Warum sind Kinderehen in der Türkei immer noch legal?
Aylin Moralıoğlu, verantwortliche Anwältin des Büros für Prozesskostenhilfe der Anwaltskammer Istanbul, bezeichnete Kinderehen in einem Interview mit 12punto als klaren Missbrauch. Moralıoğlu, die die aktuelle Situation in der Türkei von der Zivilgesetzgebung über internationale Abkommen bis hin zu Missbrauchsfällen und dem Bildungssystem kritisiert, warnt mit den Worten: „Wenn der Staat schweigt, schweigt auch das Kind“ und fügt hinzu: „Wir müssen endlich aufwachen.“
Sinem Nazlı Demir
Sinem Nazlı Demir - 12punto.com.tr
Aylin Moralıoğlu, verantwortliche Anwältin des Büros für Prozesskostenhilfe der Anwaltskammer Istanbul, äußerte sich gegenüber 12punto zu wichtigen Themen der Kinder- und Frauenrechte. Moralıoğlu betonte, dass es im aktuellen Rechtsrahmen insbesondere in Bezug auf Kinderehen gravierende Lücken gebe, und erklärte: „Es ist unmöglich, von der Zustimmung eines Kindes zu sprechen. Das ist direkter Missbrauch.“
Obwohl das Heiratsalter laut Zivilgesetzbuch bei 17 Jahren liegt, ebnet die Möglichkeit, 16-jährigen Kindern per Gerichtsbeschluss die Heirat zu erlauben, den Weg für diesen Missbrauch. Moralıoğlu weist auf den rechtlichen Widerspruch hin: „Artikel 90 der Verfassung ist eindeutig; internationale Abkommen stehen über dem nationalen Recht. Wir sind Vertragspartei der Kinderrechtskonvention. Jeder unter 18 Jahren ist ein Kind, und eine Ehe ist Missbrauch.“
MISSBRAUCH UNTER DEM DECKMANTEL DER EHE: „DIE SPRACHE DER POLITIKER LEGITIMIERT DIESEN BEREICH“
Moralıoğlu erklärte, dass Kinderehen kein individuelles, sondern ein systemisches Problem seien, und sagte: „Dieser Missbrauch wird von Zeit zu Zeit durch die Rhetorik von Politikern und Geistlichen zu legitimieren versucht.“ Sie betonte, dass der Prozess, der insbesondere damit beginnt, Mädchen aus dem Bildungssystem zu reißen, sie in einen Teufelskreis der Gewalt treibe:
„Mit dem 4+4+4-System wurde die Bildung aufgeteilt. Nach den ersten vier Jahren sank die Einschulungsrate von Mädchen. Dies erhöhte das Risiko von Eheschließungen. Wenn wirtschaftliche Schwierigkeiten, falsche religiöse Interpretationen und soziokulturelle Strukturen zusammenkommen, verbreiten sich Kinderehen.“
DIE HÄUFIGSTE FORM DES MISSBRAUCHS: DIE GEFAHR AUS DEM NÄCHSTEN UMFELD
Laut Aylin Moralıoğlu stammen die Täter bei Kindesmissbrauchsfällen meist aus dem Umfeld des Kindes. Wenn Vertrauenspersonen wie Väter, Onkel, Lehrer oder Nachbarn die Täter sind, wird der Missbrauch noch verheerender.
„Das Verbrechen im Inneren wird leichter vertuscht. Es wird für das Kind viel schwieriger, darüber zu sprechen. Wenn der Täter aus der Familie stammt, wird meist versucht, die Sache zu vertuschen.“
Moralıoğlu wies auf die Rolle von Beratungslehrern und psychologischen Beratern hin und betonte, dass Bildung in diesem Bereich unerlässlich sei. Sie forderte eine umfassende Sensibilisierungskampagne für Familien, Lehrer, religiöse Funktionäre und Beamte.
WO IST DER STAAT, WARUM SCHWEIGT DAS SYSTEM?
Moralıoğlu erklärte, dass eine der grundlegenden Pflichten des Staates bei der Prävention von Kindesmissbrauch darin bestehe, präventive Mechanismen umzusetzen, erinnerte an das Übereinkommen von Lanzarote und appellierte:
„Der Staat muss nicht nur vor Gericht, sondern auch in sozialen Unterstützungszentren, gemeinsam mit Anwaltskammern, Schulen und Gesundheitseinrichtungen Mechanismen entwickeln. Aber wir haben in diesem Bereich immer noch große Defizite.“
„WENN DER STAAT SCHWEIGT, SCHWEIGT AUCH DAS KIND“
Eine der wichtigsten Botschaften von Moralıoğlu war, dass das Vertuschen von Missbrauch nicht nur eine Entscheidung der Familien, sondern das Ergebnis des Schweigens des Systems sei:
„Das Kind schweigt, weil das System schweigt. Deshalb müssen wir zuerst sprechen, wir müssen es aufdecken. Nur so ist die Rettung der Kinder möglich.“
Moralıoğlu betonte, wie wichtig es sei, Meldungen an Anwaltskammern, Polizei und Ministerien zu erstatten, und wies darauf hin, dass ein frühzeitiges Eingreifen für die Rehabilitation des Kindes und seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft unerlässlich sei.
WAS IST DIE LÖSUNG? NICHT MEHR SCHWEIGEN, SONDERN MEHR SOLIDARITÄT
Aylin Moralıoğlu betonte, dass zur Verhinderung von Kindesmissbrauch nicht nur Gesetzesänderungen, sondern ein Mentalitätswandel erforderlich seien, und forderte eine Stärkung der Bildung und der Unterstützungsmechanismen. Sie unterstrich, dass alle Teile der Gesellschaft – Familien, Lehrer, Juristen, Medien – zusammenarbeiten müssen:
Dieses eindrucksvolle Interview zeigt einmal mehr, wie fragil die Kinderrechte in der Türkei sind.
Die Worte von Anwältin Aylin Moralıoğlu sind sehr deutlich:
„Kinderehe ist Kindesmissbrauch. Punkt.“