Krise um Fraktionsvorsitzende in der CHP wächst: Zwei Formeln gegen Kılıçdaroğlus Schachzug auf dem Tisch
Nachdem Kemal Kılıçdaroğlu zwei Fraktionsvorsitzende der CHP abgesetzt hat, hat die Spannung innerhalb der Partei eine neue Dimension erreicht. Gegen mögliche satzungswidrige Ernennungen wird ein Aktionsplan auf zwei Wegen vorbereitet.
12punto
Der Konflikt zwischen Kemal Kılıçdaroğlu, der per Gerichtsbeschluss als Parteivorsitzender in sein Amt zurückgekehrt ist, und der aktuellen Führung der Parlamentsfraktion der Cumhuriyet Halk Partisi (CHP) verschärft sich durch die Absetzung der Fraktionsvorsitzenden zusehends. In den Diskussionen, die entstanden, als Kılıçdaroğlu eine Fraktionssitzung einberufen wollte, wurden die Diskrepanzen zwischen der Parteisatzung und der Geschäftsordnung der Parlamentsfraktion zum Kernpunkt der Krise.
Kılıçdaroğlu, der am vergangenen Dienstag im Parlament erschien, forderte die Abhaltung der Fraktionssitzung der Partei. Doch auf Initiative von Özgür Özel und seinem Team wurde sichergestellt, dass die amtierende Führung weiterhin die Fraktionsrede hält. Nach dieser Entwicklung leitete der unter Kılıçdaroğlus Vorsitz tagende Zentrale Exekutivausschuss (MYK) ein Disziplinarverfahren gegen die Fraktionsvorsitzenden Ali Mahir Başarır und Gökhan Günaydın ein, mit dem Ziel ihres Ausschlusses, da sie angeblich satzungswidrig gehandelt hätten. Das Präsidium der Großen Nationalversammlung der Türkei (TBMM) beendete daraufhin die Amtszeit der beiden Personen als Fraktionsvorsitzende.
Ein weiterer Aspekt, der in den Diskussionen hervorsticht, ist die unterschiedliche Handhabung der Disziplinarprozesse und Satzungen zwischen der CHP-Parteizentrale und der TBMM-Fraktion. Während die abgesetzten Fraktionsvorsitzenden Neuwahlen für die Führung fordern, wird behauptet, dass Kılıçdaroğlu stattdessen Ernennungen plant. Zu den Namen, die als mögliche Nachfolger gehandelt werden, gehören Mustafa Adıgüzel, Sevda Erdan Kılıç und İnan Akgün Alp.
In diesem kritischen Prozess beginnt sich auch der Fahrplan abzuzeichnen, den Özel und sein Team verfolgen werden. Sollte Kılıçdaroğlu Ernennungen vornehmen, die gegen die geltende Geschäftsordnung verstoßen, wäre die erste Option ein Misstrauensvotum durch 35 Abgeordnete in einer nicht-öffentlichen Fraktionssitzung, um die ernannten Personen ihrer Ämter zu entheben und Neuwahlen durchzuführen. Als alternativer zweiter Weg könnte der Disziplinarausschuss der TBMM-Fraktion eingreifen und die betreffenden Abgeordneten auf unbestimmte Zeit aus der CHP-Fraktion ausschließen. Damit könnten diese Abgeordneten an keinerlei Aktivitäten der CHP-Fraktion mehr teilnehmen.
Parallel zu den Entwicklungen in der Fraktionsführung wird auch mit Spannung erwartet, welche Entscheidungen aus der Sitzung des Fraktionsvorstands der CHP-Fraktion in der TBMM hervorgehen. Es wird erwartet, dass das aus neun Mitgliedern bestehende Gremium zusammentritt, um zu bestimmen, wer bei der nächsten Fraktionssitzung sprechen wird, und die Entscheidung dem Parlamentspräsidium mitteilt. In diesem Prozess wurde Murat Emir als diensthabendes Mitglied benannt.
Ali Mahir Başarır äußerte sich gegenüber der Zeitung Cumhuriyet zu dem Thema und kritisierte den laufenden Prozess mit folgenden Worten:
„Sie spannen die Gesellschaft, die Politik, das Parlament und alle Institutionen an. Weder die Gesellschaft noch das Land haben diese Rechtswidrigkeit verdient. Stellen Sie sich vor, an zwei Fraktionsvorsitzenden wurde quasi ein Putsch verübt. Sie wurden auf unrechtmäßige Weise einem Disziplinarverfahren unterzogen. Neun unserer Freunde wurden disziplinarisch belangt. Danach denken sie darüber nach, die Fraktionssitzung einzuberufen. Wir sehen uns mit beschämenden Szenen konfrontiert.“
Unterdessen bereiten sich die Özgür Özel nahestehenden Delegierten darauf vor, die rund 1000 Unterschriften, die sie für einen außerordentlichen Parteitag innerhalb von 45 Tagen gesammelt haben, bis Mittwoch der Parteiführung zu übergeben.