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Schamanisches Tuwa

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Letzte Woche haben wir über den Heidentum in Europa gesprochen und die Balten als die letzten Heiden Europas vorgestellt. Diese Woche widmen wir uns dem Schamanismus, dem Heidentum des Ostens.

Der Schamanismus ist eines der ältesten Glaubens- und Praktikensysteme der Menschheitsgeschichte. Im Zentrum steht die Figur des „Schamanen“, der als Vermittler zwischen der Natur und der Welt der Geister fungiert. Es handelt sich weniger um eine einzelne Religion als vielmehr um eine Gesamtheit von Glaubensvorstellungen, die in verschiedenen Kulturen ähnliche Rituale und Weltanschauungen teilen. Wie wäre es also, an einer echten schamanischen Initiation in Zentralasien teilzunehmen?

September 2014. Reisen ist Kunst/Zentralasien-Expeditionen. Notizen aus Tuwa.

„Auf den nebelverhangenen Gipfeln des Altai löst sich die Zeit auf, während die Trommeln der Tuwa-Schamanen widerhallen; Geist und Wind vermischen sich. Im Blau der Nacht versammeln wir uns um den Feuerkreis; jeder Trommelschlag erweckt alte Echos in uns. Die rote Morgendämmerung bricht wie eine zitternde Flamme in den kupfernen Augen des Schamanen hervor; die in den Himmel geschleuderten Gebete halten sich an den Flügeln von Adlern fest und ziehen in die Ferne. In diesem Land ist der Berg nicht einsam, der Stein nicht stumm. Alles hat einen Geist, jeder Klang eine Geschichte. In den tiefen Tälern von Tuwa verstehe ich auf dieser Reise in das eigene innere Universum, dass Ekstase kein Ziel ist; sie ist jene feine, heilige Schwingung, in der sich Natur und Mensch gegenseitig wiedererkennen.“ Notizen aus meinem Reisetagebuch 2014 „Schamanisches Tuwa“…

Die für ihre Arbeiten über den Schamanismus bekannte Anthropologin und Archäologin Marjorie Mandelstam Balzer fasst es in ihrem Buch „Shamanism: Soviet Studies of Traditional Religion in Siberia and Central Asia“ so zusammen: „Eine Religion oder Kultur ist das, woran du selbst glaubst.“

Und woran glauben Sie selbst? Lassen Sie es uns gemeinsam entdecken…

TAL DER GEISTER: LAND, IN DEM MIT DEM UNSICHTBAREN GESPROCHEN WIRD

In Tuwa geht die Sonne unter… Die Tundra ist in ein rötliches Licht getaucht. Wir befinden uns in Chindozyn, dem einsamen Land des Berges Khairykan, den die Tuwa-Schamanen einmal jährlich besuchen, um in Trance mit den Geistern zu treten. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Das Feuer wird mit den Zwergsträuchern der Tundra entfacht, und der Schamane legt seine mit Adlerfedern und Bändern geschmückte Kopfbedeckung an. Alles beginnt mit dem ersten Trommelschlag. Andere Rhythmen, die harmonisch folgen, vermischen sich mit den Krähen- und Kuckucksrufen, die der Schamane ausstößt. Diese magischen Vögel lenken seine Gebete. Dies ist das erste Ritual in den Tiefen der Tuwa-Tundra. Der erste Zustand der Ekstase zwischen zwei Welten… Die erste schamanische Reise…

EINE NACHT AM SCHAMANENFEUER

Feuer, Rauch und Trance… Wir sind bereit, Zeugen eines schamanischen Rituals zu werden. In der Dunkelheit der Nacht spielt der Schamane seine Trommel vor dem Feuer. Ganz langsam… Er unterhält sich mit den Geistern. Jeder Funke, der aus dem Feuer springt, scheint ihm eine Antwort der Geister zu sein… Böse Geister werden vertrieben. Der Schamane erhebt sich, um seine letzte Aufgabe zu erfüllen, und verstreut Milch, Brot und Fleischstücke in die vier Himmelsrichtungen… Das Feuer wird weiterbrennen. Uralte Geheimnisse werden durch die Flammen in die Zukunft getragen. Wir befinden uns immer noch in Trance um das Feuer. Flammen, die die Weisheit tragen, welche die Nacht erhellt. Und direkt neben dieser Weisheit schlagen wir unsere Zelte auf… Um am nächsten Tag wieder gemeinsam mit dem Schamanen zu erwachen und unsere Reise in der schamanischen Welt von Tuwa fortzusetzen…

TÜREN, DIE SICH DURCH HÖÖMEI ÖFFNEN

Hier versteht man, dass Kehlkopfgesang nicht nur Musik ist, sondern ein Mittel zur Geisterbeschwörung. Die Republik Tuwa, gelegen im Herzen Sibiriens, am Schnittpunkt zwischen Zentralasien und der Steppenkultur, empfängt Sie nicht nur mit ihrer Natur, sondern auch mit ihrem mystischen Klang, der seit Jahrhunderten widerhallt: Höömei. Diese einzigartige Tradition des Kehlkopfgesangs ist ein künstlerischer Ausdruck der uralten Verbindung, die das Volk von Tuwa zur Natur aufgebaut hat, indem es den Wind, die fließenden Flüsse und die Berggeister nachahmt. In der Glaubenswelt, in der Schamanismus und zentralasiatischer Buddhismus ineinandergreifen, ist Höömei nicht nur eine Musikrichtung, sondern ein Werkzeug für die Kommunikation mit Geistern, Meditation und kosmische Balance. Wenn man dieser mehrstimmigen Technik lauscht, die durch den Rhythmus des nomadischen Lebens zu Pferd geprägt wurde, fühlt man sich außerhalb der Zeit, in der Unendlichkeit der Steppe. Eine Reise nach Tuwa verwandelt sich dank Höömei nicht nur in die Entdeckung einer Geografie, sondern in das Gedächtnis einer uralten Zivilisation, in der die menschliche Stimme mit der Natur verschmilzt.

PROPHETIE IM SCHATTEN DER HEILIGEN BERGE

Während wir durch die Steppen von Tuwa reisen, lauschen wir auch den uralten Prophezeiungen, die in der Stille der Steine, im Gedächtnis der Knochen und in der Richtung des Windes verborgen sind. Für die Tuwa-Schamanen ist die Natur ein Buch der Prophezeiungen. Die Anordnung der auf der Ebene verstreuten Steine deutet auf das Schicksal des Reisenden hin, die Knochen von Wildtieren bilden eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, und der Wind, der durch die Gebirgspässe weht, flüstert Antworten auf Fragen. Als Reisender diese Rituale heute zu beobachten, ist nicht nur eine exotische Erfahrung; es ist das Zeugnis der tiefen Beziehung, die die Nomadenkultur zur Zeit aufgebaut hat. Wenn sich die Geschichten am Lagerfeuer mit dem Duft der Steppe und dem Klang des Windes verbinden, wird Tuwa zu einem Ort mit einer Seele, der eher durch Intuition als durch eine Landkarte entdeckt wird. Ein Ort voller uralter Prophezeiungen, die durch das Betrachten von Steinen, Knochen und Wind entstehen…

TIERGEISTER, VERBORGEN IM FELL DER TROMMEL

Hinter jeder Schamanentrommel verbirgt sich eine andere totemistische Geschichte. Die Schamanentrommel, die in den uralten Ländern Sibiriens und besonders in den Steppen von Tuwa widerhallt, ist nicht nur ein Instrument; sie ist der Träger der Tiergeister, die im gespannten Fell verborgen sind. Diese Trommeln, die aus Hirsch-, Wolfs- oder Adlerfell gefertigt werden, gelten als Symbole der Geister, die den Schamanen auf seinen Reisen leiten, und mit jedem Schlag vibrieren die Kraft, die Intuition und das Gedächtnis des Tieres. Für einen Reisenden ist es weit mehr als ein Museumsobjekt, Zeuge dieses Rituals zu werden: Während sich der tiefe Klang der Trommel mit dem Knistern des Feuers vermischt, spürt man, dass diese uralte Partnerschaft mit der Natur noch immer lebendig ist. Der Schamanentrommel in Tuwa zuzuhören ist, als würde man eine Reise antreten, bei der man seine Route nicht nach der Landkarte, sondern nach Rhythmus und Geist bestimmt…

DIE WEISHEIT, DIE DIE STILLE LEHRT

In der Steppe werden Momente, in denen Intuition mehr spricht als Worte, in dieser Reise im Gedächtnis bleiben. Am Ende einer schamanischen Reise bietet Tuwa dem Reisenden nicht nur eine ferne Geografie, sondern eine ganzheitliche Kultur, in der Zeit, Glaube und Kunst miteinander verwoben sind. Tausende Jahre alte schamanische Rituale, Steppen, die Spuren der nomadischen Geschichte tragen, und die intuitive Verbindung zur Natur machen Tuwa zu einem lebendigen Kulturatlas. Während sich die vom Rhythmus der Trommel geprägten Zeremonien, die den Steinen und dem Wind zugeschriebenen Bedeutungen durch den vibrierenden Klang des Kehlkopfgesangs in Kunst verwandeln, erkennt der Besucher, dass die Vergangenheit noch immer atmet. Diese Reise ist weniger eine klassische Reiseerfahrung als vielmehr eine stille, aber tiefe Entdeckung des Menschen zu seinen Ursprüngen; was beim Verlassen von Tuwa zurückbleibt, ist eigentlich weniger die gesehene Landschaft als vielmehr ein gefühlter Geisteszustand.