Es war kurz vor der Parlamentswahl 1991.
Ich war Praktikant bei der Zeitung Cumhuriyet. Wie in jeder Redaktion gab es auch bei der Cumhuriyet für junge Reporteranwärter wie mich die Einstellung: „Ich mache alles, was anfällt.“
Telefone abnehmen, zu Pressekonferenzen von NGOs gehen, für die sich niemand interessierte, Kundgebungen kleiner Parteien mit einem Stimmenanteil von nahezu null Prozent verfolgen, sich das Geschwätz von „Informationsquellen“ anhören, die zwar viel redeten, deren Aussagen aber keinen Pfifferling wert waren, und versuchen, daraus irgendwie eine Exklusivmeldung zu machen, um beim Nachrichtenchef oder dem Ankara-Korrespondenten zu punkten...
In jenen Jahren lernte man den Beruf nur so. Da es weder soziale Medien noch das Internet gab, hatten wir keine Sorgen wie „Lass uns Phänomene werden“ oder „Lass uns Content-Creator werden“.
Unsere Generation wollte einfach nur „Journalist“ werden, so wie ich.
Aber das war nicht einfach. Um sich zu bewähren, musste man erst einmal ordentlich leiden, sich an lange und fast endlose Arbeitszeiten gewöhnen, den freien Tag am Wochenende vergessen, die Launen der erfahrenen Reporter ertragen, aber noch wichtiger: niemandem im Büro auf die Füße treten.
Wir konnten nicht wie heute bei jeder Kleinigkeit, wenn jemandem etwas nicht passte, ein Riesentheater veranstalten und schreien: „Die mobben mich!“, zumal wir den Begriff „Mobbing“ damals gar nicht kannten.
Mitten im Trubel des Wahlkampfs klingelte eines Tages das Telefon.
Der Anrufer sagte, er habe über jemanden von uns erfahren, und meinte dann sinngemäß: „Heute um diese Uhrzeit wird eine Delegation des Verbandes der Aleviten-Vereine in die Zentrale der Refah-Partei gehen, um sich mit Erbakan zu treffen. Sie halten es geheim, nur damit Sie Bescheid wissen“, und legte auf.
Ich war sehr überrascht und versuchte, es dem Nachrichtenchef zu erklären, aber da er sehr beschäftigt war, murmelte er nur etwas wie: „Finde erst mal die genaue Uhrzeit heraus und dann geh hin und schau dir die Lage an.“
Befehl ist Befehl, also wählte ich sofort die Nummer der Refah-Partei.
Dort gab es keine Telefonzentralistin wie bei anderen Parteien. Ein Mann mit einer sehr lockeren Art nahm ab.
Ich erklärte schnell mein Anliegen und fragte, ob ich die Uhrzeit des Besuchs der Delegation der Aleviten-Vereine bei Erbakan erfahren könne.
Am anderen Ende der Leitung wurde es still.
Ein Murmeln, dann ein Schlucken...
Dann kam dieser Satz mit gedämpfter Stimme...
„Tövbe estağfurullah“ (Gott bewahre mich vor der Sünde).
- Was soll das heißen... Wer sind die, warum wollen sie hierher kommen...
Der Mann, der eben noch so locker gesprochen hatte, war verschwunden; an seiner Stelle war jemand, der mich am liebsten zusammengestaucht hätte.
„Ich“, sagte ich, „wollte nur die Uhrzeit erfahren...“
Er wollte gerade auflegen und mich mit „Geh deiner Arbeit nach, Bruder, weißt du überhaupt, was du da sagst?“ abfertigen, als jemand anderes den Hörer nahm und diesen erschreckenden Dialog mit den Worten beendete: „Bruder, so ein Programm gibt es nicht, man hat Ihnen falsche Informationen gegeben.“
Trotzdem machte ich mich auf den Weg und wartete vor der Parteizentrale in Balgat. Ich wartete bis zum Abend, aber niemand kam und niemand ging.
Es gibt Leute, die fragen, warum die Regierung in der Türkei das Massaker an den Aleviten in Syrien nicht verhindert. Reden wir Tacheles: Das Unterbewusstsein aller politischen Islamisten, die die Schule des sunnitischen Konservatismus durchlaufen haben, speist sich aus einem tief verwurzelten Aleviten-Hass.
Auch wenn sie das nach außen hin meist zu verbergen versuchen, lassen sie diesen Hass in einem unbedachten Moment sofort durchblicken – genau wie der Mitarbeiter in der Telefonzentrale der Refah-Partei damals.
Wenn es um das politische Tagesgeschäft geht, stärkt es sogar die eigene Basis und erfreut die Fanatiker, wenn die türkische Regierung das von Dschihadisten begonnene Massaker an den Aleviten für ein paar Tage ignoriert.
Nachdem das Assad-Regime in Syrien gefallen war, fragte ich einen alten Freund, der die politischen Islamisten gut kennt, ob die AKP den Stabilitätsaufbau in Syrien unterstützen oder eher den Boden für eine Zersplitterung bereiten würde.
Er sagte: Alles, was sie seit 2002 in der Türkei tun wollten, aber nicht konnten, werden sie entweder unterstützen oder stillschweigend dulden, wenn die Dschihadisten in Syrien es tun. Dass Jolani die Macht übernommen hat, ist auch deshalb wichtig, weil es zeigt, dass das politische islamische Paradigma, das nach dem Arabischen Frühling als gescheitert galt, nicht tot ist. Das heißt, die Angelegenheit hat nicht nur eine militärische, politische und strategische Dimension. Für die AKP-Anhänger gibt es auch die Dimension, die psychologische Oberhand zurückzugewinnen.
Deshalb sollte niemand glauben, dass die Regierung dieses Grauen in Syrien ernsthaft stoppen wird.
Sie werden die Situation mit ein paar Sätzen der Diplomatie aussitzen und so tun, als würden sie sich gegen dieses Massaker stellen, nur damit es vor den Augen der Welt so aussieht. Aber letztendlich werden sie weiterhin händereibend dabei zusehen, wie die Dschihadisten in ganz Syrien Terror verbreiten.
Daran sollte niemand zweifeln!
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