Gast der Sendung „Netizen mit Atıf Ünaldı“, die diese Woche auf Medyascope ausgestrahlt wird, war Aydın Sün, einer der seit Jahren unsichtbaren, aber einflussreichen Akteure der Technologie- und Kommunikationswelt. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand sein neues Startup: DeepDeets.
Nach Faselis, das jedem, der die PR-Branche in der Türkei kennt, ein Begriff ist, steigen sie nun in den Bereich Influencer-Marketing ein. Auf den ersten Blick mag es wie „noch eine weitere Influencer-Datenbank“ erscheinen. Aber genau darum geht es nicht. Ich denke, das eigentlich Wichtige hier ist, dass die Influencer-Ökonomie ihre Kindheit hinter sich lässt.
Denn der Influencer-Markt funktionierte lange Zeit ein wenig wie eine „Lärm-Ökonomie“. Wer am lautesten schrie, am meisten sichtbar war und die meisten Follower hatte, gewann. Marken ließen sich oft von der Magie der Zahlen blenden. 3 Millionen Follower. 50 Tausend Kommentare. 2 Millionen Aufrufe. Sieht gut aus. Macht sich sehr schick in PowerPoint-Präsentationen.
Doch in der Geschichte des Marketings gibt es eine sehr alte Wahrheit: Masse bedeutet nicht immer Wirkung.
Während der Sendung nannte Aydın ein sehr prägnantes Beispiel. Sie sahen unter einem Beitrag eines berühmten Namens, der mit einer Automarke zusammenarbeitete, 13 Tausend Kommentare. Als sie diese analysierten, stellten sie fest, dass etwa 12 Tausend davon gekaufte Kommentare waren. Genau hier beginnt der Wendepunkt der neuen Ära.
Denn die Frage verschiebt sich nun von „Wie viele Leute haben es gesehen?“ hin zu „Wer hat es gesehen?“.
Diesen Unterschied kenne ich noch aus der Zeit der alten Medien. Schon vor Jahren, als wir über die Zugriffszahlen von Internetseiten sprachen, gab es dasselbe Problem. Es gab Traffic, aber keine Wirkung. Die Leute kauften Zahlen. Jetzt erleben wir eine ähnliche Situation im Influencer-Bereich. Unter einem Beitrag können hunderttausend Kommentare stehen, aber wenn der Großteil dieser Kommentare themenfremd, gefälscht oder irrelevant für das tatsächliche Kaufverhalten ist, entsteht in Wahrheit nur eine digitale Kulisse.
Das größte Problem der Social-Media-Ökonomie ist heute nicht die gefälschte Interaktion. Es ist die gefälschte Bedeutung.
Hier beginnt der interessante Teil von DeepDeets. Denn das System versucht nicht nur, den Beitrag zu erfassen. Es versucht zu entschlüsseln, ob der Kommentar echt ist, ob er sich auf das Produkt bezieht und ob die Sentiment-Analyse tatsächlich aussagekräftig ist.
Dies ist im Grunde das Bestreben des Influencer-Marketings, der „Pubertät“ zu entwachsen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Mikro- und Nano-Influencer. Ich beobachte seit langem besonders lokale Content-Ersteller aufmerksam. Es gibt kleine Accounts, die in Mersin Cafés besuchen, Kinderaktivitäten teilen oder Inhalte über die Mutter-Kind-Beziehung produzieren. Ihre Followerzahlen mögen niedrig sein, aber ihre Wirkung ist oft höher als die von Riesen-Accounts.
Denn die Menschen suchen heute nicht mehr nach perfekten Werbeanzeigen, sondern nach vertrauenswürdigen Menschen.
Dass eine Mutter ein Produkt vorstellt, das sie wirklich benutzt, hat nicht dieselbe Wirkung wie der Beitrag eines großen Accounts, der am selben Tag drei verschiedene Marken bewirbt. Wie Aydın sagte: Während die Glaubwürdigkeit von Makro-Influencern abnimmt, wächst der Einfluss von Mikro-Influencern.
Das erinnert mich an die Anfangszeit des Internets.
Zu Beginn war das Internet die Welt der großen Portale. Dann kamen Blogs. Dann Foren. Danach überholten die kleinen Kanäle auf YouTube die riesigen Fernsehsender. Jetzt könnte sich derselbe Wandel im Influencer-Bereich vollziehen.
Denn die Menschen wollen keine „Promis“ mehr sehen. Sie wollen Menschen sehen, die ihnen ähnlich sind.
Ein weiterer bemerkenswerter Punkt war die technische Seite von DeepDeets. Reverse Engineering, Datensammlung, Story-Archivierung, automatisierte Berichterstattung, KI-gestützte Prognosen… Dies zeigt, dass Influencer-Marketing beginnt, das Stadium der Amateurhaftigkeit zu verlassen und sich zu einem ernsthaften Bereich der Datenwissenschaft zu entwickeln.
Früher gab es in der PR-Welt das Medien-Monitoring. Man schaute, wer wo was geschrieben hatte. Jetzt verlagert sich dasselbe in die Influencer-Welt. Bald werden Marken nicht nur sich selbst sehen, sondern auch, mit wem ihre Konkurrenten zusammenarbeiten, welcher Influencer tatsächlich Verkäufe generiert und wer nur digitalen Lärm produziert.
An diesem Punkt wird es etwas härter werden.
Denn wenn Datentransparenz einsetzt, verliert die Branche ihre Romantik.
Es wird sich herausstellen, dass manche „sehr großen“ Accounts gar nicht so groß sind. Und es wird deutlich werden, dass manche kleinen Accounts echte Wirkung erzielen. Ich denke, dass in den nächsten Jahren der größte Wandel der Influencer-Ökonomie genau hier stattfinden wird.
Eine Zeit lang wurde über Fernsehquoten diskutiert. Dann über Internet-Traffic-Messungen. Jetzt ist die Reihe an der tatsächlichen Messung der Social-Media-Wirkung.
Wahrscheinlich wird der wertvollste Influencer der Zukunft nicht die Person mit den meisten Followern sein, sondern die Person mit dem höchsten Vertrauens-Score.
Kurz gefasst
* Google, Microsoft, OpenAI, Anthropic und xAI haben sich bereit erklärt, ihre neuen Modelle vor der Veröffentlichung für die Öffentlichkeit von der US-Regierung testen zu lassen. Es scheint, als würde die Welt der Künstlichen Intelligenz auf das Prinzip der Crashtests aus der Automobilindustrie umsteigen. Bald wird nicht mehr nur die Frage „Wie leistungsstark ist es?“ zu den Standardtests gehören, sondern auch „Was passiert, wenn es außer Kontrolle gerät?“.
* Die Europäische Union hat eine vorläufige Einigung zwischen Rat und Parlament erzielt, um die Umsetzung des KI-Gesetzes reibungsloser zu gestalten. Es scheint, als versuche Europa einerseits, die Regulierungen streng zu halten, und andererseits das Image des „zu langsamen Kontinents“ loszuwerden.
* Cloudflare hat etwa 1.100 Mitarbeiter entlassen, mit der Begründung des Übergangs zu einem „agentic AI-first“-Modell. Das Unternehmen gab bekannt, dass die KI-Nutzung innerhalb von nur drei Monaten um 600 % gestiegen sei. Es scheint, als würde in der Technologiewelt die Ära „KI wird den Mitarbeitern helfen“ von der Ära „KI wird einige Mitarbeiter ersetzen“ abgelöst. Meine detaillierteren Ansichten zu Entlassungen und neuen Beschäftigungspolitiken habe ich in meinem Artikel mit dem Titel „Die Beschäftigungsstrategie der Türkei im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ geteilt.
* Es wird behauptet, dass infolge der Ausnutzung einer Sicherheitslücke in der weltweit genutzten Canvas-Infrastruktur Daten von Studenten und Lehrkräften an etwa 9.000 Schulen, darunter einige beliebte Universitäten in der Türkei, betroffen sind. Hinter dem Angriff soll ShinyHunters stecken. Die Gruppe erklärte, dass sie die Daten veröffentlichen werde, falls bis zum 17. Mai kein Lösegeld gezahlt werde. Es scheint, als müssten Universitäten heute nicht mehr nur akademische Einrichtungen sein, sondern auch Institutionen für Cybersicherheit.
* In den sozialen Medien fällt in letzter Zeit eine interessante kulturelle Spaltung in Bezug auf Haustiere auf. Während ein Teil seine Hunde und Katzen als „Kind“ oder „Nachwuchs“ bezeichnet, argumentiert ein anderer Teil, dass dies eine übermäßige Vermenschlichung sei, und vertritt einen traditionelleren, besitzorientierten Ansatz gegenüber Tieren. Es scheint, als drehe sich die Debatte nicht mehr nur um Tierliebe; sie hat begonnen, sich um das moderne Stadtleben, Einsamkeit, die Wahrnehmung von Familie und neue Formen des emotionalen Bindungsaufbaus zu drehen. In der Psychologie nennt man dies „Anthropomorphismus“, also die Tendenz, nicht-menschlichen Wesen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Interessant ist, dass die eigentliche Sorge vieler Menschen nicht nur die Haustiere betrifft, sondern die Tatsache, dass in Zukunft dieselbe emotionale Bindung zu Robotern und KI-Systemen aufgebaut werden könnte.
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