Wir haben bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass sein politischer Algorithmus vollständig darauf ausgerichtet ist, Wahlen zu gewinnen und an der Macht zu bleiben.
Wir wissen inzwischen, dass er alles, von dem er glaubt, dass es ihm politisch nützt, ohne Zögern einsetzt und es, wenn er es nicht nutzen kann, schamlos ausbeutet.
Seit 2002 haben wir das Dutzende, vielleicht Hunderte Male erlebt.
Er weiß, dass dies bei seiner eigenen Wählerschaft sowie bei den konservativen und religiösen Kreisen auf Resonanz stößt.
Deshalb findet er sehr gut Wege, aktuelle Entwicklungen, die er mit der Präzision einer Juwelierwaage abwägt, ganz eigennützig für sich zu instrumentalisieren.
Das muss man ihm lassen.
Wenn beispielsweise im Sport ein internationaler Erfolg erzielt wird, setzt sich der riesige Propagandamechanismus in Gang; durch das Aufbauschen der ihm gewogenen Presse und der Trolle in den sozialen Medien wird den Menschen im Land das Gefühl vermittelt, als ob die Türkei ohne ihn einen solchen Erfolg niemals hätte erzielen können.
Nicht nur im Sport, sondern selbst bei Sicherheitsfragen, die den Bestand des Landes betreffen, ist seine Strategie dieselbe.
Wann immer die türkischen Streitkräfte eine grenzüberschreitende Operation durchführen, zieht er innerhalb von drei Tagen seine Uniform an, tritt mit der Attitüde eines siegreichen „Oberbefehlshabers“ vor die Kameras und übertreibt es maßlos mit dem Pathos.
Er ist in der Lage, sich jeden Erfolg der Türkei, egal in welchem Bereich, ohne Zögern zuzuschreiben. Den daraus resultierenden politischen Gewinn nutzt er in Wahlkampfzeiten bis zum Exzess aus.
Lassen Sie uns jedoch eine kurze Klammer öffnen und mit dickem Stift unterstreichen, dass diese Strategie nicht im Widerspruch zum Paradigma der religiösen Kreise stehen darf. Zum Beispiel wurden unsere Volleyballerinnen, die mit ihrer modernen, republikanischen und Atatürk-treuen Haltung bei den politischen Islamisten Allergien auslösten, trotz ihres Weltmeistertitels auf staatlicher Ebene wie Außenseiter behandelt.
Die letzte Fußball-Europameisterschaft wäre eine großartige Gelegenheit gewesen, sein durch die Niederlage bei den Kommunalwahlen angekratztes Image aufzupolieren; und um von der selbst verschuldeten Wirtschaftskrise, der Inflation, den Lebenshaltungskosten, den durch Flüchtlinge verursachten Problemen, der Verrottung im Justizsystem, dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems und dem neuen Lehrplan, der im Bildungswesen dem mittelalterlichen Denken nacheifert, abzulenken.
Doch die Nationalmannschaft tat das, was für sie schwierig war, und verlor gegen die Niederlande.
Dabei war Seine Majestät in den Gruppenspielen kein Risiko eingegangen, hatte bis zum Spiel, in dem die Halbfinalisten feststanden, gewartet und war nicht nach Deutschland gereist.
In seiner Jugend hatte er dem runden Leder nachgejagt und verfügte über eine eigene Art von „Fußball-Alphabetisierung“. Er muss zumindest geahnt haben, dass die Türkei selbst bei einem Einzug ins Halbfinale kaum Chancen auf das Finale hatte.
Hätte die Nationalmannschaft die Leistung aus dem Österreich-Spiel gezeigt, hätte sie das Spiel gegen die Niederlande gewinnen können.
Er ignorierte die Ratschläge seines Hofstaats nicht; im Falle eines möglichen Sieges hätte er die aufkommende nationale Begeisterung für sich nutzen können.
Er nahm seine geschätzte Gattin und seinen Sohn Bilal mit und flog „zur Unterstützung der Nationalmannschaft“ nach Berlin. Er nahm seinen Platz auf der Tribüne ein.
Doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Die Nationalmannschaft, die zur Halbzeit 1:0 führte, verlor das Spiel mit 1:2.
Hätten sie gewonnen, hätten wir unsere Freude nicht in vollen Zügen genießen können, da wir hätten zusehen müssen, wie das Thema auf TRT-1 stundenlang bis zum Wahnsinn aufgebauscht worden wäre.
Selbst wenn er es nicht direkt getan hätte, hätte die ihm gewogene, schmeichlerische Entourage, die er im Flugzeug mitführte, diesen Erfolg für Seine Majestät vereinnahmt. Nachdem die Nationalmannschaft, mit der sich im Land fast jeder von 7 bis 70 identifiziert, den „königlichen Gruß“ erhalten hätte, hätte der riesige Propagandaapparat, der Goebbels in den Schatten stellt, eine Image-Politur-Kampagne gestartet.
Sie hätten es aufgeblasen, bis es platzt.
Von seinem „glücksbringenden Fuß“, dem Einfluss seiner spirituellen Unterstützung auf die Spieler und wie die „ungläubigen Europäer“ durch sein Erscheinen auf der Tribüne eingeschüchtert wurden, ganz zu schweigen.
Als die Türkei verlor, war die Luft aus der Sache raus.
Dennoch ließ er den Kopf nicht hängen; auf dem Rückweg behauptete er, die Strafe der UEFA gegen Merih Demiral sei politisch motiviert gewesen, behauptete, der Schiedsrichter habe uns einen Elfmeter verweigert, und äußerte, dass ihn die Auslands-Türken auf der Tribüne sehr bewegt hätten.
Er sandte seinen Wählern einen subtilen Gruß über nationale und religiöse Empfindlichkeiten.
Die Rechnung, sich mit einem Sieg gegen die Niederlande einen großen Anteil am Erfolg der Nationalmannschaft zu sichern, ging nicht auf; stattdessen entstand genau das Gegenteil.
Die sozialen Medien tobten erneut, aber nicht so, wie Seine Majestät es sich gewünscht und erwartet hatte.
Die Menschen im Land begannen mit ihrem eigenen Humor regelrecht ein Sperrfeuer zu eröffnen.
Die Kommentare über seinen „glücksbringenden Fuß“ nahmen überhand.
Es gab sogar Leute, die Statistiken darüber erstellten, wie viele der von ihm verfolgten Länderspiele wir verloren haben.
Das berühmte Zitat aus dem Film „Ver Allahım Ver“ von 1973, gesprochen von Alev Emre, das mit den Worten „An dem Tag, als du geboren wurdest, gab es eine Sonnenfinsternis, an deinem vierzigsten Tag trocknete der Bach aus, du kamst zur Tenne, die Tenne fing Feuer“ beginnt, wurde immer wieder geteilt.
Auch der Sohnemann bekam sein Fett weg.
Die Aufnahmen, die nach dem Tor der Nationalmannschaft von Amateurkameras eingefangen wurden, scheinen den Spruch „Als würde man es Bilal erklären...“ in den Schatten zu stellen.
Kurz gesagt: Das Volk ist nicht mehr auf den Kopf gefallen.
Auch Wahrnehmungsmanagement hat seine Grenzen.
Das Messer steht am Knochen.
Abgesehen von denjenigen, die von den politischen Islamisten im Austausch für Stimmen gefüttert werden, kämpft die überwältigende Mehrheit der Menschen im Land fast an der Armutsgrenze ums Überleben. Die Türkei erlebt die größte wirtschaftliche und soziale Krise ihrer republikanischen Geschichte.
Was auch immer sie tun, Goebbels-artige Taktiken werden von nun an wohl kaum noch funktionieren, und damit setzen wir den Schlusspunkt unter unseren Artikel.
* Dieses Sprichwort deutet darauf hin, dass sich nicht immer dieselben Dinge wiederholen oder man nicht immer dieselben Möglichkeiten hat. Es drückt aus, dass eine gute oder positive Situation nicht von Dauer sein muss und dass es auch andere Umstände und Gelegenheiten geben kann.
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