Seit wir von dem Brand im Hotel Grand Kartal in Bolu erfahren haben, haben wir uns auf die Suche nach Schuldigen gemacht. Je nach unserer Wahlpräferenz haben wir uns zwischen der Stadtverwaltung oder dem Ministerium entschieden. Wie bei allen Vorfällen ist für die eine Hälfte der Gesellschaft die Regierung schuld, für die andere Hälfte die Opposition.
Soweit ich es verfolgen konnte, gab es, abgesehen von einigen wenigen Demonstrationen, bei denen sich eine kleine Anzahl von Menschen versammelte und gegen die Regierung protestierte, keine kollektive Reaktion.
Im Gegensatz dazu gab es im November 2024 in Serbien, in der Stadt Novi Sad, nach dem Unglück am Bahnhof, bei dem 15 Menschen ums Leben kamen, landesweit tagelange Proteste, an denen Zehntausende teilnahmen und die Behörden zum Rücktritt aufgefordert wurden. Um 11:52 Uhr, dem Zeitpunkt des Unglücks, hielten die Menschen täglich inne, stoppten das Gehen und das Fahren ihrer Fahrzeuge und führten regelmäßig Aktionen durch. Ähnlich bekannt ist, wie verbreitet und hart die Kultur der Kritik und des Protests in Griechenland ist.
Es ist schwer zu behaupten, dass wir die Voraussetzung einer Nation, nämlich Freude und Leid zu teilen, beherrschen. Leider hinken wir den Gesellschaften, die ich als Beispiel angeführt habe, hinterher, wenn es darum geht, im Schmerz vereint zu sein und Rechenschaft zu fordern.
Warum erleben wir so häufig Katastrophen, deren Ursache Fahrlässigkeit, Sorglosigkeit und bedingter Vorsatz sind, und warum können wir die Verantwortlichen nicht ordnungsgemäß zur Rechenschaft ziehen?
Es gibt eine stillschweigende Vereinbarung zwischen Parteien und Wählern. Wir wählen Kandidaten, die „unsere Angelegenheiten regeln“. Es ist ein Handel. Ich gebe dir meine Stimme, du erfüllst meine gesetzeswidrigen Forderungen, und ich gebe dir die Stimme, also die Befugnis, damit du den größten Teil des Kuchens bekommst. Die Lizenzvergabe durch die Kommunalverwaltungen ist das beste Beispiel dafür.
Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in der Türkei vor 1980 ist höher als die Gesamtzahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer im Jahr 2024. Wenn unsere derzeitigen Gewerkschaften wirklich stark wären, würden sie dann nicht in einem Hotel, in dem das Leben der Mitarbeiter sehenden Auges gefährdet wird, streiken und dem Arbeitgeber das Leben zur Hölle machen? Wie viele der Mitarbeiter in dem abgebrannten Hotel in Bolu waren eigentlich gewerkschaftlich organisiert, oder gab es überhaupt welche?
Können wir neben der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeitnehmer heute sagen, dass zivilgesellschaftliche Organisationen, Anwaltskammern, Berufsverbände und leider auch die Universitäten ein Druckmittel auf die Regierung ausüben?
Wie viele von uns können guten Gewissens sagen, dass die Justizorgane ernsthafte Ermittlungen und Prozesse gegen Ministerien, von der Regierungspartei geführte Kommunen und staatliche Institutionen, die in gewisser Weise wie Parteiorgane agieren, durchführen können?
Wir haben öffentliche Verwalter, die behaupten, bei Ereignissen wie Erdbeben oder Bränden auf Anweisung dieser oder jener Person gehandelt zu haben.
Wenn man sich vom Laizismus und wissenschaftlich geprägtem Denken entfernt, bleiben nur Fatalismus und Ergebenheit. Der Grund für den Tod in einer Mine ist dann nicht mehr der Mangel an Arbeitssicherheit, sondern ein jenseitiges Konzept namens Schicksal (Fıtrat).
„Solche Ereignisse stehen über der Politik, mischen Sie da keine Politik ein“ zu sagen, ist meiner Meinung nach das größte Verbrechen. Von der Geburt bis zum Tod ist in unserem Leben alles politisch, sei es in der Bildung, im Beruf oder im sozialen Leben. Die großen Unglücke, die wir erleben – wenn Sie mich fragen, Morde –, sind eigentlich politisch. Wir erleben das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Das Ziel derjenigen, die diesen Satz formulieren, ist es, das eigentliche Problem aus den Augen zu verlieren. Diese Rhetorik existiert, um sicherzustellen, dass diejenigen, die sich aufgrund ihrer Schreibtischjobs und ihres vergleichsweise höheren Gehalts einer anderen Klasse zugehörig fühlen als die Bergleute, die 300 Meter unter der Erde sterben, sich nicht mit ihnen solidarisieren, obwohl ich nicht daran zweifle, dass sie aufrichtig trauern.
Sobald ich den Satz „Mischen Sie keine Politik ein“ höre, übersetzt mein Verstand ihn als „Stören Sie unsere Ordnung nicht“.
Hinweis: Nach dem Verfassen dieses Artikels gab der serbische Premierminister Milos Vucevic seinen Rücktritt bekannt.
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