Die Psyche der Bürger ist angeschlagen: Jeder Vierte ist von Depressionsrisiko betroffen!
Wirtschaftskrise, finanzielle Schwierigkeiten, Gewalt gegen Frauen, der Tonfall in der Politik, Zukunftsängste und das Vertrauen in die Justiz haben die psychische Verfassung der Bürger beeinträchtigt. Aktuellen Daten zufolge leidet jeder zehnte Mensch im Land unter Angststörungen, und jeder Vierte ist von Depressionen bedroht.
Psychische Gesundheitsprobleme nehmen von Tag zu Tag weiter zu.
Experten zufolge stehen psychische Erkrankungen in der Türkei hinsichtlich der Gesundheitsausgaben und der Häufigkeit des Auftretens von Krankheiten an zweiter Stelle.
Im Land kommt statistisch gesehen ein Psychiater auf 100.000 Einwohner. Diese Zahl liegt weit hinter dem Durchschnitt der Länder der Europäischen Union (EU). Es wird angegeben, dass derzeit zwischen 7.000 und 8.000 Psychiater im öffentlichen und privaten Sektor tätig sind und 60 Prozent der psychiatrischen Versorgung durch öffentliche Krankenhäuser erbracht werden. Anlässlich des Welttages für psychische Gesundheit am 10. Oktober erinnerte die Psychiaterin Dr. Dilek Yeşilbaş daran, dass schätzungsweise über 15 Millionen Menschen in der Türkei mit einer psychischen Erkrankung diagnostiziert wurden. Yeşilbaş erklärte, diese Zahl sei nur die Spitze des Eisbergs und sie beobachte, dass die Fälle in den letzten Jahren stark zugenommen hätten.
'MÄNNER KOMMEN ERST, WENN ES NICHT MEHR ANDERS GEHT, ABER...'
Laut einem Bericht von Sibel Bahçetepe von BirGün; Yeşilbaş erläuterte, dass psychische Erkrankungen weltweit und in der Türkei bei Betrachtung der Gesundheitsausgaben und der Krankheitsprävalenz an zweiter Stelle stünden: “An erster Stelle stehen Herzerkrankungen. Die am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen sind Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen und bipolare Störungen. Die meisten Anfragen für Unterstützung kommen von Frauen. Männer kommen meist erst, wenn es nicht mehr anders geht. Dabei möchte ich unterstreichen, dass auch Männer weinen können und auch Männer Menschen sind.”
PATIENTEN GEHEN NICHT ZUM ARZT
Dr. Yeşilbaş erklärte, dass viele Patienten, die unter ernsthaften psychischen Problemen leiden, keinen Arzt aufsuchen, und führte weiter aus: “Ich glaube, der Hauptgrund dafür ist, dass psychische Erkrankungen entweder völlig geleugnet werden oder man dem Thema mit Vorurteilen begegnet. Menschen akzeptieren psychische Beschwerden nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Krankheiten wie Magengeschwüre, Diabetes oder Bluthochdruck. Ein bedeutender Teil des Umfelds der Patienten äußert sich zudem äußerst verständnislos mit Sätzen wie: 'Du schaffst das schon', 'Wenn du dich ein wenig anstrengst, geht es', 'Du bemühst dich ja gar nicht', 'Schau mal, welche Sorgen andere haben'. Dies führt dazu, dass Patienten entweder gar keine Behandlung suchen oder diese heimlich abbrechen. Dabei sind psychische Erkrankungen nicht greifbar oder sichtbar, und es sind Leiden, die niemand freiwillig auf sich nimmt.”
DAS GRÖSSTE HINDERNIS SIND DIE KOSTEN
Yeşilbaş erklärte, dass die Behandlung individuell variiere und sagte: “Die Behandlung jedes Patienten muss sorgfältig angegangen werden. Zudem muss ich sagen, dass soziale Medien sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf Krankheiten haben. Ich sehe, dass viele meiner Patienten sich mit lückenhaften Informationen selbst diagnostizieren und seltsamen Behandlungswegen folgen. Entweder laufen sie den falschen Leuten hinterher und verlieren Hoffnung, Geld und Zeit, oder sie machen Fehler wie das Abbrechen oder Unterbrechen ihrer bestehenden Behandlung, oder sie wechseln ständig zwischen verschiedenen Therapien, wodurch sie sich letztlich selbst den Weg zur Heilung verbauen.” Yeşilbaş fügte hinzu: “Leider sind auch die steigenden Kosten ein wichtiger Faktor, der die Behandlung beeinflusst. Psychische Erkrankungen sind keine Zustände, die an einem Tag oder in wenigen Gesprächen gelöst werden können. Es bedarf einer langfristigen Begleitung und Behandlung.”
Nachrichtenquelle: 12punto
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