Es begann mit Bahçelis Vorstoß: Das ist Erdoğans neues Wahlkalkül!
Der neue Öffnungsprozess, der im Oktober 2024 mit dem Vorstoß des MHP-Vorsitzenden Devlet Bahçeli im Parlament begann, bleibt eines der brisantesten Themen der politischen Agenda. Über den Aufruf des Terroristenführers Abdullah Öcalan an die separatistische Organisation, die Waffen niederzulegen, die Besuche der DEM-Partei auf İmralı und die unter dem Namen „Türkei ohne Terror“ geführten Bemühungen kursieren in politischen Kreisen bemerkenswerte Behauptungen.
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Im Oktober 2024, während die MHP-Fraktionssitzung noch lief, hatten Bahçelis Worte die Agenda der Türkei verändert. Bahçelis Vorstoß: „Öcalan soll kommen, im Parlament sprechen und verkünden, dass die Organisation am Ende ist“, hatte für großes Aufsehen gesorgt. Nach dieser Erklärung wurde zwischen der Regierung und der DEM-Partei nach Jahren wieder ein „Lösungsprozess“ eingeleitet.
DER PROZESS „TÜRKEI OHNE TERROR“
AKP und MHP nannten diesen Prozess „Türkei ohne Terror“. Im Rahmen des Prozesses reisten Delegationen der DEM-Partei mehrfach nach İmralı, um sich mit dem Terroristenführer Öcalan zu treffen. Nach den Gesprächen gab Öcalan dem Aufruf Bahçelis folgend seiner Organisation die Anweisung, die Waffen niederzulegen und sich aufzulösen.
Kurz nach Öcalans Aufruf gab die sogenannte Führung der separatistischen Terrororganisation bekannt, dass sie beschlossen habe, die Waffen niederzulegen und die Organisation aufzulösen. Bei einer symbolischen Zeremonie am 11. Juli wurden die Waffen der Organisation verbrannt. Sicherheitskreisen zufolge dauert der Prozess der Übergabe und Vernichtung der Waffen noch an.
KOMMISSION IM PARLAMENT EINGERICHTET
Der jüngste Schritt auf der politischen Bühne wurde in der Großen Nationalversammlung der Türkei vollzogen. Eine im Rahmen des Prozesses eingerichtete Sonderkommission setzt ihre Arbeit fort, indem sie verschiedene Nichtregierungsorganisationen anhört. Es wird erwartet, dass der Bericht der Kommission in der kommenden Zeit der Öffentlichkeit vorgestellt wird.
„WAHL“-KALKÜL IN DEN KULISSEN VON ANKARA
Über die Gründe für den Start des Prozesses werden unterschiedliche Szenarien diskutiert. Die Journalistin Nuray Babacan, bekannt für ihre Informationen aus den Kulissen von Ankara, thematisierte in ihrer Kolumne die Sichtweise von AKP-Mitgliedern auf den Prozess. Laut den mit Babacan sprechenden AKP-Politikern glaubt Präsident Erdoğan zwar an den Prozess, geht aber primär davon aus, dass ihm dieser Schachzug den Wahlsieg sichern wird.
EINSCHÄTZUNG DER AKP-MITGLIEDER: „ES KÖNNTE ZU EINER SPALTUNG IN DER DEM KOMMEN“
Den Ausführungen von Babacan zufolge stellen sich die Einschätzungen im Regierungslager wie folgt dar:
Der Grund für die Diskussionen im Nahen Osten ist das Konzept des „Nationalstaats“. Während die Türkei mit einer starken Betonung des Nationalstaats agiert, befürwortet die USA eine föderale Struktur. Die USA und Israel befürworten einen fragmentierten Nahen Osten.
Der türkische Staat hat sich unter Berücksichtigung der Entwicklungen in Syrien dem Öffnungsprozess zugewandt. Es wird kalkuliert, dass die Türkei, wenn sie die Integration der Kurden in die Gesellschaft abschließt, von regionalen Entwicklungen unberührt bleiben wird.
Obwohl Präsident Erdoğan an den Prozess glaubt, stellt er das Wahlkalkül in den Vordergrund. Wenn die Bemühungen erfolgreich sind, wird der Druck der Organisation auf die DEM-Partei entfallen.
In einem solchen Fall ist eine Abspaltung der linksorientierten Kräfte innerhalb der DEM möglich. Die Entstehung neuer kurdischer Bewegungen und das Vorhandensein mehrerer Vertreter der Kurden kämen der Regierung zugute.
„EIN PROZESS AUF MESSERS SCHNEIDE“
Den Gesprächen in den Kulissen von Ankara zufolge sind die regionalen Pläne von außen und die politischen Kalküle im Inneren miteinander verflochten. Aus diesem Grund schreitet der neue Lösungsprozess, genau wie bei früheren Beispielen, „auf Messers Schneide“ voran.