Umstrittene Regelung im türkischen Parlament: Wird dem staatlichen Aufsichtsrat unbegrenzte Befugnis erteilt?
In der Großen Nationalversammlung der Türkei (TBMM) wird heute Nacht eine kritische Regelung beraten. Nach Angaben des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP), Gökhan Günaydın, sieht der von der AKP in die Generalversammlung eingebrachte Vorschlag vor, dem staatlichen Aufsichtsrat (DDK) die Befugnis zur Suspendierung von Beamten zu übertragen, was einen unkontrollierten und willkürlichen Eingriffsbereich schaffen würde.
BEFUGNIS ZUR SUSPENDIERUNG
Nach der geltenden Rechtslage werden der Vorsitzende und die Mitglieder des staatlichen Aufsichtsrates (DDK) vom Präsidenten ernannt. Der Rat kann auf Anweisung des Präsidenten in allen öffentlichen Institutionen und Organisationen Untersuchungen, Recherchen und Prüfungen durchführen. Die Berichte, die infolge dieser Prüfungen erstellt wurden, wurden jedoch bisher an das Büro des Ministerpräsidenten oder die zuständigen Institutionen zur weiteren Veranlassung weitergeleitet.
Die neue Regelung, die die AKP der Generalversammlung der TBMM vorgelegt hat, räumt den Mitgliedern oder Prüfern des DDK die Befugnis ein, „gegen Beamte jeder Ebene und jeden Ranges, bei denen es aus Gründen des öffentlichen Dienstes als bedenklich erachtet wird, dass sie im Amt bleiben, eine Suspendierung zu verhängen“. Es wird darauf hingewiesen, dass diese Befugnis mit einem weiten Ermessensspielraum und ohne die Notwendigkeit eines gerichtlichen Verfahrens ausgeübt werden kann.
SIND AUCH GEWÄHLTE VERTRETER GEFÄHRDET?
Die betreffende Regelung umfasst nicht nur ernannte Beamte, sondern auch gewählte lokale Amtsträger. Laut Günaydın könnte der DDK mit der neuen Befugnis auf Anweisung des Präsidenten ein Prüfverfahren gegen einen Bürgermeister einleiten, woraufhin ein DDK-Mitglied den gewählten Bürgermeister mit der Begründung, „sein Verbleib im Amt sei bedenklich“, suspendieren könnte. Es wird darauf hingewiesen, dass dieser Prozess ohne jegliche Ermittlung, gerichtliche Entscheidung oder rechtliches Verfahren schnell durchgeführt werden könnte.
BEREITS FRÜHER VERSUCHT, VOM VERFASSUNGSGERICHT AUFGEHOBEN
Diese Regelung ist nicht der erste Versuch der AKP. Zuvor sollten dem DDK durch das Präsidialdekret Nr. 5 ähnliche Befugnisse eingeräumt werden, doch das Verfassungsgericht (AYM) hob die Regelung auf Antrag der CHP auf. In seiner Entscheidung vom 11. November 2021 (Az. 2018/121, K. 2021/84) urteilte das Verfassungsgericht, dass diese Befugnis verfassungswidrig sei. Ein zweiter Versuch wurde in ein Omnibus-Gesetz aufgenommen, jedoch auf Druck der Opposition wieder zurückgezogen. Nun wird dieselbe Regelung zum dritten Mal auf die Tagesordnung des Parlaments gesetzt.
REAKTION DER OPPOSITION
Die CHP und andere Oppositionsparteien reagieren scharf auf die Regelung. Günaydın erklärte, dass man versuche, diese Regelung unter Ausnutzung der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse zu verabschieden, und kündigte an, dass sie im Falle einer Veröffentlichung im Amtsblatt sofort beim Verfassungsgericht einen Antrag auf Aufhebung und Aussetzung der Vollziehung stellen würden.
Die Opposition bezeichnet diese Regelung als direkten Eingriff in die Prinzipien des Rechtsstaates und den demokratischen Prozess. Wie Günaydın in seinen Erklärungen betonte, verdeutlicht die Regelung den Unterschied zwischen Recht und Gesetz und birgt das Potenzial, der demokratischen Struktur der Türkei einen schweren Schlag zu versetzen.
FAZIT: IN WELCHEN PROZESS GERÄT DIE TÜRKEI?
Sollte die Regelung verabschiedet werden, hätte der DDK durch die vom Präsidenten ernannten Mitglieder die Befugnis, Beamte und sogar gewählte Amtsträger zu suspendieren. Die Ausschaltung rechtlicher Kontrollmechanismen könnte durch einen weiten Ermessensspielraum den Boden für willkürliche Praktiken bereiten.
Sollte die Regelung trotz des Widerstands der Opposition verabschiedet werden, wird genau beobachtet werden, welche Entscheidung das Verfassungsgericht treffen wird und welche Auswirkungen diese auf die demokratischen Prozesse in der Türkei haben wird.
HIER IST DER BEITRAG VON CHP-ABGEORDNETEM GÜNAYDIN:
Heute Nacht wird in der TBMM eine Regelung beraten, die dem Präsidenten Befugnisse verleiht, wie sie sonst nur in unkontrollierten Sultanaten zu finden sind.
— Gökhan Günaydın (@gunaydingokhan) 30. Januar 2025
Wie das?
Eine Regelung, die dem staatlichen Aufsichtsrat die Befugnis gibt, Beamte jeder Ebene und jeden Ranges zu suspendieren, auf Vorschlag der AKP-Fraktion… pic.twitter.com/H7sbNExJ8B
Nachrichtenquelle: 12punto
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