Legenden entstehen nicht aus Angst, sondern aus Dankbarkeit: Anatomie eines historischen Irrtums
Rechtsanwalt Onur Şahin schreibt... Legenden entstehen nicht aus Angst, sondern aus Dankbarkeit: Anatomie eines historischen Irrtums
12punto
Die kürzlich von Sevan Nişanyan in einem Medium geäußerte Behauptung, Mustafa Kemal Atatürk sei nach 1935 eine von der Gesellschaft „gehasste Figur“ gewesen und erst durch die Angst nach seinem Tod zu einer „Legende“ geworden, steht nicht nur im krassen Widerspruch zu historischen Fakten, sondern auch zur Funktionsweise des kollektiven Gedächtnisses. Diese Behauptung ist weniger eine Analyse als vielmehr ein Beispiel für einen Anachronismus, der Fakten einer ideologischen Konstruktion opfert.
Betrachten wir die Welt der 1930er Jahre: Europa war in die Dunkelheit des Faschismus versunken; während Hitler, Mussolini und Franco ihre eigenen Gesellschaften in den Fleischwolf trieben, war Stalin mit dem Holodomor und auf der Krim zum Henker seines eigenen Volkes geworden. In diesem blutigen Kontext zu behaupten, dass man einem Anführer, der rationale und rechtliche Barrieren errichtete, um seine Nation aus diesem globalen Wahnsinn herauszuhalten, mit „allgemeinem Hass“ begegnete, zeugt von einer völligen Verkennung des Scharfsinns und der Überlebensreflexe der anatolischen Bevölkerung jener Zeit.
Erinnern wir uns an Kemal Tahir, bekannt für seine echte Opposition und seine unnachgiebige Feder. In seinen Werken, von „Sağır Dere“ bis „Körduman“, in denen er die Welt der Bauern, der Provinz und der einfachen Menschen beschreibt, manifestiert sich die Liebe der anatolischen Menschen zu Atatürk nicht als „staatlicher Zwang“, sondern als „Herzensbindung“. Diese über Generationen weitergegebene Dankbarkeit gilt nicht nur einem Kommandanten, der einen Krieg gewonnen hat, sondern dem Willen, der aus den Trümmern eines untergegangenen Imperiums einen würdevollen Bürger formte.
Die Geschichte zeigt uns das Ende echter Diktatoren deutlich. Wenn ein Anführer nur durch Angst an der Macht bleibt, beginnt die Abrechnung in dem Moment, in dem sein Puls aufhört zu schlagen. Der „Säuberungs-“ und „Diskreditierungsprozess“, der kurz nach Stalins Tod mit dem 22. Parteitag begann, ist das konkreteste Beispiel dafür. Diejenigen, die wie Hitler die Gesellschaft in den Untergang führten, werden bei der ersten Gelegenheit von jenem krankhaften kollektiven Unbewussten verleugnet, das sie einst erschuf. In der Türkei hingegen ist diese Liebe trotz der vielen Jahre seit dem 10. November 1938 nicht nur nicht erloschen, sondern zu einer sozialen Verteidigungslinie geworden; dies ist der Beweis dafür, wie organisch und tief verwurzelt diese Zuneigung entgegen der Behauptung tatsächlich ist.
Der Atatürk-Hass speist sich meist aus dem historischen Komplex jener Kreise, die die durch die Republik eingeführte laizistische Rechtsordnung, die Aufklärungsrevolutionen und die Struktur des Nationalstaates nicht verdauen können. Der Versuch derjenigen, die selbst keine staatliche Organisationsfähigkeit besitzen, die moderne Struktur, die nach einem untergegangenen und geschändeten Imperium errichtet wurde, als „Reich der Angst“ darzustellen, ist eine vergebliche moralische Zersetzung.
Ich empfehle der heutigen Jugend, nicht diejenigen zu lesen, die versuchen, die Bindung zwischen Atatürk und der Gesellschaft in die Klammern der „Angst“ zu zwängen, sondern sich mit dem echten linken und intellektuellen Erbe dieses Landes auseinanderzusetzen. Hasan İzzettin Dinamo, Doğan Avcıoğlu, Attilâ İlhan, Hikmet Kıvılcımlı oder Mehmet Ali Aybar zu lesen, reicht aus, um zu verstehen, warum die türkische Aufklärung keine „Legende“, sondern eine „Notwendigkeit“ ist.
Geschichte wird nicht mit am Schreibtisch konstruierten Lügen geschrieben, sondern mit den Wahrheiten, die im Gewissen der Gesellschaft verborgen sind. Und dieses Gewissen weiß seit 1938 sehr genau, wen, was und warum es liebt.