Dr. Adem Şentürk schreibt: Serie über Missgestalten, Teil 1
Dr. Adem Şentürk schreibt... Serie über Missgestalten, Teil 1
12punto
„Ucube“ (Missgestalt): Im Wörterbuch der Türkischen Sprachgesellschaft (TDK) wird der Begriff im Sinne von „sehr seltsam, erstaunlich hässlich“ verwendet.
Das bedeutet, dass die Bezeichnung als Missgestalt eine Bewertung ist, die auf dem äußeren Erscheinungsbild und der gesellschaftlichen Wahrnehmung von „Normalität“ basiert. Das äußere Erscheinungsbild ist eine einfache, oberflächliche Angelegenheit, über die man schnell urteilen kann. Es erfordert kein tiefes Nachdenken; es ist ein flüchtiger Moment. Adjektive wie „hässlich, schön, gewöhnlich“ sind Zuschreibungen, die im Leben eines Menschen unzählige Male vorgenommen werden und zu einer Art Reflex geworden sind. Die Entscheidung fällt augenblicklich und automatisch.
Der Begriff Reflex bezeichnet ohnehin eine Reaktion auf Situationen, die in der menschlichen Biologie häufig vorkommen. Zuerst wird nachgedacht, doch durch häufige Wiederholung führt das Gehirn die Antwort auf diese Situation direkt aus, ohne sich selbst zu konsultieren. Das Gehirn schaltet sich in diesem Fall also selbst aus.
Das Konzept der Missgestalt in der Literatur
Das Konzept der Missgestalt wurde in der Welt des Denkens anfangs nur als physisches Merkmal behandelt. Die zwei bekanntesten Beispiele hierfür sind Quasimodo aus Victor Hugos 1831 veröffentlichtem Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ und das Monster aus Mary Shelleys 1818 veröffentlichtem Roman „Frankenstein“.
Betrachtet man die Popularität dieser beiden Werke bis 1931, so ist Victor Hugos „Missgestalt“ offensichtlich bekannter. Dabei basieren beide auf demselben Fundament: „Auch wenn ihr Aussehen missgestaltet ist und weit vom Konzept des ‚normalen Menschen‘ entfernt scheint, sind diese Missgestalten im Kern am menschlichsten.“
Hugo war gegen die Nutzung des Religionsbegriffs durch Machtzentren; er hatte jedoch keine Auseinandersetzung mit der Religion an sich. Er wandte sich also dagegen, dass die Religion Gottes zum Werkzeug menschlicher Machtzentren gemacht wurde. Shelley hingegen war der Ansicht, dass auch der Kern der Religion problematisch sei und dass es eine bloße Flucht darstelle, allein die Machtzentren zu beschuldigen, die die Religion nutzen.
In dieser Hinsicht war Hugo ein Reformist, Shelley hingegen eine Revolutionärin.
Hugo war ein Mann und eine angesehene Persönlichkeit; Shelley hingegen war aufgrund ihres Geschlechts und der gesellschaftlichen Struktur der damaligen Zeit eine Randfigur.
Hugo stammte aus Frankreich, wo die Industrialisierung später begann. Shelley hingegen kam aus England, wo die industrielle Revolution ihren Anfang nahm. An dieser Stelle kommt einem der Satz aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ in den Sinn, den Zarathustra im Gespräch mit dem Eremiten zu Beginn des Werkes äußert: „Kann es denn sein? Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, dass Gott tot ist.“
Shelley betrachtete die industrielle Revolution als eine Ära, die vom Menschen geschaffen wurde und in der der menschliche Verstand eine Art „Vergöttlichung“ erfuhr. Aus diesem Grund ist die Figur in ihrem Roman ein Wissenschaftler; ein „Mensch-Gott“-Modell, das es wagt, im Labor Leben zu erschaffen.
Die Beständigkeit von Shelleys Werk
Der Grund, warum dieses Werk, das eine 20-jährige junge Frau schrieb, mit jedem Tag an Wirkung gewinnt und geschätzt wird, ist folgender:
Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass ein Autor oder Künstler nicht an der Zeit scheitert, ist, dass er nicht in seiner eigenen Zeit gefangen bleibt und Themen, die in der Zukunft Probleme bereiten werden, bereits im Keim erkennt und voraussieht.
Zu Shelleys Zeit galt es bereits als „Missgestalt“, als Frau zu schreiben. Diese Situation ermöglichte es ihr, sich außerhalb des Systems zu positionieren und sich nicht an festgefahrene Denkmuster zu binden. So konnte sie eine missgestaltete Figur mit natürlicher und aufrichtiger Empathie erschaffen.
Prognosen und die Gegenwart
Shelleys Vorhersagen sind heute in gewisser Weise von der „Fiktion zur Realität“ geworden.
Sowohl Nietzsche als auch Shelley hatten vorausgesehen, dass das Paradigma der alten Welt zusammenbrechen würde und das Modell, in dessen Zentrum der Mensch steht und in dem Gott eine absolute Autorität über das Leben ausübt, ein Ende finden würde. Im Gegensatz zu Hugos reformistischem Ansatz spürte Shelley, dass ein radikaler Wandel unvermeidlich war.
Der Punkt, an dem wir heute angelangt sind, geht sogar über ihre Vorhersagen hinaus:
Zu ihrer Zeit wurde der „Tod Gottes“ diskutiert, heute spricht man vom „Tod des Menschen“. Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der der Mensch und alle anderen Lebewesen zu Werkzeugen degradiert werden und vollständig kontrolliert werden.
Im Gegensatz zu dem Monster, das Dr. Frankenstein erschuf, das dann aber außer Kontrolle geriet, ist das „Monster“ von heute nun vollständig unter Kontrolle: eine Realität, die sich auf eine absolute Überwachungsgesellschaft zubewegt, in der jeder Moment des Individuums überwacht wird und der Einzelne dem freiwillig zustimmt.