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Die Universität nach ChatGPT

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Universitäten fungierten über viele Jahre hinweg als zentrale Institutionen des Wissens. Der Zugang zu Informationen war schwierig; Quellen waren begrenzt, die Zahl der Experten gering. Aus diesem Grund wurden Hörsäle, Klassenzimmer und Lehrstühle zu den wichtigsten Mechanismen der Wissensvermittlung in der modernen Gesellschaft. Der Dozent trug vor, der Student hörte zu. Lernen war weitgehend ein einseitiger Prozess.

Doch wir befinden uns nun in einer anderen Ära.

Der Student von heute wartet nicht auf seinen Dozenten, um an Informationen zu gelangen. Ein Thema, das er in der Vorlesung nicht verstanden hat, schaut er sich innerhalb weniger Minuten auf YouTube an, diskutiert es auf X oder Reddit, fragt eine Künstliche Intelligenz oder vergleicht verschiedene Quellen. Systeme wie ChatGPT haben diesen Wandel weiter beschleunigt. Denn heute geht es nicht mehr nur darum, Zugang zu Wissen zu erhalten, sondern eine personalisierte, unmittelbare und interaktive Lernerfahrung einzufordern.

Hier findet sogar ein sehr bedeutender Umbruch statt. Die junge Generation zieht es vor, direkt mit der Künstlichen Intelligenz in einen Dialog zu treten, indem sie Fragen stellt, anstatt auf Google durch Seiten zu navigieren und nach Informationen zu suchen. Anstatt sich in den Links zu verlieren, die eine Suchmaschine anbietet, stellt sie die Frage, die ihr durch den Kopf geht, so, als säße ihr ein Mensch gegenüber. Sie erweitert die Antwort, fordert Beispiele an, lässt sich Dinge erneut erklären und diskutiert. Das bedeutet: Das Verhalten bei der Informationssuche wandelt sich zunehmend von der „Suche“ zum „Dialog“ und, was noch wichtiger ist, vom „passiven Wissenserwerb durch Zuhören“ zum „Stellen von Fragen“.

Was mir dabei aufgefallen ist: Diese Situation erinnert auch an eine Lernform, die älter ist als das moderne Massenbildungsmodell. Vielleicht nähern wir uns wieder der interaktiven Beziehung zwischen dem Philosophen-Lehrer und dem Schüler im klassischen Griechenland an. Denn Lernen ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern ein Prozess des Fragens, Nachdenkens und der geistigen Führung.

An dieser Stelle möchte ich auf ein Zitat aufmerksam machen, das Pythagoras zugeschrieben wird:

„Ein wahrer Lehrer ist nicht derjenige, der den Geist füllt, sondern derjenige, der das innere Licht entzündet.“

Ich denke, genau das ist das Thema, über das Universitäten im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz neu nachdenken müssen. Denn Wissen ist heute überall. Zudem kann das Telefon in der Tasche des Studenten in Sekundenschnelle auf Millionen Seiten Daten zugreifen. Doch die Art des Denkens, die Urteilsfähigkeit, der kritische Ansatz und die Fähigkeit, Sinn zu produzieren, entstehen immer noch nicht von selbst.

Es findet ein stiller Umbruch statt. Während Universitäten weitgehend noch mit dem Bildungsmodell der Industriegesellschaft arbeiten, agieren die Studenten mit den Lerngewohnheiten der digitalen Gesellschaft. Genau hier liegt das Problem.

Das klassische Universitätsmodell basierte darauf, gleichzeitig dasselbe Wissen am selben Ort an eine große Anzahl von Menschen zu vermitteln. Das hatte eine historische Logik. Bücher waren rar, Experten waren rar, der Zugang war begrenzt. Heute jedoch kann das Telefon in der Tasche des Studenten in vielen Bereichen Inhalte schneller bereitstellen als ein traditioneller Frontalunterricht. Deshalb möchte die junge Generation kein passiver Zuhörer mehr sein. Sie orientiert sich an kürzeren, interaktiveren, flexibleren und an ihre Bedürfnisse angepassten Lernformen. Dies könnten die Gründe für die Entwicklung des Modells des lebenslangen Lernens und die Verbreitung von Zertifikatsprogrammen sein.

Der wichtige Punkt hierbei ist, dass dieser Wandel nicht nur technologisch, sondern auch kulturell ist.

Die neue Generation lernt nicht linear. Anstatt ein Thema aus einer einzigen Quelle von Anfang bis Ende Seite für Seite zu verfolgen, lernt sie fragmentiert, netzwerkartig und mit multiplen Quellen. Genau darauf beruht auch die Bezeichnung des Internets als „Hypertext“, also „über den Text hinausgehend“. Sie schaut Videos, liest Kommentare, stellt Fragen an die KI und wechselt dann zu einer anderen Plattform. Während dieser Umstand die Aufmerksamkeitsspanne verändert, transformiert er auch die Lernpsychologie. Dies geschah nicht plötzlich. Seit dem Aufkommen des Internets sind wir schrittweise an diesen Punkt gelangt. Als Wissenschaftler, der bereits vor Beginn des Internetzeitalters 1989 die Netzwerke EARN (European Academic Research Network) und Bitnet nutzte und der sich seit jenen Tagen mit den Auswirkungen von Informatik und Technologie auf Individuum und Gesellschaft befasst sowie akademische Texte dazu verfasst, kann ich dies klar erkennen.

Natürlich birgt dieses neue Modell auch ernsthafte Risiken. Auch das muss gesagt werden. Schneller Wissenskonsum kann oft zu einem Verlust an Tiefe führen. KI-Systeme können falsche Informationen produzieren. Algorithmen können das Individuum in seiner eigenen gedanklichen Komfortzone gefangen halten. Doch trotz alledem ist eine Realität entstanden, die nicht mehr rückgängig zu machen ist: Das Lernverhalten hat sich verändert.

Aus diesem Grund ist das eigentliche Problem der Universitäten nicht mehr die „Vermittlung von Wissen“, sondern die „Sinnstiftung“ inmitten der Informationsflut geworden.

Ich denke, die Rolle des Akademikers muss heute neu definiert werden. Der Dozent muss nicht mehr nur derjenige sein, der Wissen vermittelt, sondern ein Mentor, der die Denkweise des Studenten entwickelt, ihn befähigt, Quellen kritisch zu bewerten, und ihn lehrt, die richtigen Fragen zu stellen. Denn die Künstliche Intelligenz kann zwar antworten, aber welche Frage wichtig ist, bestimmt immer noch der Mensch. In diesem Zusammenhang müssen sich auch die Prüfungen, also die Methoden zur Erfolgsmessung, ändern.

Ich halte es für wenig überraschend, wenn in den kommenden Jahren hybride Modelle, modulare Bildung, projektbasiertes Lernen und personalisierte Inhalte an den Universitäten stärker in den Vordergrund rücken. Große Hörsäle werden durch kleinere Diskussionsumgebungen, Anwendungslabore und digitale Lernnetzwerke ersetzt werden. Kompetenz wird ebenso wichtig wie das Diplom, Problemlösungsfähigkeit ebenso wie das Auswendiglernen.

Für Universitäten geht es nicht mehr nur darum, sich zu digitalisieren, sondern die Lernlogik der digitalen Gesellschaft zu verstehen. Denn in der Zeit nach ChatGPT suchen die Studenten immer noch nach Wissen. Aber sie wollen Wissen nun auf eine andere Art und Weise erlernen.