Der digitale Kapitalismus hat das Eigentum unbemerkt und schleichend in einen bloßen Zugang verwandelt. Es fühlt sich an, als wären wir eines Morgens aufgewacht und hätten festgestellt, dass wir die meisten kulturellen Produkte gar nicht mehr wirklich besitzen. Dabei gab es eine Zeit, in der wir Musikalben kauften. Wir archivierten Filme. Wir legten Bibliotheken an. Wir hatten Spielesammlungen. Dass all diese Medienprodukte „uns gehörten“, war eine Selbstverständlichkeit des Alltags. Dann begannen kleine technische Veränderungen. Zuerst wurden Kassetten und Videorekorder abgeschafft; dann verschwanden CD/DVD-Laufwerke aus Computern und SD-Kartenslots aus Telefonen. Dass nun in Autos neben CD/DVD-Laufwerken bei einigen Modellen auch USB-A-Anschlüsse stillschweigend entfernt werden, ist in Wahrheit keine bloße technische Designentscheidung.
Die Musik, die wir heute auf Spotify hören, gehört uns nicht. Der Film, den wir auf Netflix sehen, gehört uns nicht. Die E-Books, die wir im Internet kaufen, gehören uns nicht. Die meisten Spiele, die auf Steam erworben werden, sind faktisch nur Lizenzen. Wir kaufen also keine Produkte mehr. Wir mieten ein vorübergehendes Zugangsrecht. Dieser Wandel ist das sichtbarste Zeichen des Übergangs des digitalen Kapitalismus vom physischen Eigentum zum Zugangsmodell im Alltag. Denn das Speichern von Dateien wurde mühsam gemacht. Lokaler Speicherplatz wurde verkleinert; Cloud-Speicher wurde vergrößert. Das Auslagern von Fotos, Dokumenten, Musik und Archiven in die Cloud bot Komfort; doch im Gegenzug schuf es eine neue Beziehungsform, die auf ständiger Internetverbindung, Zahlungen und Plattformabhängigkeit basiert. Diese Veränderungen wurden als „technologische Vereinfachung“ präsentiert. Doch was in Wirklichkeit geschah, ist eine durch infrastrukturelle Notwendigkeiten erzwungene Zahlungsverpflichtung. Cloud-basierte Plattforminfrastrukturen bilden ein geschichtetes Ökosystem, das von Technologieunternehmen kontrolliert wird. Folglich ist der digitale Kapitalismus von einer Eigentumsökonomie zu einer Zugangsökonomie übergegangen.
Der große Wandel der digitalen Medien: Vom Produktverkauf zum Streaming
Die Medienökonomie des 20. Jahrhunderts basierte auf Kopien. Das Erlösmodell war klar: Je mehr physische Kopien, desto mehr Umsatz. In den digitalen Medien bedeutete die unendliche Vervielfältigbarkeit digitaler Inhalte für Medienunternehmen sinkende Gewinne und Einnahmen. Doch der Prozess, der mit Napster und Torrent begann – als Medien von einem besessenen Objekt zu einer Datei wurden –, hat sich heute zu einer Plattformökonomie entwickelt, in der Abonnements und Mieten dominieren und den Nutzer zu einem „digitalen Mieter“ degradieren, der nicht einmal mehr vollen Zugriff auf sein eigenes Archiv hat. In diesem Kontext haben Unternehmen das Problem der Schwierigkeit, bei digitalen Inhalten Knappheit zu erzeugen, durch eine Änderung des Geschäftsmodells gelöst. So wandelte sich die Logik der Plattformökonomie zu: „Verkaufe nicht den Inhalt, kontrolliere den Zugang.“
Abonnement-Kapitalismus: Das Regime der ständigen Zahlung
Daher sind Netflix, Spotify, Disney+, Xbox Game Pass, Adobe Creative Cloud… die großen Ökosystem-Partner einer neuen ökonomischen Logik unter dem Deckmantel digitaler Dienste. Im neuen Geschäftsmodell des Ökosystems darf der Nutzer das System niemals verlassen. Ein weiteres Paradoxon des digitalen Zeitalters ist, dass Inhalte und Informationen technisch gesehen so reichlich vorhanden sind wie nie zuvor, der Zugang jedoch so fragmentiert ist wie nie zuvor. Die Film-, Spiele- und Musikindustrie ist von Plattformen abhängig. Aber selbst um einen wissenschaftlichen Artikel zu lesen, ist ein Abonnement bei einer Fachzeitschrift oder eine institutionelle Lizenz für den Zugriff auf eine akademische Datenbank erforderlich. In diesem Sinne verwaltet die digitale Medien- und Plattformökonomie nicht mehr physische Knappheit, sondern Zugangsknappheit. Deshalb arbeiten digitale Medienunternehmen mit Metriken wie Abonnements, wiederkehrenden Einnahmen, Interaktion und monatlich aktiven Nutzern. Die „Abonnement-Müdigkeit“, die bei vielen Menschen entsteht, weil wir quasi ein Abonnement-Portfolio verwalten müssen, ist das natürliche Ergebnis dieses Modells. Die Nutzung von Funktionen in Premium-Paketen wie mehr Speicherplatz, werbefreie Erfahrung, HD-Qualität, Archivzugriff, Schnelllesefunktionen und KI-Features führt dazu, dass Nutzer Teil eines Verhaltensstroms werden, dessen Gewohnheiten ständig optimiert werden.
Stiller Wandel: Vom Konsumenten zum Mieter
Bei all diesem Wandel geschah nichts auf dramatische Weise. Niemand trat eines Tages hervor und sagte: „Ihr werdet ab jetzt kein kulturelles oder informatives Produkt mehr vollständig besitzen.“ Es wurden lediglich Laufwerke entfernt, Speicherplatz reduziert, Streaming vereinfacht, Abonnements normalisiert und die Cloud zum Standard gemacht. Und nach und nach wurde aus Eigentum Zugang. Heute steht im Zentrum der digitalen Medienökonomie nicht mehr der Inhalt, sondern die Kontrolle über Zugang und Verbreitung. Denn der ideale Nutzertyp für den Plattformkapitalismus ist derjenige, der keine Archive führt, keine Dateien speichert, ständig verbunden bleibt und ständig Abonnementgebühren zahlt. Und am Ende dieses Wandels, während das Eigentum dem Zugang und der Miete weicht, ist der Nutzer abhängiger vom Zugang selbst als vom Inhalt. Nutzer, die kein eigenes Archiv aufbauen können, haben ihr Gedächtnis den Cloud-Servern anvertraut, die sie mieten; was passiert, wenn die Plattformen eines Tages den Stecker ziehen?
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