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Die 5G-Strategie der Türkei ist richtig

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Die Türkei ist zum 1. April auf 5G umgestiegen. Jeder versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Eine Gruppe führt Geschwindigkeitstests durch. Eine andere Gruppe hält die Basisstationen für unzureichend. Wieder andere diskutieren über die Glasfaserinfrastruktur. Es gibt auch Stimmen, die behaupten, die Türkei sei das letzte Land unter den OECD-Staaten gewesen, das diesen Schritt vollzogen hat. Kritik gibt es reichlich. Perspektiven hingegen sind rar.

Zunächst einmal sollte eines klar sein: 5G allein über die Geschwindigkeit zu definieren, ist von Anfang an falsch. 4G hatte für den Endnutzer bereits ein ausreichendes Geschwindigkeitsniveau erreicht. Videos schauen, soziale Medien nutzen, Daten konsumieren… In keinem dieser Fälle würde der Wechsel zu 5G das Nutzererlebnis dramatisch verändern. Denn es geht nicht um Geschwindigkeit.

Der eigentliche Unterschied bei 5G liegt in den Latenzzeiten. Es geht also nicht darum, wie schnell Daten übertragen werden, sondern wie schnell reagiert wird. Dieser Unterschied ist nicht für Menschen, sondern für Systeme von Bedeutung. Autonome Fahrzeuge, industrielle Automatisierung und Fernchirurgie erfordern niedrige Latenzzeiten. Die Türkei verfügt heute in diesen Bereichen über kein weit verbreitetes Ökosystem für Anwendungen. Daher muss man ehrlich sein: Der Wechsel von 4G zu 5G hat für den Endnutzer in der Türkei keinen direkten Nutzen.

Betrachtet man es bis hierhin, scheint die Kritik berechtigt. Doch genau hier beginnt die verkürzte Sichtweise.

Hat sich der 5G-Umstieg der Türkei verzögert? Ja.

Ist das ein Nachteil? Nein.

Die Türkei verfolgte eigentlich schon lange eine andere Strategie: 4G als Sprungbrett zu nutzen, um bei 5G einen Unterschied zu machen. Der Weg dorthin führte nicht über die Infrastruktur, sondern über wissenschaftliche Produktion. Es ging darum, bei Kommunikationstechnologien der nächsten Generation mitzureden, Patente zu entwickeln und einen Beitrag zu Standards zu leisten.

Der kritische Punkt hierbei ist:

Eine Technologie früh einzuführen ist nicht dasselbe, wie bei dieser Technologie das Sagen zu haben.

Leider konnte diese Chance bei 5G nicht ausreichend genutzt werden.

Die Produktion nennenswerter akademischer Arbeiten blieb begrenzt.

Im Bereich der Patente entstand keine nennenswerte Präsenz.

An den Tischen, an denen Standards festgelegt werden, konnte keine starke Vertretung erreicht werden.

Im Ergebnis hat 5G für die Türkei aufgehört, ein strategisches Sprungbrett zu sein, und ist lediglich zu einem technologischen Update geworden.

An diesem Punkt sollte sich die Richtung der Kritik ändern.

Die Frage, die gestellt werden muss, lautet nicht: „Warum sind wir zu spät?“

Die eigentliche Frage lautet: „Warum haben wir keinen Mehrwert geschaffen?“

Doch die Geschichte endet hier nicht. Die eigentlich kritische Schwelle beginnt jetzt.

6G ist ein völlig anderes Spiel.

5G war eine schnellere Version des bestehenden Internets mit geringerer Latenz.

6G hingegen wird das Internet selbst verändern.

Künstliche Intelligenz wird direkt in das Netzwerk integriert sein.

Die Kommunikation wird nicht nur Daten, sondern auch Wahrnehmung und Umgebung übertragen.

Satellitennetzwerke werden mit Bodenstationen verschmelzen.

Das bedeutet, das Internet wird nicht nur vom Boden, sondern auch aus dem Weltraum fließen.

Bei dieser Transformation werden die Karten neu gemischt.

Die Standards sind noch nicht festgelegt.

Der Patentkrieg hat noch nicht begonnen.

Genau deshalb könnte es diesmal ein Vorteil sein, zu spät gekommen zu sein.

Kann die Türkei die bei 5G verpasste Chance bei 6G nutzen?

Die Antwort liegt nicht in der technischen Kapazität, sondern in der strategischen Entscheidung.

Wenn es immer noch nur darum geht, Geschwindigkeitstests durchzuführen, dann nein.

Aber wenn es um wissenschaftliche Produktion, Patente, Standardsetzung und langfristige Technologiepolitik geht, dann ja.

Denn diesmal geht es nicht um Geschwindigkeit.

Es geht um die Frage, wer die Regeln des Spiels schreibt.

Die Türkei verfügt in diesem Bereich über ein weitaus stärkeres Potenzial, als sie selbst glaubt. Die junge Ingenieurpopulation, die dynamische Struktur des Privatsektors und die Fähigkeit zur schnellen Entscheidungsfindung können bei richtiger Lenkung zu einem ernsthaften Vorteil werden. Für 6G sollte ohne Zeitverlust ein klarer Lizenzzeitplan bekannt gegeben werden. Universitäten, Privatsektor und öffentliche Hand müssen an einen Tisch kommen. Labore müssen eingerichtet, Abschlussarbeiten geschrieben und Teams gebildet werden, die zu den Standards beitragen.

Patente zu produzieren ist ein Ergebnis; das eigentliche Thema ist der Aufbau dieses Ökosystems. Die Türkei hat die Kapazität dazu. Vorausgesetzt, das Ziel wird richtig gesetzt.

Diesmal könnten wir diejenigen sein, die bestimmen, statt nur zu folgen.

Diesmal könnten wir auf der Seite der Produzenten stehen, statt nur Technologie zu konsumieren.

Und vielleicht können wir zum ersten Mal den Vorteil nutzen, nicht zu spät, sondern genau zum richtigen Zeitpunkt mit einer Kommunikationstechnologie zu beginnen.

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