Die Türkei-Route der 'Ndrangheta: Mafia-Spuren von der Slowakei bis in die Türkei
Der Fall des Mafia-Mitglieds Antonino Vadala macht das dunkle Mafia-Geflecht auf der Achse Europa-Türkei erneut sichtbar.
Utku Beycan
Utku Beycan - 12punto
Das Organized Crime and Corruption Reporting Projectberichtete, dass der Drogenhändler Antonino Vadala im Oktober 2024 in seinem Heimatland Italien wegen Kokainschmuggels in Verbindung mit einer Gruppe der 'Ndrangheta (kalabrische Mafia) verurteilt wurde.
Vadalas Name wurde durch die Ermordung des slowakischen Journalisten Jan Kuciak im Jahr 2018 bekannt. Obwohl die durch dieses Attentat ausgelösten Proteste zum Sturz des Ministerpräsidenten Robert Fico führten, wurde Fico 2023 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Vadala wurde nach dem Mord festgenommen und zwei Tage später wieder freigelassen. Der letzte Bericht, der nach Kuciaks Tod veröffentlicht wurde, befasste sich mit den engen Beziehungen zwischen Vadala und der Regierung Fico.
SCHMUTZIGES NETZWERK VON DER SLOWAKEI BIS IN DIE TÜRKEI
Vadala geriet erstmals 2013 ins Visier der slowakischen Polizei. Mit Geldern, die er durch Korruption aus EU-Agrarsubventionen erhalten hatte, hatte er eine Rinderfarm in der Slowakei gegründet. Er unterhielt Beziehungen zu Mafia-Clans in seiner Heimat Kalabrien.
Die slowakische Zeitung Slovak Spectator berichtete, dass der Eigentümer der Rinderfarm Vadalas Cousin Pietro Catroppa sei. Berichten zufolge ist Catroppa eine Schlüsselfigur der 'Ndrangheta-Zelle in der Slowakei. Zudem hegte die slowakische Polizei bereits vor über zehn Jahren den Verdacht, dass Vadala unter dem Deckmantel von „Rinderexporten“ Drogen in die Türkei schmuggelte.
DIE VERGANGENHEIT DER 'NDRANGHETA IN DER TÜRKEI
Vadala ist nicht das erste 'Ndrangheta-Mitglied, das in der Türkei aktiv war. Es wurde berichtet, dass auch Giuseppe Coluccio, der 2008 als einer der meistgesuchten Drogenkriminellen Italiens in einer Luxusvilla im kanadischen Toronto gefasst wurde, mit türkischen kriminellen Organisationen zusammenarbeitete und Heroin mit Fischerbooten aus der Türkei schmuggelte. Coluccio war der Anführer eines der Clans, die der 'Ndrangheta angehören.
Ein weiterer italienischer Drogenbaron namens Luciano Camporesi wurde 2022 bei einer gemeinsamen Operation türkischer und italienischer Sicherheitskräfte in Antalya gefasst. Camporesi war im Prozess „Pollino – Europäische 'Ndrangheta-Verbindung“, in dem 70 Personen angeklagt waren, wegen internationalem Drogenhandels zu 22 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt worden und hatte sich in die Türkei abgesetzt.
DIE VERBINDUNG ZWISCHEN TÜRKISCHER MAFIA UND 'NDRANGHETA REICHT BIS IN DIE 1980ER JAHRE ZURÜCK
Antonio Nicaso, Professor an der kanadischen Queens University und Experte für die 'Ndrangheta, erklärte gegenüber dem freien Journalisten Utku Beycan, dass die Beziehungen zwischen 'Ndrangheta-Clans und türkischen organisierten Verbrechergruppen bis in die 1980er Jahre zurückreichen. Nicaso äußerte sich wie folgt:
„Zahlreiche Ermittlungen haben Heroinlieferungen türkischer krimineller Netzwerke nach Kalabrien und in die Lombardei dokumentiert. In jenen Jahren wurde auch der Tausch von Drogen gegen Waffen, insbesondere Kalaschnikows, belegt. Diese Verbindungen haben sich im Laufe der Zeit gefestigt, doch es gibt keine Beweise für eine dauerhafte Präsenz kalabrischer Mittelsmänner in der Türkei.“
WIE LEBTE BARIŞ BOYUN IN KALABRIEN?
Andererseits wies Nicaso darauf hin, dass das Interesse der türkischen Mafia an Italien, insbesondere im Bereich der Geldwäsche, eine „andere Dimension“ habe. Nicaso, der erklärte, dass Barış Boyun, einer der bekanntesten Bandenführer der neuen Generation in der Türkei, vor seiner Verhaftung im italienischen Viterbo eine Zeit lang in Kalabrien gelebt habe, sagte: „Bestimmte Aktivitäten bleiben nicht unbemerkt, es sei denn, man arbeitet mit den lokalen Clans zusammen.“
DIE BEZIEHUNG IST NOCH NICHT STRUKTURELL GEFESTIGT
Nicaso schloss seine Ausführungen mit den folgenden Worten:
„Dass die Türkei zu einem immer wichtigeren Transitknotenpunkt für den globalen Drogenhandel wird, schafft für türkische kriminelle Organisationen mehr Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit großen ausländischen Mafia-Gruppen, einschließlich der 'Ndrangheta. Türkische Netzwerke haben sich auf internationalen Kokain- und Heroinrouten ausgebreitet, und die Schwächung der Rechtsstaatlichkeit hat das Land für internationale kriminelle Aktivitäten attraktiver gemacht. Historische und gelegentliche Verbindungen zwischen der 'Ndrangheta und türkischen Gruppen existieren, und eine informelle, geschäftliche Zusammenarbeit ist wahrscheinlich.
Dennoch gibt es derzeit keine eindeutigen öffentlichen Beweise dafür, dass die 'Ndrangheta in jüngster Zeit eine starke oder wachsende organisatorische Präsenz innerhalb der Türkei aufgebaut hat. Vorerst ist die Beziehung eher opportunistisch als strukturell. Sie scheint eher von gemeinsamen Schmuggelinteressen als von einer tiefgreifenden Integration getrieben zu sein.“
Wer ist diese 'Ndrangheta?
Die 'Ndrangheta entstand im 18. Jahrhundert. In Kalabrien bildete sie sich aus dem Zusammenschluss von Clans, den sogenannten „Ndrine“, und nahm eine dezentrale Struktur an. Dank ihrer auf Blutsverwandtschaft und familiärer Loyalität basierenden Struktur blieb sie eine Gruppe, die gegen Verrat immun und nur schwer zu bekämpfen ist. Dies machte die 'Ndrangheta im Laufe der Zeit zu einer der größten Mafia-Organisationen der Welt, die aus etwa 100 Familien besteht und jährlich mehr als 50 Milliarden Dollar umsetzt.