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Die Stille, die aus den Brunnen aufsteigt: Die verschwundenen Kinder von Dargeçit

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In jenem Jahr erreichten mich aus verschiedenen Teilen meines Landes nacheinander schmerzhafte Nachrichten, und die Schlagzeilen der Zeitungen berichteten vom fließenden Blut.

 Ich spreche vom Jahr 1995. 

Begeben wir uns nun auf eine Reise zurück in jenes Jahr und nach Mardin. 

In jenem Jahr wurden nach der Nachricht, dass zwei Lehrer und der Sohn eines Dorfschützer-Anführers in Dargeçit, Mardin, von der PKK getötet worden waren, bei einer Operation am 29. Oktober 1995 sieben Personen festgenommen.

Unter den Festgenommenen waren Davut Altınkaynak (12), Seyhan Doğan (13) und dessen Bruder Hazni Doğan (11).  Hazni Doğan beschrieb jenen Tag später wie folgt: "Als sie uns festnahmen, zwangen mich die Soldaten unter Schlägen in den Panzerwagen; mein Bruder sagte: 'Er ist noch ein kleines Kind, schlagt ihn nicht.' Der Soldat, der mich schlug, zog seinen Stiefel aus und begann, meinem 13-jährigen Bruder mit dem Stiefel ins Gesicht zu schlagen. Seine Augen waren trocken, aber er weinte nicht. Nach dieser Grausamkeit, die sie uns antaten, konnte ich nie wieder weinen…"

Hazni Doğan wurde eine Woche nach seiner Festnahme freigelassen, doch sein Körper wies Spuren von Misshandlungen auf. Daraufhin suchte seine Mutter Asya Doğan die Staatsanwaltschaft auf. Sie erstattete Anzeige und gab an, dass ihr Sohn gefoltert worden sei. Zudem fehlte von ihrem anderen Sohn Seyhan jede Spur; sie wollte sein Schicksal erfahren. Da die Mutter keine Antwort auf ihre Eingabe erhielt, erklärte sie, dass ihr Sohn in Polizeigewahrsam verschwunden sei. Daraufhin wurde auch die Mutter aufgrund ihrer Aussagen festgenommen.  

Hazni fasste das Ende seiner Mutter mit folgenden Worten zusammen: "Sie hielten meine Mutter 30 Tage lang in dieser kalten Arrestzelle fest. Ihre Lungen wurden dort geschädigt, was letztlich auch zu ihrem Tod im Alter von 58 Jahren führte."

Wo aber war Seyhan Doğan? 

Die Antwort auf diese Frage sollte erst nach Jahren der Dunkelheit ans Licht kommen. Die Leiche von Süleyman Seyhan wurde vier Monate später nach einem anonymen Hinweis am Telefon auf dem Grund eines Brunnens gefunden; die Hände waren auf dem Rücken gefesselt, der Kopf vom Rumpf getrennt. Angeblich war der Informant der Unteroffizier Bilal Batırır, der von seinem Gewissen geplagt wurde. Doch auch Batırır zahlte einen hohen Preis für diese "Information"; Berichten zufolge wurde er in einem Heizungskessel verbrannt und beseitigt.

Die Zeit schien nur Verbrechen, Grausamkeit, Schande und Schmerz zu kennen.

Im Jahr 2009 wurden die Akten wieder geöffnet. Denn aus der Erde kamen keine Steine mehr zum Vorschein, sondern menschliche Knochen. Bei Ausgrabungen zwischen 2012 und 2015 kam die Grausamkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht. Die Knochen von Seyhan Doğan und seinem Cousin Mehmet Emin Aslan wurden in einem Gartenhaus gefunden, die von Abdurrahman Olcay und Abdurrahman Coşkun auf dem Grund eines Brunnens. Die Überreste des 12-jährigen Davut Altınkaynak lagen in Ruinen am Ufer des Tigris neben den Knochen des 16-jährigen Nedim Akyön.

Hazni Doğan sagte: "Wir haben meine Mutter auf der einen Seite von Seyhan und meinen Vater auf der anderen Seite begraben. Dieses Ereignis hat mir nicht nur meinen Bruder genommen, sondern meine Kindheit und mein ganzes Leben."

Nun war die Justiz am Zug. 

Nun war die Zeit der Abrechnung gekommen.

Wenn nicht jetzt, wann sollte die Gerechtigkeit dann sprechen?

Die entsprechende Anklageschrift wurde am 24. Dezember 2014 von der Staatsanwaltschaft Midyat erstellt. Gegen zahlreiche Personen, allen voran den damaligen Kommandeur des Mardin Gendarmerie-Kommandobataillons, wurde Anklage wegen "vorsätzlichen Mordes" erhoben. Unter Berufung auf Sicherheitsbedenken wurde der Prozess zunächst nach Adıyaman und dann an das 5. Schwurgericht in Ankara verlegt.  Doch das Gericht in Ankara lehnte das Verfahren ab. Daraufhin entschied der Kassationshof, dass der Fall erneut in Adıyaman verhandelt werden solle.

Die erhoffte Gerechtigkeit blieb jedoch aus.

Der Anwalt der Familien, Erdal Kuzu, rief im Gerichtssaal aus: 

"Wir haben die Leichen mit eigenen Mitteln gefunden. Sie unterscheiden zwischen den Opfern. Nirgendwo auf der Welt können diejenigen, die ein 12-jähriges Kind ermorden, straffrei bleiben!"

Das Ergebnis?

Der Prozess zog sich über Jahre hin, doch bei der Suche nach den Mördern kam man keinen Schritt voran. Nach Ansicht der Anwälte der Opferfamilien gab es zahlreiche Beweise, doch die Anklagebehörde sah dies anders. Schließlich, als der Kalender das Jahr 2022 zeigte, wurden alle Angeklagten trotz der Anklage wegen "vorsätzlichen Mordes" freigesprochen. Die daraufhin eingelegte Berufung blieb ebenfalls erfolglos. Im Jahr 2025 trat zudem die Verjährung ein. Auch die Zeit hat ihre Gültigkeit verloren.

Ist der Fall Dargeçit damit nun abgeschlossen?

Nein!

Heute mögen die Öffnungen jener Brunnen mit Beton verschlossen, die Lichter in den Gerichtssälen erloschen und die Akten in staubigen Regalen abgelegt sein. Doch die Kraft der Zeit, Dinge vergessen zu machen, unterliegt stets dem Licht der Wahrheit.

Wenn sich das Recht mit dem Hinweis auf "Verjährung" zurückzieht, bleibt nur jene riesige und kalte Leere zurück. In dieser Leere hallen weder das Siegel der Freisprüche noch die kalte Sprache offizieller Dokumente wider. 

Vielleicht war dies unser größter Irrtum: Gerechtigkeit nur von den Richterbänken zu erwarten. Dabei hatte sich die Gerechtigkeit bereits in dem Moment manifestiert, als die Knochen in einer Ruine am Tigris, im Hof eines Gartenhauses oder auf dem Grund eines dunklen Brunnens gefunden wurden. Die Erde hat mit jedem Knochen, den sie sich weigerte zu verbergen, ihr eigenes Urteil gefällt und die Stille durch das Offenbaren der Wahrheit gebrochen.

Wenn heute in Dargeçit der Wind weht, wirbelt nicht nur Staub auf; man hört die unerzählten Geschichten, die abgebrochenen Kindheiten und das Rauschen jenes Morgens, der nie anbrach. Die Mörder mögen unter uns wandeln, das Leben mag weitergehen. Aber dieser stille Schrei wird in den dunkelsten Winkeln des Gewissens weiterhallen. Verbrechen, die unter der Erde begraben wurden, sterben nicht, sie warten nur auf den richtigen Zeitpunkt.

Denn die Geschichte verzeichnet nicht den Freispruch der Täter, sondern den Schmerz der Kinder. Wie tief dieser Brunnen auch sein mag, das Licht der Wahrheit wird die Dunkelheit eines Tages unweigerlich beenden. 

Denn dieses Licht wird uns alle fragen: Warum kehrt ein Kind nur als eine Handvoll Knochen nach Hause zurück?