Das Internet, das in jede Faser unseres Lebens eingedrungen ist – von den Kabeln bis zu den Bildschirmen –, ist eigentlich das Werk einer unsichtbaren Vereinbarung. Diese nahtlose Kommunikation zwischen Geräten verschiedener Marken über Dienstanbieter hinweg, die sich untereinander gar nicht kennen, ist kein Wunder, sondern das Produkt eines wohlwollenden Verstandes. Der Name dieses Verstandes lautet: Standards. Und die Frage danach, wer diese Standards festlegt, ist gleichbedeutend mit der Frage nach der digitalen Zukunft der Türkei.
WAS BRINGEN STANDARDS?
Dass eine von einem iPhone gesendete E-Mail problemlos auf einem HP-Laptop in einem Gmail-Konto geöffnet werden kann… Oder dass eine WordPress-Seite sowohl über Safari als auch über Chrome identisch geladen wird… All dies ist dank der freiwillig akzeptierten Internetstandards möglich. Diese Standards werden weder durch staatlichen Zwang noch durch das Diktat eines Unternehmens festgelegt. Im Gegenteil, sie entstehen durch eine Struktur, die das Gemeinwohl im Blick hat, aus vielen Interessengruppen besteht und von der Basis nach oben arbeitet.
WER LEGT DIESE STANDARDS FEST?
Organisationen wie die IETF (Internet Engineering Task Force) mit ihren RFCs (Request for Comments) sowie IAB, IRTF und W3C schreiben diese universellen Regeln. Keine dieser Strukturen hat eine direkte Verbindung zu Staaten oder globalen Technologieriesen. Wissenschaftler, Ingenieure und Entwickler kommen zusammen, tauschen Ideen aus, diskutieren, und dann werden Regeln geschrieben, an die sich zwar niemand halten muss, an die sich aber jeder halten will.
Dieses System beweist uns: Gemeinsamer Nutzen kann auch ohne Zwang geschaffen werden.
WO STEHT DIE TÜRKEI?
Genau hier sollte uns etwas mulmig werden. Wenn in der Türkei von „Standards“ die Rede ist, denkt man immer noch an das „TS-Zertifikat“ (Türkisches Normungsinstitut). Oder noch schlimmer: an vom Staat diktierte Vorschriften, Anordnungen der BTK (Informations- und Kommunikationstechnologiebehörde) oder Technologien, die von bestimmten Gruppen genehmigt wurden. Dabei ist die Welt längst darüber hinaus. Heute sitzen weltweit Millionen Menschen an digitalen Tischen, um darüber zu diskutieren, wie das Internet sicherer, gerechter und zugänglicher gemacht werden kann. Die Türkei sitzt nicht an diesem Tisch. Weder taucht der Name eines türkischen Ingenieurs in den RFCs auf, noch leistet die türkische Wissenschaft einen Beitrag zu Barrierefreiheitsstandards wie WCAG.
Schlimmer noch: Selbst auf dem heimischen Markt wird Konzepten wie Interoperabilität nicht die nötige Bedeutung beigemessen. Sogar Webseiten staatlicher Institutionen werden manchmal so programmiert, dass sie nur in einem einzigen Browser funktionieren. Barrierefreiheit? Nur eine Formalität. Dabei sind diese Standards nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch der Ethik, der Inklusion und der Zukunftsvision.
WAS VERLIEREN WIR?
Nicht an diesem Tisch zu sitzen bedeutet nicht nur, keine Technologie zu produzieren; es bedeutet, sich damit abzufinden, in einem Spiel mitzuspielen, dessen Regeln andere aufstellen. Wir produzieren unsere eigenen Netzwerksicherheitsstandards nicht und sind gezwungen, uns auf Lösungen von außen zu verlassen. Indem wir Barrierefreiheitsstandards nicht übernehmen, schließen wir Millionen unserer behinderten Mitbürger vom digitalen Leben aus. Wir werden zu einem Land, das bei der Datensicherheit nicht die Welt anführt, sondern sich führen lässt.
WAS IST ZU TUN?
Die Türkei sollte einen aktiven Beitrag zu den Institutionen leisten, die Standards entwickeln.
Universitäten und Ingenieurstudiengänge sollten ihre Studierenden nicht nur als Softwareentwickler, sondern auch als Standardentwickler ausbilden.
Öffentliche Einrichtungen sollten in die technischen Spezifikationen jeder Ausschreibung eine Klausel zur Einhaltung universeller Standards aufnehmen.
NGOs sollten sich für den Schutz des offenen Internets und das Governance-Modell mit mehreren Interessengruppen einsetzen.
Und vielleicht am wichtigsten: Die Türkei muss lernen, dass Freiwilligkeit auch eine Strategie sein kann.
FAZIT
Die geheime Kraft, die das Internet am Laufen hält, sind nicht Milliarden von Dollar, sondern der gemeinsame Verstand. Jeder entwickelte Standard, jedes geteilte RFC ist ein Beitrag zum digitalen Zusammenleben der Menschheit. Dass die Türkei Teil dieser Struktur wird, ist wertvoller, als Technologie zu produzieren. Denn Produzieren allein reicht nicht; man muss zu denen gehören, die das Spiel verändern.
Andernfalls werden wir zwar weiterhin die Geräte nutzen, aber die Regeln des Spiels werden immer andere schreiben.
Meistgelesen
Junges Paar stirbt bei Absturz mit Geländewagen 15 Meter in die Tiefe
Die internen Debatten der CHP interessieren mich überhaupt nicht
Abgeordneter, dem ein Wechsel zur AKP nachgesagt wird, beginnt Überzeugungstour
Ümit Özdağ kommentiert neue Parteigründung
Warnung vor dem Risiko von Haarausfall bei GLP-1-Medikamenten
Strenge Kontrollen für Fahranfänger
Enver-Altaylı-Vorwurf in der Akte Yazıcıoğlu
Die Wahl des stellvertretenden Bürgermeisters, die die CHP gewonnen hatte, wird ab der dritten Runde wiederholt
Der neue Vorstand von Fenerbahçe steht fest
Junge Köchin stirbt nach Sturz von Hotelterrasse