Sandwich-Angebot für Erdoğan beim NATO-Gipfel: Die Antwort 'So billig bin ich nicht'
Das neue Erinnerungsbuch des ehemaligen NATO-Generalsekretärs Jens Stoltenberg enthüllt bisher unbekannte Details über kritische Gespräche mit Präsident Erdoğan und die Spannungen innerhalb des Bündnisses.
12punto
Das Buch „Mein Leben bei der NATO“ (Originaltitel: „Nöbet Bende: Savaş Zamanında NATO’yu Yönetmek“), verfasst vom ehemaligen NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, beleuchtet die Hintergründe der diplomatischen Krisen während seiner Amtszeit.
Im Buch werden die Dialoge aus den Gesprächen mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die Spaltungen innerhalb der NATO sowie die Rolle der Türkei im Bündnis detailliert geschildert.
In den Details, die durch die Rezension des Middle-East-Eye-Autors Ragıp Soylu an die Öffentlichkeit gelangten, wird darauf hingewiesen, dass Stoltenberg zwar häufig Meinungsverschiedenheiten mit der Türkei hatte, jedoch bei jeder Gelegenheit die strategische Bedeutung des Landes betonte.
ERSTE KRISE: DER ABSCHUSS DES RUSSISCHEN JETS UND DIE SPALTUNG IN DER NATO
Dem Buch zufolge war die erste große Bewährungsprobe für Stoltenberg im Umgang mit der Türkei der Abschuss des russischen Su-24-Kampfjets im November 2015.
Es wird daran erinnert, dass die NATO damals offiziell die territoriale Integrität der Türkei unterstützte, doch Stoltenberg merkte an, dass es „innerhalb des Bündnisses eine tiefe Meinungsverschiedenheit“ gegeben habe.
Es wird berichtet, dass die osteuropäischen Länder die Türkei bedingungslos unterstützten, während Frankreich und Italien diese Haltung ablehnten und Deutschland sich vorsichtiger verhielt.
Deutsche Beamte vertraten demnach die Ansicht, dass „die Verurteilung einer Grenzverletzung eine Sache sei, den Abschuss eines Flugzeugs wegen einer 17-sekündigen Verletzung zu rechtfertigen, jedoch eine ganz andere“.
Es wird berichtet, dass sich die Spannungen nach dem Vorfall verschärften, als Russland S-400-Luftabwehrsysteme und den Kreuzer Moskwa nach Syrien entsandte. Stoltenberg fasste diese Situation mit der Reaktion des damaligen deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier wie folgt zusammen:
„Was passiert hier? Ist die Welt völlig verrückt geworden?“
UKRAINE-SPANNUNGEN UND TÜRKISCHE BAYRAKTAR-VERKÄUFE
Im Buch werden auch die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der NATO bezüglich der Ukraine thematisiert.
Es wird darauf hingewiesen, dass der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck brachte, dass die Türkei 2019 Bayraktar-Kampfdrohnen direkt an Kiew verkaufte, während andere NATO-Staaten Waffenlieferungen ablehnten.
„MÖGEN SIE MAIS?“
Stoltenberg beschrieb Präsident Erdoğan als einen „informierten, detailorientierten und kommunikativ einfachen“ Anführer, schrieb jedoch gleichzeitig, dass er für ihn und die NATO eine „große Herausforderung“ darstelle.
Stoltenberg, der berichtete, dass der Präsidentenpalast in Ankara ein „Gefühl von Macht vermittle“, merkte an, dass einige Treffen in einer ungewöhnlichen Atmosphäre stattfanden.
Es wird berichtet, dass Erdoğan bei einem Treffen direkt antwortete, als er seine „tiefe Besorgnis“ über die Operationen der Türkei im Norden Syriens zum Ausdruck brachte:
„Die YPG ist eine Terrororganisation. Das haben Sie selbst gesagt. Dass sie gegen den IS kämpfen, macht sie nicht weniger zu Terroristen.“
Es wird erzählt, dass Erdoğan inmitten dieser Diskussion fragte: „Mögen Sie Mais?“, woraufhin er Maiskolben und geröstete Kastanien in den Raum bringen ließ.
Erdoğan habe die Stimmung mit den Worten aufgelockert: „Die Protokollabteilung hasst das. Wissen Sie, was der Unterschied zwischen den Taliban und der Protokollabteilung ist? Mit den Taliban kann man verhandeln.“
Auf Stoltenbergs Warnung, keine Zivilisten ins Visier zu nehmen, soll Erdoğan wie folgt geantwortet haben:
„Wir töten Terroristen. Sie sind es, die in Raqqa und Mossul Zivilisten treffen. Dagegen erhebt niemand Einspruch.“
Stoltenberg merkte zu diesen Worten an: „Erdoğan hatte einen berechtigten Punkt angesprochen.“
TRUMP, MACRON UND „IDEALE FEINDE“
Im Buch wird beschrieben, dass Erdoğan eine herzliche Beziehung zum damaligen US-Präsidenten Donald Trump pflegte, während das Verhältnis zum französischen Präsidenten Emmanuel Macron von Spannungen geprägt war.
Es wird festgehalten, dass Trump bei einem NATO-Treffen Erdoğan mit Lob überschüttete und sagte:
„Erdoğan kann sagen, was er will, niemand kontrolliert ihn. Als er 61 Prozent bekam, sagte ich: ‚Warum sagst du nicht 80 Prozent?‘ Das klingt besser.“
Diese Worte sorgten im Saal für Gelächter.
Nach Macrons Aussage, die NATO sei „hirntot“, hätten sich die Beziehungen zu Erdoğan weiter verschlechtert.
Stoltenberg beschrieb diese Situation mit den Worten: „Es war schwierig, dass die Anführer zweier großer NATO-Staaten zu idealen Feinden füreinander wurden.“
DIE ANEKDOTE „SO BILLIG BIN ICH NICHT“
Der bemerkenswerteste Teil des Buches befasst sich mit dem Prozess im Jahr 2022, als die Türkei die NATO-Mitgliedschaften von Schweden und Finnland blockierte.
Stoltenberg schilderte ein langes Gespräch, das er in diesem Prozess mit Erdoğan führte, wie folgt:
„Meine einzige Sorge war, dass er sich langweilen oder hungrig werden und das Treffen verlassen könnte. Ich fragte: 'Möchten Sie etwas? Kaffee, Kuchen, ein Sandwich?' Erdoğan lächelte und sagte: 'So billig bin ich nicht'.“