam mit ihnen aufzubauen.
DAS IST KEINE PHASE, DAS IST EINE FALLE
Diese jungen Menschen sind weder Kinder noch Erwachsene. Aber für das System sind sie "Wähler", "Kunden" und "Follower". Ihnen werden keine Rechte gegeben, sondern Werbung. Ihre Stimmen werden nicht gehört, weil ihre Erwartungen ständig aufgeschoben werden.
Aber vergessen wir nicht:
Wenn diese jungen Menschen heute nicht ins Leben geholt werden, werden wir morgen eine Gesellschaft sein, die aus dem Leben gedrängt wurde.
Und wenn diese Jugend, die darauf wartet, die Bühne zu betreten, nicht bemerkt wird, bevor die Lichter ausgehen, wird sie zu einem Geist, der nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit repräsentiert.
Denn diese Krise wächst nicht nur in den jungen Menschen; sie wächst im System, das sie nicht halten kann, in der Familie, die sie nicht loslässt, und im Selbst, das sich nicht zu gehen traut.
AKTIVIST ERKAN ERDEM