Spricht Gott? Und wenn er spricht, wie politisch sind seine Worte? Was aber, wenn es gar nicht Gott ist, der spricht?
In den vergangenen Wochen hatten wir in der Sendung „Açı Farkı“, die auf 12 Punto ausgestrahlt wird, ein anregendes Gespräch mit dem Autor Talha Hakan Alp. An einer Stelle des Gesprächs kamen wir auf das Konzept der „Politisierung Gottes“ zu sprechen. Dieses Konzept ist äußerst aufschlussreich, um nicht nur religiöse Gruppen, sondern die gesellschaftliche Struktur selbst zu verstehen.
Wenn von der Politisierung Gottes die Rede ist, denkt man meist an die Instrumentalisierung der Religion durch die Politik. Doch die Angelegenheit ist tiefgreifender. Denn wenn wir die heiligen Schriften betrachten, ergreift Gott direkt das Wort zu vielen Themen – vom Menschen über die Natur und die Gesellschaft bis hin zur Zukunft und zur Macht. In dieser Hinsicht erscheint Gott nicht nur als metaphysisches Wesen, sondern auch als ein politisches Subjekt, das Normen setzt, Ordnungen vorschlägt und Grenzen zieht.
Die Verse zur Sklaverei beispielsweise legen die Legitimität und die Grenzen der Sklaverei vor Gott dar. Die Bestimmungen zu den Beziehungen zwischen Mann und Frau bieten einen klaren Rahmen für die Geschlechterordnung. Auch die Formulierung, dass man „Frauen leicht schlagen darf“, wie sie in der Übersetzung des Diyanet nach bestimmten Stufen vorkommt, ist in diesem Zusammenhang ein Beispiel für Gottes Eingreifen in soziale Beziehungen. Solche Beispiele ließen sich beliebig vermehren.
Gott steht also vor uns und spricht. Wenn also morgen ein Staat gegründet wird, ist es möglich, dass diese Regeln Teil der politischen Ordnung werden. Tatsächlich war dies im Laufe der Geschichte die stärkste Legitimationsquelle, auf die sich theokratische Staaten stützten.
Das Problem beschränkt sich jedoch nicht nur auf den „sprechenden Gott“ im Islam. Von polytheistischen Glaubensrichtungen über das Judentum und das Christentum bis hin zu modernen religiösen Bewegungen hat Gott zu fast jedem Lebensbereich Stellung bezogen.
Den Zeugen Jehovas zufolge rät Gott den Menschen, den Militärdienst zu verweigern; er stellt sich gegen Gewalt. Den Bahai zufolge verteidigt Gott die Gleichstellung von Mann und Frau und misst der Wissenschaft eine besondere Bedeutung bei. Die Hutterer und Amische innerhalb des Christentums wiederum sind der Ansicht, dass Gott gegen Privateigentum ist und Reichtum nicht gutheißt. Tatsächlich sind auch die Worte Jesu Christi zu diesem Thema eindeutig.
All diese Beispiele zeigen die inhärente Politizität Gottes. Doch es gibt eine weitere, erschütterndere Wahrheit, auf die das Konzept hinweist: die Menschen, die Gott sprechen lassen.
Im Laufe der Geschichte haben zehntausende Menschen aus jeder Religion und jedem Glauben Gott für ihre persönlichen, sektiererischen oder institutionellen Interessen auf das politische Podium gehoben. Sie haben im Namen Gottes gedacht, im Namen Gottes gesprochen und sogar ihre eigenen Texte so präsentiert, als hätte Gott sie geschrieben. An diesem Punkt spricht nicht mehr Gott, sondern der vergöttlichte Mensch.
Wenn es nicht wirklich Gott ist, der spricht, bedeutet das, dass der Mensch sich an Gottes Stelle gesetzt hat. Doch warum wagt der Mensch das?
Weil der Mensch, der sich vergöttlicht, eine absolute Macht erlangt. Er kann seine Ansichten aufzwingen, ohne sie zur Diskussion zu stellen, und Widerspruch im Keim ersticken. Wenn die Quelle der Macht als Gott dargestellt wird, verlieren alle anderen Worte ihre Gültigkeit; der Mensch schweigt, weil er seinen Platz vor Gott kennt. Genau deshalb tritt der vergöttlichte Mensch der Gesellschaft mit der „Waffe Gott“ entgegen und verändert den Verlauf des Kampfes im Handumdrehen.
Die vergöttlichten Menschen von heute sagen nicht offen wie die ägyptischen Pharaonen: „Ich bin Gott.“ Sie denken lediglich im Namen Gottes, sprechen im Namen Gottes und lassen Gott sprechen. Sie führen die Feder Gottes; auch wenn Gott nicht der Autor des Buches ist, wird er als dessen Quelle ausgegeben. So können sie gleichzeitig als Diener und als Gott leben. Fragt man sie, sind sie Diener; doch sobald sie zu sprechen beginnen, wird leicht erkennbar, dass sie keine Menschen mehr sind.
Kann Gott also zum Leben und zum Menschen schweigen? Das ist eine tiefe und offene Frage. Ich persönlich ziehe es vor, dort zu schweigen, wo es Fragen zu Gott gibt. Doch Schweigen lässt die Existenz der Fragen nicht verschwinden.
Die Wahrheit der „Politisierung Gottes“ bietet uns ein starkes Licht, um sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart zu verstehen. Wir müssen uns nur zuerst der Dunkelheit stellen. Dann wird das Licht seinen Platz von ganz allein finden.
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